Die Deutschen und ihre PapiereAngst vor der AktieDas vierte Jahr nun steigen in Deutschland schon die Kurse - doch die Zahl der Aktionäre sinkt rapide. Nur der Markt für Zertifikate boomt.Von Simone Boehringer
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Graphik: SZ
Das Zutrauen der Deutschen zur Aktienanlage bleibt im internationalen Vergleich weiter niedrig. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) vom Dienstag hatten 10,3 Millionen Bundesbürger im vergangenen Jahr ihr Geld in Aktien oder Aktienfonds investiert.
Das entspricht 15,8 Prozent der Bevölkerung. Damit liegt Deutschland auch vier Jahre nach Beginn der laufenden Börsenhausse noch weit hinter anderen vergleichbaren Ländern zurück.
"Gefahr, zu spielen"Nach DAI-Angaben verfügen zum Beispiel derzeit rund die Hälfte der US-Haushalte über Aktien oder Fondsanteile, in Großbritannien hat ein knappes Viertel der Bevölkerung ein Aktiendepot, in Spanien setzt ein Drittel der Familien auf Dividendenpapiere oder Fonds.
"Dies ist keineswegs ein zufriedenstellendes Ergebnis", kommentierte DAI-Chef Rüdiger von Rosen die Zahlen, die um knapp eine halbe Million hinter dem Stand von 2005 und um rund 2,5 Millionen (etwa zwanzig Prozent) hinter den Rekordzahlen aus dem Jahr 2001 zurückliegen.
Nach einer Delle im ersten Halbjahr 2006 stieg die Zahl der Aktionäre zwar zuletzt wieder an. Allerdings fand die Rückkehr nicht immer eine Entsprechung in den Anlagevolumina. Gut nachzuweisen ist dies etwa für die Aktienfondsanlage. So stieg die Zahl der reinen Fondsbesitzer in den vergangenen sechs Monaten zwar um mehr als eine halbe Million und kompensierte damit die Rückgänge im ersten Halbjahr.
Gleichzeitig sank jedoch das Mittelaufkommen in Aktienfonds nach Angaben des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) bis Ende November per saldo um rund zwei Milliarden Euro. Und das, obwohl der deutsche Aktienmarkt und mit ihm auch Fonds mit diesem Anlageschwerpunkt im europäischen Vergleich weit überdurchschnittlich abgeschnitten hatten (+21,6 Prozent). Laut BVI erzielten europäisch ausgerichtete Fonds im Vergleich eine durchschnittliche Rendite von 18.6 Prozent.
"Es ist bedauerlich, dass der seit 2003 andauernde Aufschwung an den Aktienmärkten bislang an den Privatanlegern weitgehend vorbeigegangen ist", kommentierte Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) die Aktionärsentwicklung.
Auch vor dem Hintergrund des jüngsten Zertifikatebooms, der allein für das erste Halbjahr 2006 eine halbe Million Anleger für diese Anlage in indexnahe Produkte aufwies, sei die Entwicklung bedenklich: "Die Gefahr besteht, dass die Menschen mit Zertifikaten wieder eher spielen und nicht die langfristige Anlage, etwa mit dem Ziel der Aufbesserung der Altersvorsorge, in den Vordergrund rücken", meint Hocker. Aktuelle, verifizierbare Zahlen zum Zertifikatemarkt lagen nach Angaben des DAI am Dienstag noch nicht vor.
Tendenziell schlechterWeniger dramatisch sieht Kapitalmarktexperte Martin Weber von der Universität Mannheim die Entwicklung. "Dass Leute weniger direkt in Aktien investieren, sondern mehr in Fonds- und Indexprodukte, ist sogar positiv zu bewerten", so Weber. So zeigten Studien in den USA sowie auch seines Lehrstuhls für Deutschland, dass Privatanleger, die selbst in Einzelaktien investieren, "tendenziell eine um drei bis vier Prozent schlechtere Wertentwicklung ihres Portfolios aufweisen als Profis".
Die insgesamt recht zögerliche Rückkehr der Privaten an die Börsen sehen die meisten Experten auch in engem Zusammenhang mit den schlechten Erfahrungen kurz nach der Jahrtausendwende. "Viele sind damals mit Risiko arm geworden", meint Weber mit Blick auf den Niedergang der Kurse 2000 bis 2002, und einige hätten daraus gelernt, mit bescheideneren Renditen zurechtzukommen, wie sie eben Fonds- oder Zertifikateanlagen meist böten. "Manche Anleger sind in den vergangenen Monaten auch schlicht ausgestiegen, weil sie ihre Einstiegskurse vor der letzten Baisse wiedergesehen haben", meint Franz-Josef Leven, der die Aktionärsstatistiken beim DAI verantwortet. Tatsächlich dokumentieren die Zahlen des Aktieninstituts den stärksten Rückgang bei den reinen Aktionären, die nur Einzelwerte halten. Hier gab es Ende 2006 noch knapp 2,4 Millionen und damit um rund 13 Prozent weniger als noch im Jahr davor.
Hocker von der DSW und von Rosen vom DAI sehen zur Förderung der Aktienkultur die Politik in der Pflicht. "Die Halbierung des Sparerfreibetrages zu Jahresbeginn ist das falsche Signal in einer Zeit, in der Bürgern eine verstärkte private Vorsorge abverlangt wird", so von Rosen.
Gleiches gelte für eine zu hohe Abgeltungssteuer oberhalb 20 Prozent. Zusammen mit der Abschaffung des Halbeinkünfteverfahrens bezeichnete Hocker die Reform als "höchste Steuererhöhung für Anleger seit langem".
(SZ vom 17.1.2007)
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