Pierer verabschiedet sich mit Rekordgewinn
Siemens «Bezüglich des Alstom-Konzerns sind wir nicht mehr in Lauerstellung»
Vom Gewinnschub profitieren die Aktionäre über eine höhere Dividende. Die Gewinnaussichten fürs laufende Jahr wird der neue Siemens-Chef mit dem Quartalsergebnis bekannt geben. Zum Fall Alstom gibt sich Siemens mittlerweile versöhnlich.
Peter K. Sonderegger, München
Es ist schon ein Gefühl der Wehmut, das da aufkommt», sagt Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Mit der Hauptversammlung vom 21. Januar wird er «den schönsten Job, den die deutsche Wirtschaft zu vergeben hat», an Klaus Kleinfeld übergeben und sich nach 12 Jahren als CEO auf den Vorsitz des Aufsichtsrates zurück- ziehen. Seinen Abschied schmückt «Mister Siemens» mit einem hervorragenden Resultat. Selbst der um ausserordentliche Positionen bereinigte Gewinn liegt um 23% über Vorjahr. Die Aktionäre sollen eine von 1,10 auf 1,25 Euro erhöhte Dividende erhalten. Und die Deckungslücke der Pensionskassenpläne von 3,1 Mrd. Euro wird durch eine Sonderdotierung im Umfang von 1,5 Mrd. Euro praktisch halbiert. Fürs laufende Jahr macht Siemens keine Gewinnprognose. Das sei keine Gewinnwarnung, sagt Pierer. Bevor die neue Mannschaft des neu formierten Bereichs Communications über die Bücher gegangen sei, sei eine Prognose unseriös.
Solides Kraftwerkgeschäft
In 10 der 13 Geschäftsfelder hat Siemens im Geschäftsjahr 2003/04 das Ergebnis verbessert. Zu den Spitzenverdienern gehören die Bereiche Medizintechnik, Automation & Drives, VDO Automotive und Power Generation. In der Kraftwerksparte zeigt der Alstom-Konkurrent auch nach der geplatzten US-Kraftwerkblase immer noch eine solide operative Marge von 12,8% (Vorjahr 16,8%). Im Auftragsplus von 27% spiegelt sich auch die Übernahme des Alstom-Industrieturbinengeschäfts. Die von Zürich aus geführte Sparte Building Technologies zählt Pierer zur Kategorie der Geschäftsfelder, die mittlerweile «die Probleme im Griff haben» und sich auf gutem Weg befinden.
Sorgen mit Bahnen und Handys
Grösstes Sorgenkind bleibt das Bahngeschäft. Zum Spartenverlust von 434 Mio. Euro hat allein das Debakel mit den auch nach Basel und Bern verkauften Combino-Trams rund 400 Millionen beigetragen. Die fehlerhaften Strassenbahnen seien vorläufig so weit repariert, dass sie sicher betrieben werden können. Ein erstes Fahrzeug mit der endgültigen technischen Sanierung sei mittlerweile im Einsatz.
Rote Zahlen schreibt Siemens wieder im Handy-Geschäft. Dies, obwohl Siemens die Zahl der verkauften Handys um 30% auf 51 Mio. Stück gesteigert hat. Der Turnaround sei weder leicht noch schnell zu erreichen. No comment gab es gestern zu möglichen Kooperationen der Handy-Sparte.
Generationenwechsel
Pierers Nachfolger Kleinfeld hat den Turnaround im schwierigen US-Geschäft erreicht. Entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen an den Neuen. Ein Kulturbruch sei nicht zu erwarten, beruhigt der Finanzchef im lockeren Gespräch mit Journalisten. Man darf aber gespannt sein, wie Kleinfeld die Balance zwischen den kurzfristigen Renditeforderungen der angelsächsisch inspirierten Finanzmärkte auf der einen Seite und den langfristig ausgerichteten bewährten Siemens-Werten schafft. Pierer hat in seinen zwölf Jahren als CEO den behäbigen, technologiegetriebenen Konzern auf Rentabilität getrimmt, ohne die langfristige Ausrichtung zu gefährden. Dies gegen den massiven Druck der Finanzmärkte, die während des New-Economy-Hypes mit Macht den Ausstieg aus den heute sehr rentablen «Old-Economy»-Sparten Kraftwerkbau, Medizintechnik usw. gefordert hatten.
Pierer ist in den letzten Monaten nicht zur «lahmen Ente» geworden. Im Gegenteil. Er hat die mächtige IG Metall zu Lohn- und Arbeitszeitkonzessionen bewegt, die vor kurzem in Deutschland als undenkbar galten.
Versöhnliches zum Fall Alstom
Deutlich hat Pierer über die letzten Monate demonstriert, dass Siemens in der Konsolidierung der Elektroindus-trie aktiv mitspielen will. Sein Credo: Der Vormachtstellung von General Electric müsse ein starker europäischer Gegenpool gegenübergestellt werden. Auf gutem Weg ist die Übernahme der österreichischen VaTech, mit der Siemens u. a. den Abstand in der Stromübertragung zu der in diesem Sektor klar führenden ABB reduzieren kann. Bei Alstom ist Pierer nicht zum Zug gekommen. Beim Thema Alstom ist Pierer heute sichtlich bemüht, die Gemüter wieder zu beruhigen. «Wir sind in keiner Form in Lauerstellung», so Pierer gestern. Er habe Verständnis dafür, dass die französische Regierung Als-tom-Arbeitsplätze retten wolle. Und er sei zuversichtlich, dass das mit marktwirtschaftlichen Mitteln geschehe.