Agrarrohstoffe
Das Zeitalter des Mangels?Von Chris Farrell
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Hunger: Mangel an Technik oder Mangel an Ressourcen?
10. April 2008 Geht der Geist von Thomas Robert Malthus in der globalen Wirtschaft um? Leider scheint dies so zu sein. Malthus war im18. und beginnenden 19. Jahrhundert eine Schlüsselfigur für die Entwicklung der wichtigsten modernen Volkswirtschaften. Unter anderem kreierte Darwin die Idee von der natürlichen Auslese nach der Lektüre von Malthus „Essay on Population“.
Am bekanntesten ist Malthus jedoch für seine pessimistische Auffassung, dass eine Tendenz von „den elenden Bewohnern von Feuerland bis zu den Bettlern von Tissu Lumbu (Tibet)“ bestehe, dass das Bevölkerungswachstum zur Erschöpfung der Rohstoffe führe.
Beweise für Pessimisten
Die düstere Dynamik verläuft nach folgendem Muster: Steigende Einkommen führen zu erhöhter Fruchtbarkeit und niedrigerer Sterblichkeit mit der Folge, dass die gleiche Ackerfläche mehr Mäuler stopfen muss. Wachstum und Einkommen fallen. Dieser Prozess wiederholt sich wieder und wieder. Kein Wunder, dass der viktorianische Historiker Thomas Carlyle Malthus als „trübsinnig, stumpf, düster und ohne Hoffnung für diese oder die andere Welt“ beschrieb.

Im 21. Jahrhundert dreht sich die Sorge um das dramatische Wachstum der Weltwirtschaft und vor allem die Kaufkraft der Konsumenten in China, Indien, Brasilien, Chile, Mexiko, Russland und anderen Schwellenländern. Der Anstieg der Grenz-Volkswirtschaften belastet die natürlichen Ressourcen zu stark. Die Preisanstiege, die wir derzeit erleben, sind keine vorübergehenden Verwerfungen des Marktes, sondern ein permanentes Abdriften in ein Zeitalter des Mangels.
Könnten die Pessimisten Recht haben?
Dafür gibt es gewisse Belege. Zweifellos haben die Rohstoffpreise trotz einiger Korrekturen in jüngster Zeit ein atemberaubendes Niveau erreicht. Der Rogers International Commodities Index, der die Preisentwicklung von 36 verschiedenen Rohstoffen, angefangen bei landwirtschaftlichen Produkten über Energie bis hin zu Metallen abbildet, ist in den vergangenen zehn Jahren um 383 Prozent gestiegen. Die Ölpreise sind von 23 Dollar pro Barrel im Jahr 2003 auf derzeit etwa 100 Dollar geklettert. Dieser Ölpreisanstieg könnte teilweise auch bedeuten, dass die Welt nahe am „Peak Oil“ ist, dem Ölfördermaximum, nach dem die globale Ölförderung allmählich geringer wird..

China führt Preiskontrollen für Nahrungsmittel ein
Auch die Preise für Nahrungsmittel explodieren. Die Organisation für Nahrungsmittel und Landwirtschaftliche Produkte der Vereinten Nationen erklärt, ihr Nahrungsmittel-Index sei auf dem höchsten Stand seit ihrer Gründung im Jahr 1990. Hohe Lebensmittelpreise bringen die Haushaltskassen schon in Industrieländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika in Bedrängnis, sind jedoch für Einkommen in den Entwicklungsländern eine Katastrophe. Dies ist der Grund für Massenproteste in Mexiko aufgrund der Kosten von Tortillas; Senegal, Mauretanien und andere Teile Afrikas erleben Unruhen wegen der hohen Getreidepreise, und Kinder gehen im Jemen auf die Straße, um gegen den Hunger von Kindern zu protestieren.
Auch die Regierungen werden nervös. Sie treffen verschiedene Maßnahmen, um den Preisanstieg zu bremsen und die Versorgung zu sichern. Beispielsweise werden laut jüngstem Ausblick der Asian Development Bank Einfuhrzölle auf Nahrungsmittel und Getreide vorübergehend in einigen Ländern gesenkt und in anderen Ländern Ausfuhren besteuert oder eingeschränkt, um die heimische Nahrungsmittelversorgung zu verbessern.

Eine Reihe von Ländern, wie China, führt auch Preisbindungen auf Nahrungsmittel ein. „Künstliche Preissenkungen und Inflationsdrosselungen stumpfen Marktanreize ab und sind lediglich geeignet, in der Zukunft zu höheren Preisen zu führen“ befürchten die Autoren des Berichts 2008 über die Entwicklung in Asien.
Optimisten entwarnen
Dennoch gibt es gute Gründe, anzunehmen, dass das Zeitalter des Mangels nicht angebrochen ist. Einerseits sollte die langfristige Wirkung hoher Marktpreise und technologischer Innovation nicht unterschätzt werden. Der verstorbene Julian Simon, ein bilderstürmender Umweltoptimist und Professor für Betriebswirtschaft, fasste die wesentliche Dynamik in der Einführung zu seinem Aufsatz „Forecasting the Long-Term Trend of Raw Material Availability“ zusammen.
„Die Abfolge verläuft im Wesentlichen folgendermaßen: (1) Bevölkerungs- und Einkommenswachstum führen zur Verknappung von Rohstoffen und steigenden Preisen; (2) Wahrnahme des Verknappungsproblems mit den hiermit verbundenen Chancen, (3) Suche nach neuen Lösungen; (4) Entwicklung von Lösungen, die uns besser dastehen lassen, als wenn das ursprüngliche Problem niemals entstanden wäre.“
Was würde Schumpeter sagen?
Tatsächlich ist nicht Malthus, sondern Joseph Schumpeter der ökonomische Prüfstein unserer Zeit. Berühmt wegen seiner Metapher vom Prozess der „kreativen Zerstörung“, durch den neue Technologien, neue Märkte und neue Organisationen die alten ersetzen. Wissen, Innovation und Unternehmertum sind, was zählt. Fragen Sie einfach die Risikofreudigen aus dem Silicon Valley, der Route 128 oder dem Beltway, die angesichts des hohen Ölpreis eifrig nach alternativen Energie-Technologien suchen.
Ebenso wichtig ist jedoch auf kürzere Sicht die Politik insbesondere schlechte Politik. Nehmen wir den rasanten Anstieg der Lebensmittelpreise. „Ich stimme in dieser Hinsicht nicht mit Malthus überein“, sagt C. Ford Runge, Agrarökonom an der Universität von Minnesota. „Das Phänomen ist das Ergebnis eines gewissenhaften, rationalen, eigennützigen Anspruchs mit enormen Begleitfolgen“.
Umlenkung von Getreide in die Energieversorgung
Zweifellos stammt die Nachfrage nach besseren Nahrungsmitteln zum Teil aus dem höheren Wohlstand der Entwicklungsländer. Die Menschen können sich hochwertigere Lebensmittel leisten, diese Nachfrage übt langfristig Druck auf die Versorgung aus.
Deshalb übt Runge beißende Kritik an den in Amerika, Europa und andernorts, massiv in die Biosprit-Industrie gepumpten Subventionen. Einer der Kostenfaktoren des Aufbaus dieser Industrie ist der weltweite Anstieg der Getreidepreise. Dies lässt sich zum Teil aus der vom Kongress verabschiedeten und von Präsident George W. Bush im Jahr 2007 unterzeichneten Energie-Gesetzgebung zurückführen.
So kommt es zu unbeabsichtigten Folgen. Die Umleitung von Getreide in die Energieversorgung - und die damit verbundenen Preissteigerungen - ist eine Katastrophe für die annähernd eine Milliarde Armen in der Welt, die chronisch ohne sichere Nahrungsmittelversorgung sind. Runge stellt fest, dass in Asien Getreide 63 Prozent der Ernährung ausmacht, 60 Prozent in den früheren Sowjetrepubliken und Nordafrika, 50 Prozent in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und 43 Prozent in Lateinamerika. Hier ein Gedanke: Bevor wir alptraumhafte Visionen eines malthusianischen Zeitalters an die Wand malen - warum nicht erst mal die Subventionen für Biosprit abschaffen?
Gedenken an den Club of Rome
Dann können die Regierungen in den Entwicklungsländern sich auf die Verbesserung ihrer landwirtschaftlichen Techniken und Erträge konzentrieren. Die Asian Development Bank ruft die Regierungen zu größeren Anstrengungen zur Verbesserung des technischen Fortschritts und der Produktivität „durch Infrastrukturinvestitionen, insbesondere die Einführung von Bewässerungssystemen und zur institutionellen Unterstützung über Kreditvergabe und Wissenstransfer“ auf.
Kommentatoren und Analysten haben immer wieder einen malthus'schen Alptraum vorausgesagt - zu Unrecht. Denken wir an den Club of Rome und dessen schreckenerregende Prognose von den Grenzen des Wachstums, die während der Öl- und Nahrungsmittelkrise in den siebziger Jahren veröffentlich wurde. Was ist aus der Wette des Jahres 1980 zwischen dem Bevölkerungspessismisten und brillanten Biologen Paul Ehrlich und dem ewigen bereits genannten Optimisten Julian Simon geworden? Ehrlich wählte am 29.September 1980 fünf Metalle aus, deren Preise seiner Meinung nach steigen würden, da er annahm, ein malthus'scher Engpass werde die Preise für natürliche Rohstoffe in die Höhe treiben.
Würden die Preise inflationsbereinigt steigen, so sollte Simon an Ehrlich zahlen, fielen sie, so käme Ehrlich in die Pflicht. Zahltag war der 29.September 1990. Nun, die achtziger Jahre kamen und gingen; trotz eines verblüffenden Anstiegs der Weltbevölkerung um 800 Millionen fielen die Metallpreise. Ehrlich löste die Wette mit Simon ein und zahlte ungefähr 600 Dollar.
Fast zwei Jahrzehnte später werden wir unsere eigenen Wetten abschließen: Wir werden nicht in ein Zeitalter des Mangels eintreten, solange wir eine Politik betreiben, die Innovationen und das Marktwachstum fördert.
Chris Farrell ist Redakteur der Business Week.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: Bloomberg, dpa