nun auch noch Steffel ins KOMPETENZTEAM
SPIEGEL ONLINE - 21. Juni 2002, 18:49
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Stoiber im Fußballrausch
Ohne Schlips und Sakko
Von Matthias Gebauer
Mit einem gut organisierten Auftritt in einem Berliner Biergarten wollte auch der Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber endlich seine Fußballkompetenz zeigen. Doch trotz detaillierter Planung wollte der Funke vom Bayern in der Hauptstadt nicht so recht überspringen.
AP
Genauso sollte es aussehen: Edmund Stoiber und Sohn Dominik am Freitag in Berlin
Berlin - Gut, dass Edmund Stoiber in seinem Dienst-BMW einen kleinen Fernseher eingebaut hat. Denn die Fragen der Journalisten der Bundespressekonferenz hatten den Kandidaten zu lange aufgehalten. Tragische Folge: Der Kandidat kam zu spät zum Fußballjubel. Die extra aus dem ganzen Bundesgebiet angekarrten Anhänger der Jungen Union mussten das erste und einzige Tor der deutschen Mannschaft im WM-Viertelfinale gegen die USA ohne ihren ersten Mann beklatschen. Edmund Stoiber erreichte die historische Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg erst, als der Jubel seiner Mannen gerade wieder verloschen war. Doch statt Fußball-Chören brandete schnell ein "Edmund! Edmund!" auf. Der Kandidat grinste wie gewohnt, riss sich schnell die Krawatte vom Hals und knöpfte das Hemd auf. Schließlich war jetzt Fußball- und nicht mehr Wirtschaftskompetenz wie noch eine Stunde zuvor gefragt.
Alles war auf dem Innenhof der alten Brauerei gut für Stoibers Auftritt gerüstet. Zur Sicherheit hatte die Berliner Polizei gleich sechs Mannschaftswagen aufgefahren, schlich mit Uniformierten und reichlich Zivilen mit ausgebeulten Sakkos und lässigen Sonnenbrillen auf dem Gelände herum und ein privater Sicherheitsdienst selektierte schon an extra aufgebauten Gittern ein bisschen das Publikum für die Fußballfeier mit dem Kanzler in spe. Auf jeden Fall wollte man eine Szene wie die von Stoibers erstem Auftritt im Berliner Wahlkampf auf dem nahe gelegenen Alexanderplatz verhindern. Damals wurden er und der Lokalkandidat Frank Steffel mit rohen Eiern und Batterien beworfen und die Veranstaltung musste abgebrochen werden.
Familienauftritt mit aufgeregter Mutter
Die Aktion diente natürlich in erster Linie einem Zweck: Die Fußballkompetenz des Kanzlerkandidaten zu unterstreichen. Da kam ein Termin der Jungen Union (JU) mit Großbildleinwand und Biergartenatmosphäre im Berliner Szene-Bezirk gerade recht. Am Rande wollte Stoiber noch schnell die JU-Kampagne "Jugend für Stoiber" und den zugehörigen Truck, eine Art Guidomobil für Stoiber, vorstellen und den Startschuss für die Stoiber-Tour geben. Volles Programm also für den Kandidaten, der weiß, dass sich zurzeit alles um Fußball dreht.
Um den Kandidaten herum war die Prominenz der Berliner CDU plaziert, die auch Fußball oder Stoiber mag: Wahlverlierer und Fraktionschef Frank Steffel hatte sich eine Reihe hinter Stoiber gesetzt, einige Führungspersönlichkeiten der Jungen Union neben ihn, ebenso Stoibers Sohn - schließlich ist der ja auch noch fast ein Jugendlicher und wie geschaffen für die Fotos. Dominik Stoiber soufflierte dem Vater dann auch gleich die wichtigsten verpassten Spielszenen. Die Unionsanhänger konzentrierten sich wieder aufs Spiel, tranken weiter ihr Bier. Ihr Kandidat bestellte Wasser.
Steffel ins Kompetenzteam?
Stoiber brauchte etwas Zeit, um in Fahrt zu kommen. Wie zuvor in der Bundespressekonferenz wirkte der CDU-Mann am Freitag etwas müde und unkonzentriert, kaute auf den Lippen und sah verbissen in die vor ihm postierte Fotografenmeute. Doch Stoiber wurde tatkräftig unterstützt, denn was der Bayer an Verve vermissen ließ, glich Frank Steffel mit seiner Berliner Schnauze aus. Wenn es in Stoibers Kompetenzteam noch einen Platz für Fußballexperten gäbe, Steffel hätte ihn gewonnen. Immer wieder glänzte der Fraktionschef durch fachkundige Einschätzungen ("Zu klein-klein!"), Emotionen ("Mensch Kinder, nun kommt") oder Bewertungen in der Klasse eines Fußballkommentators ("Der muss raus!"). Und auch die nötige Ergebenheit für den Chef ließ Steffel erkennen. "Dem Stoiber glaub ich alles!", rief er, nachdem der auf ein 2:0 für die Deutschen getippt hatte.
Doch dann war schnell Pause und damit Zeit für den Wahlkampf. Stoiber hechtete auf die Bühne, zog sich jetzt auch noch das Sakko aus und begann mit der gleichen Rede, die er eine Stunde zuvor schon in der Bundespressekonferenz und davor auch schon Dutzende Male gehalten hatte. Einziger Unterschied: Alles lief mit "du", denn es ging am Freitag ja um die jungen Leute. Doch auch für die gilt, was alle anderen von Stoiber zu hören bekommen. Das sind die Sätze, die mit "Es kann nicht sein" beginnen und von denen Stoiber viele parat hat. Die paar Störer, die von der Polizei fern gehalten wurden, pfiffen gegen den Applaus der angereisten JU-Leute an, die jetzt aber auch wieder Fußball sehen wollten. Manche, die das JU-Alter schon um einige Jahre überschritten hatten, wollten wenigstens noch ein Autogramm vom Ministerpräsidenten.
Mit Oliver Kahn ist auch Stoiber ein Sieger
Die zweite Hälfte aber brachte auch nicht viel Neues, zumindest nicht in Sachen Fußball. Deutschland spielte schwach, und Stoiber sah zwischenzeitlich fast gelangweilt aus. Mit der für ihn üblichen Denkerpose, Daumen unterm Kinn, Zeigefinger an der Wange, verfolgte er den müden Kick auf dem südkoreanischen Rasen, und nur manchmal kommentierte er die Landsleute am Ball. Den Oliver Kahn, den bewundere er schon, doch schließlich habe ja jeder, der den einmal gesehen hat, "für immer Angst vor ihm". Und dass er es ja gleich gesagt habe, dass da nicht mehr viel passiert. Sofort pflichtete da auch wieder Frank Steffel bei. "Ich glaub Ihnen ja", rief er freudig erregt in Stoibers Reihe gebeugt und erntete ein freundliches Grinsen vom Kandidaten. Dem CDU-Bundestagsabgeordneten und Ostberater, Günther Nooke, ging es da schlechter - er war noch später als Stoiber gekommen und musste am Rand stehen bleiben.
Stoiber aber mobilisierte jetzt die Massen. Kurz vor Schluss klatschte er nur einige Male in die Hände, und alle machten sofort mit. Und auch das gewünschte Foto am Ende klappte perfekt. Der Kandidat sprang auf, riss die Arme hoch und herzte seinen Sohn. Die Kameras klickten am Fließband, und Stoiber war glücklich, gab Interviews und stieg am Ende sogar noch in den Stoiber-Truck. Der erste Auftritt als öffentlicher Fußball-Fan hatte geklappt, da kann jetzt auch Stoiber auf ein Finale mit deutscher Beteiligung hoffen. Auf die Frage, ob er selbst zu einem möglichen Endspiel nach Asien reisen wolle, sagte er jedoch am Freitag noch nichts.