Solarexperte: Module sind Ramschware ; Wettbewerb ist "gnadenlos"
Florian Söllner
Dieser Experte erklärt das aktuelle Dilemma der Solarbranche. Wolfgang Hummel kennt das "Start-up-Feeling" der chinesischen Solarindustrie, aber auch die deutsche Solarbranche so gut wie nur wenige.
"Der Berliner rechnet mit weiteren Preisrunden".
Spannender geht es nicht: Boom und Krise, Mangel und Überkapazitäten - nirgends ist der Wechsel so schnell wie in der Solarbranche. Mit großem Interesse verfolgt daher auch der Berliner Solaexperte Wolfgang Hummel den Aufstieg und Fall deutscher, aber auch asiatischer Firmen. Gerade jetzt - Aktien und Modulpreise sind seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent abgestürzt, vielen Firmen droht die Pleite - lohnt es sich, genauer hinzusehen.
DER AKTIONÄR: Herr Hummel, was passiert gerade mit dem Solarsektor? Die Kurse fallen auf breiter Front. War die Euphorie nach Fukushima und der Energiewende zu groß?
Wolfgang Hummel: Ja. Denn der Verbraucher wartet darauf, dass die Preise noch günstiger werden und sich im Zuge der angekündigten Energiewende auch die Förderung wieder verbessert. Doch das Gegenteil ist der Fall: In allen wichtigen Solar-Absatzländern wurden die Förderprogramme entweder gedeckelt oder deutlich gekürzt. Italien, Spanien, Tschechien, Frankreich und Großbritannien traten auf die Bremse. Wieso sollte da die Nachfrage anspringen?
Sie fürchten, dass das Thema Solar in der Politik weiter an Bedeutung verliert?
Der Trend ist klar: Alle Staaten müssen sparen. Und in den meisten Ländern hat Strom eine soziale Komponente. Die große Fehlkalkulation der Branche war, dass der Energiepreis steigt und steigt und Solar dadurch wettbewerbsfähiger wird. Tatsächlich wurde jetzt in Indien nicht etwa Solar, sondern Kohle und Benzin subventioniert, da soziale Konflikte erwartet wurden.
Der schwächeren Nachfrage steht derzeit ein viel zu hohes Angebot gegenüber. Ist hier eine Entspannung zu erwarten?
Nein. Wir haben immer noch Überkapazitäten im Markt. Hinzu kommen hohe Lagerbestände aus dem ersten Halbjahr. Bei Calyxo bekommen Sie etwa ab 100 Kilowatt Bestellmenge Bereits ein Apple iPad2 geschenkt. Solarmodule sind zur Ramschware geworden. Hinzu kommt, dass sich die Konjunktur eintrübt. Die Margen sinken daher auch in den nächsten Monaten. Ich bin sicher, dass eine schnelle Erholung der Branche nicht kommen kann. Ich persönlich würde daher vor einem Einstieg in die Aktien von Solarzellen- und Modulherstellern weiter abwarten.
Springt nicht aufgrund sinkender Modulpreise nun der Privatkunde in die Bresche und sorgt für einen Aufschwung?
Es ist zwar sensationell, dass in Deutschland der Erwerb einer Solaranlage über 20 Jahre eine risikolose Verzinsung von sieben bis zwölf Prozent jährlich bringt. Eine solche Förderung zum 6-Fachen des Marktpreises können sich aber andere Staaten nicht leisten. Zudem hätte ja in Deutschland nach einem bis zu 30-prozentigen Preiseinbruch der Module im ersten Quartal die Nachfrage anziehen müssen - doch dieser Effekt wirkt nur noch eingeschränkt.
Firmen wie Solarworld hatten zumindest bisher von einer relativ hohen US-Förderung profitiert...
Am Horizont stehen aber auch hier Kürzungen von Förderungen an. Nächstes Jahr laufen viele Programme aus - und dann wird es auch in den USA mit Marktwachstum vorbei sein. Die Republikaner sprechen ohnehin von "waste of tax-payers' money" im Zusammenhang mit Solar. Haushaltsprobleme ersticken das dort aufkeimende Wachstum. Die Einbrüche auf den europäischen Märken kann der US-Markt nicht kompensieren. In den USA werden wir 2011 nicht mehr als zwei Gigawatt an Absatz erreichen können.
Wie steht es um die Überflieger der letzten Jahre: chinesische Modulhersteller?
Dort herrscht eine faszinierende Aufbruchstimmung. Ich bin seit 20 Jahren in China unterwegs. Hier wird mittlerweile überraschend professionell gearbeitet. Schließlich haben viele asiatische Manager in den USA oder in Australien studiert. Selbst von Q-Cells wurden Angestellte abgeworben. Ein Chinese bei Suntech konnte mir in Wuxi bei Schanghai den Unterschied des Solarmarkte zwischen Bayern und Brandenburg erklären. Und bei Trina Solar liegt das Durchschnittsalter in der Fertigung zwischen 19 und 23. Hier herrscht Start-up-Feeling. Selbst beim chinesischen Neujahrsfest wurde dort ohne Murren weitergearbeitet. Es gab Mitarbeiter, die zwischen den Abteilungen mit ihren Tablets mit Solar-Wafern nicht hin und her gegangen, sondern gejoggt sind.
Dennoch: Das Margenniveau können auch asiatische Hersteller nicht halten. Dazu sind die Produkte zu identisch und die Qualitätsunterschiede immer schwerer nachprüfbar. Die Einbrüche bei Roth & Rau zeigen bereits, dass chinesische Seiteneinsteiger Probleme haben, sich in einem überbesetzten Markt zu behaupten. Ein Extrembeispiel ist Sunvim - Kooperationspartner von Aleo Solar. Selbst dieses Textilunternehmen und Handtuchhersteller für die Olympiade in Peking hat sich eine schlüsselfertige Solarfabrik liefern lassen.
Was wird das bestimmende Thema für die nächsten Jahren sein?
Schlüsselfaktor für Modulhersteller ist, das nötige Volumen für die Kostendegression zu erreichen. Im Flachbildschirm-Bereich hatten wir mittlerweile acht Kostensenkungsrunden - wir sehen ja als Verbraucher, wie günstig TVs oder PC-Bildschirme sind. Im Solarbereich haben wir gerade erst zwei Runden erledigt. Es kommt also noch einiges auf die Firmen zu. Es wird ein gnadenloser Kostenwettbewerb.
Dieses Interview ist in der AKTIONÄR-Ausgabe 36/2011 erschienen.
Aktien-Reports
www.deraktionaer.de/aktien-deutschland/...denlos--17193629.htm
"Entweder wir brechen gemeinsam auf zum Erfolg, oder wir sterben in Schönheit."