An der Wall Street wächst eine neue Sorge. Nicht nur einzelne Jobs könnten durch Künstliche Intelligenz verschwinden, sondern ganze Geschäftsmodelle, wie Bloomberg berichtet. Viele Ökonomen halten eine Job-Apokalypse für übertrieben. Doch technologische Umbrüche haben in der Vergangenheit ganze Branchen verdrängt.
Die IT-Revolution der 1990er Jahre steigerte die Produktivität massiv und beschleunigte das Wachstum der US-Wirtschaft. Zugleich verschwanden Reisebüros, klassische Börsenmakler, Kleinanzeigenmärkte, Zeitungen und Videotheken weitgehend vom Markt.
Anton Korinek von der University of Virginia hält die aktuelle Entwicklung für gravierender. "Ist es diesmal größer? Ja", sagt er. Möglicherweise sei der Effekt "10 mal schlimmer". Der Unterschied zu den 1990er Jahren sei entscheidend. "Das Internet hat lediglich die Informationsverteilung gestört", erklärt Korinek. "KI stört die kognitive Produktion im Großen und Ganzen. Das ist ein viel größerer wirtschaftlicher Bereich."
Produktivität zieht spürbar an
Produktivität misst, wie viel Output Beschäftigte mit vorhandenen Mitteln erzielen. Seit Anfang 2023 ist sie im Schnitt um 2,8 Prozent gewachsen. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Jahrzehnt bis 2019. Ökonomen streiten, wie groß der Anteil der KI daran ist. Viele erwarten jedoch, dass der Beitrag bald deutlich steigt.
Langfristig ermöglicht höhere Produktivität steigende Gewinne und Löhne ohne zusätzlichen Inflationsdruck. Historisch entstanden nach großen Technologieschüben neue Branchen und Berufe.
Risiken für Kreditmärkte und Banken
Doch der Weg dorthin verläuft selten ohne Turbulenzen. Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology sagt: "Ein gewisses Auf und Ab in einem Sektor ist normal." Vielleicht sei das sogar "wie es sein muss". Problematisch werde es, wenn gescheiterte Firmen stark verschuldet seien. "Was Sie nicht wollen, ist, den Kredit zu infizieren, und Sie wollen auf keinen Fall in das Bankensystem gelangen."
Am US-Aktienmarkt ist der sogenannte KI-Schreck bislang kaum sichtbar. Der S&P 500 liegt rund zwei Drittel höher als vor der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022. Treiber waren vor allem KI-Gewinner wie Meta Platforms und Nvidia (Nvidia Aktie).
Erste Beben und neue Machtverhältnisse
Für Unruhe sorgte zuletzt eine Studie der wenig bekannten Firma Citrini. Das Szenario massiver Entlassungen im Jahr 2028 ließ den Index kurzfristig einbrechen. Konkrete Anzeichen gibt es bislang nicht. Die US-Arbeitslosigkeit bleibt historisch niedrig.
Daniel Keum von der Columbia Business School beobachtet dennoch eine Verschiebung. Manager sprächen in Analystencalls häufiger von Mitarbeitern als Kostenfaktor. Unternehmen kürzten zunächst Nebenleistungen. "Diese Nebeneffekte sind es, die die Unternehmen zuerst anstreben, bevor sie sich daran machen, Ihr Gehalt zu kürzen."
Wie radikal Firmen reagieren können, zeigt Block. Das von Jack Dorsey geführte Fintech kündigte an, fast die Hälfte der Belegschaft abzubauen, um auf KI-Produktivität zu setzen. Die Aktie stieg seitdem um mehr als 15 Prozent.
Gleichzeitig geriet International Business Machines (IBM) unter Druck. Das Start-up Anthropic erklärte, sein KI-Tool könne Aufgaben erledigen, für die früher "Heerscharen von Beratern" nötig gewesen seien. Die Aktie brach zeitweise so stark ein wie seit 25 Jahren nicht.
"Das Wesen des Kapitalismus"
Der Ökonom Joseph Schumpeter prägte dafür den Begriff der "kreativen Zerstörung". Tom Barkin, Präsident der Federal Reserve Bank of Richmond, griff das jüngst auf: "Das geschieht in diesem Land schon seit Hunderten von Jahren. Es ist Teil des Wesens des Kapitalismus."
Korinek warnt dennoch vor Übergangsrisiken. "Letztendlich wird sich diese Umwälzung auf alle Unternehmen ausweiten, deren Wettbewerbsvorteil in menschlichem Fachwissen liegt, das durch KI repliziert werden kann." In der Übergangsphase drohten "gestrandete Vermögenswerte, Schuldenüberhang und das Potenzial für starke Marktkorrekturen".
Autor: Ariva-Redaktion/sr