Drillisch bastelt am Super-Provider
von Volker Müller (Hamburg)
Geht es nach dem Willen von Drillisch, hat der renditeschwächende Wettbewerb der Mobilfunkdienstleister bald ein Ende. Der Vorstand plant den Aufbau eines einzigen Super-Serviceproviders in Deutschland - einer Verbindung der Marktgrößen Debitel, Mobilcom, Talkline und des eigenen Unternehmens.
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Drillisch-Chef Paschalis ChoulidisBasis soll Mobilcom sein, bei der Drillisch gerade eingestiegen ist. Das Unternehmen schiebt einen Verlustvortrag von 3 Mrd. Euro vor sich her - ein steuerlicher Leckerbissen. Alle Reserven ließen sich somit in einer Fusion heben, ohne fiskalisch kräftig belastet zu werden. "Der Kauf eines Anteils von 9,39 Prozent an Mobilcom durch Drillisch am Montag ist erst der Anfang gewesen", sagte Drillisch-Vorstandschef Paschalis Choulidis der FTD.
Die Serviceprovider stehen unter erheblichem Druck: Sie erwerben bei den Netzbetreibern Leistungen und verkaufen diese unter eigenem Namen weiter. Ihre Marktanteile sinken seit Jahren: Hatten 1995 noch mehr als 60 Prozent der Handynutzer ihren Vertrag bei einem Provider, sind es inzwischen weniger als 25 Prozent. Marktführer Debitel erzielte zuletzt kaum sechs Prozent Marge vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda).
Spoerr zum Rapport gebeten
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Diesen Artikel jetzt anhören Drillisch schafft hingegen eine Marge von über zehn Prozent, und Choulidis sieht keinen Grund, warum das nicht in der ganzen Branche möglich sein sollte. Insgesamt ließen sich durch die Fusion pro Jahr 450 Mio. Euro Reserven heben, rechnet er vor, etwa durch Einsparungen und Skaleneffekte in Vertrieb, Einkauf und Verwaltung.
Am Freitag muss nun Mobilcom-Vorstand Eckhard Spoerr zum Rapport bei dem neuen Großaktionär antreten. Die Ansichten beider Seiten könnten nicht unterschiedlicher sein: Während Spoerr verbissen für eine Kombination von Festnetz- und Internetzugang sowie Mobilfunk kämpft, setzt Choulidis auf das lupenreine Geschäft mit der mobilen Kommunikation. Der Termin dürfte zum Lackmus-Test werden: "Ich möchte vom Vorstand gerne wissen, ob er die Konsolidierung unterstützt oder nicht ", formuliert Choulidis die Erwartung noch freundlich.
Branchengrößen stehen Konsolidierung offen gegenüber
Marktanteile der Serviceprovider im MobilfunkEr ist Diplomat: "Vielleicht zeigt mir Herr Spoerr auch Perspektiven für die Mobilcom-Tochter Freenet und das Internetgeschäft auf, die ich bisher nicht kenne", sagt Choulidis salomonisch. Er wolle sich "großartigen Ideen" nicht verschließen. Die jüngsten Zahlen sprächen aber eine andere Sprache: Im zweiten Quartal sank der Freenet-Umsatz um zwölf Prozent, das Ebitda-Ergebnis gar um 36 Prozent.
Die Branchengrößen Talkline, Debitel und Mobilcom sind alle in der Hand von Finanzinvestoren. Sie stehen einer Konsolidierung der Branche offen gegenüber. Ihr Interesse gilt einer hohen Verzinsung ihres Einsatzes. Die Unterstützung der Banken für den Großumbau der Provider hätte Drillisch wohl auch. Schon der etwa 105 Mio. Euro teure Kauf des Mobilcom-Anteils ist fast komplett fremdfinanziert, lässt Choulidis im FTD-Gespräch erkennen. "Für Banken ist das risikolos: Drillisch hat einen positiven Cashflow, eine hohe Marge, eine Barreserve von fast 30 Mio. Euro und die Mobilcom-Aktien als Sicherheit", sagt auch Frank Rothauge, Analyst des Bankhauses Sal. Oppenheim.
Urgestein Choulidis
Choulidis, gelernter Radio- und Fernsehtechniker, ist ein Urgestein der Branche. Er hatte 1986 die Alphatel-Gruppe gegründet, die 1998 von Drillisch geschluckt wurde. Seit April 2005 ist er Vorstandschef von Drillisch. Der Kauf des Mobilcom-Anteils dürfte für ihn ein Empfehlungsschreiben der besonderen Art sein: für den Vorstandsvorsitz des Super-Providers. "Allen Providern stehen Manager mit maximal drei Jahren Branchenerfahrung vor. Choulidis hingegen ist 15 Jahre dabei - und erzielt die besten Margen der Branche", sagt Analyst Rothauge.
Falls das große Ziel des Super-Providers scheitert, bliebe Drillisch noch Plan B: Nachdem AOL an Hansenet verkauft worden ist, sind Freenet die Übernahmeziele ausgegangen. Damit könnten die stillen Reserven, die bei der Fusion mit der Mutter Mobilcom in der Bilanz gehoben werden, doch an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Das ließen vom Sommer 2007 an sogar die jüngst geschlossenen Vergleiche mit den Fusionsgegnern zu. Die erwartete Höhe: fast 1 Mrd. Euro. Bei einem Anteil von zehn Prozent hätte Drillisch Anspruch auf knapp 100 Mio. Euro - und damit den Kaufpreis des Mobilcom-Anteils von etwa 105 Mio. Euro fast vollständig wieder zurückbekommen.
Aus der FTD vom 12.10.2006
© 2006 Financial Times Deutschland, © Illustration: Drillisch AG,