Nicolas Fuchs Nicolas Fuchs
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Nicolas ist seit 2016 Redakteur bei ARIVA.DE. Seine Expertise in der technischen Analyse und sein Engagement für genaue Prognosen machen ihn zu einer wertvollen Ressource für die Community, die auf aussagekräftige News angewiesen ist.

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Saab im Aufwind: Wie Schwedens Rüstungskonzern Deutschlands Verteidigungslücken ins Visier nimmt

Der schwedische Rüstungskonzern Saab erlebt seit dem Ukrainekrieg einen historischen Nachfrageboom. Nun rückt Deutschland strategisch in den Fokus – als möglicher Großkunde, Partner und vielleicht sogar als Schlüssel für neue europäische Rüstungsprojekte.
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Ein F16I Kampfjet in einem IAF Hangar (18. Januar 2011)
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F16I-IAF-AtTheHungar.jpg"> - ©wikimedia.org / Foto: Israel Defense Forces ...
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Saab richtet den Blick nach Deutschland

Wer in Linköping von der Autobahn E4 abfährt, erkennt schnell, wer die wirtschaftliche Identität dieser Stadt prägt. Das Logo des schwedischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns Saab dominiert das Stadtbild, prominent platziert auf der Saab Arena, dem örtlichen Eishockeystadion. Für die rund 165.000 Einwohner ist das Unternehmen weit mehr als ein Arbeitgeber. Saab ist hier Industriegeschichte, Innovationsmotor und strategischer Anker zugleich.

Seit den 1930er-Jahren entwickelt und produziert Saab in der Universitätsstadt Kampfflugzeuge. Was einst als nationale Sicherheitsindustrie begann, ist heute ein global agierender Rüstungskonzern mit einer bemerkenswert breiten Produktpalette. Von Kampfjets über Radarsysteme bis hin zu Präzisionsmunition fertigen die Schweden so einiges.

Dass Saab noch immer häufig mit Autos assoziiert wird, wirkt aus heutiger Sicht fast wie eine historische Fußnote. Die Pkw-Sparte wurde bereits vor rund 25 Jahren eingestellt. Intern spricht man deshalb gern halb ironisch von „Saab - alles außer Autos“. Tatsächlich beschreibt diese Formel das heutige Portfolio erstaunlich präzise: Der Konzern deckt nahezu das gesamte Spektrum moderner Verteidigungstechnologie ab.

Ein Nachfrageboom durch neue geopolitische Realitäten

Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat Europas Sicherheitsarchitektur nachhaltig verändert. Für Saab war der Krieg zugleich ein massiver Wachstumstreiber. Hinzu kam der Nato-Beitritt Schwedens im Jahr 2024. Dieser geopolitische Schritt integriert den Konzern stärker als zuvor in das militärische Beschaffungsnetzwerk des Bündnisses. 

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Die Zahlen spiegeln diese Entwicklung deutlich wider: Der Auftragseingang des Unternehmens stieg im vergangenen Jahr um rund 74 Prozent auf etwa 16 Milliarden Euro, was ein historischer Rekord ist. 

Neue Großaufträge kommen aus allen Weltregionen. Kolumbien bestellte jüngst 17 Kampfjets vom Typ Gripen, Frankreich sicherte sich zwei GlobalEye-Luftüberwachungssysteme. Für Saab ist dies mehr als nur Umsatzwachstum. Es bestätigt eine strategische Positionierung: flexible, technologisch anspruchsvolle Systeme, die häufig günstiger und schneller verfügbar sind als Konkurrenzprodukte großer US-Konzerne. Gerade in Europa wächst damit die Bedeutung des schwedischen Herstellers.

Deutschland als strategisches „Schlüsselland“

Bislang spielt Deutschland im Saab-Geschäft eine vergleichsweise kleine Rolle. 2025 entfielen lediglich rund sechs Prozent des Umsatzes auf Aufträge aus der Bundesrepublik.

Doch intern gilt Deutschland längst als strategischer Zukunftsmarkt. Konzernchef Micael Johansson bezeichnet die Bundesrepublik offen als „Schlüsselland“. Aus Sicht von Branchenbeobachtern ist das nachvollziehbar.

„Es gibt durchaus gute Gründe für Deutschland, eine engere Zusammenarbeit mit Saab zu prüfen“, sagt Damien Polis, Rüstungsexperte beim Beratungshaus Oliver Wyman.
Der Hintergrund: Deutschlands ambitionierte Modernisierung der Bundeswehr stößt immer wieder auf politische, industrielle oder organisatorische Reibungen. Einige Projekte verzögern sich.

GlobalEye: Schwedische Technologie für die deutsche Luftüberwachung?

Ein Beispiel dafür sind luftgestützte Frühwarnsysteme. In einer riesigen Produktionshalle in Linköping entsteht derzeit eines der wichtigsten Produkte des Konzerns: das Aufklärungs- und Überwachungssystem GlobalEye.

Technisch basiert es auf einem zivilen Langstreckenflugzeug des kanadischen Herstellers Bombardier, das mit hochmodernen Radar- und Sensorsystemen ausgestattet wird. Das Ergebnis ist ein fliegendes Kontrollzentrum, das Luft-, See- und Landbewegungen über große Entfernungen überwachen kann.

Aktuell kann Saab etwa vier solcher Systeme pro Jahr produzieren. Drei befinden sich gleichzeitig in der Fertigung.An einer Hallenwand hängen die Flaggen bestehender Kunden: Vereinigte Arabische Emirate, Thailand und Pakistan. Drei weitere Produktionsplätze sind bereits reserviert. Einer davon wird künftig Frankreich gehören.

Ob auch Deutschland dort bald vertreten ist, bleibt offen, Gespräche laufen jedoch. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das System öffentlich als möglichen Favoriten bezeichnet, falls Deutschland eigene Radarflugzeuge zusätzlich zur Nato-Flotte beschaffen sollte. Für Saab wäre ein solcher Auftrag strategisch bedeutsam. Er würde den Konzern fest in die deutsche Luftverteidigungsarchitektur integrieren.

Karlskoga: Europas wachsendes Zentrum für Munition

Während Linköping für Luftfahrt steht, ist Karlskoga das industrielle Herz der schwedischen Waffen- und Munitionsproduktion.

Die Tradition reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Hier gründete Alfred Nobel einst seine Sprengstofffabriken – ein Ursprung, aus dem sich später Teile der modernen schwedischen Rüstungsindustrie entwickelten.

Heute betreibt Saab hier eines der größten privaten Testgelände Europas für Waffen.

Seit Beginn des Ukrainekriegs expandiert die Produktion massiv. Rund 100 neue Fachkräfte stellt das Unternehmen monatlich ein. In der Kleinstadt arbeitet mittlerweile etwa jeder zehnte Einwohner direkt für Saab. Besonders stark wächst die Fertigung von Munition und Zündsystemen. Diese Bereiche gelten laut Analysten als die profitabelsten und gleichzeitig am schnellsten skalierbaren Segmente der Rüstungsindustrie.

Saab investiert deshalb massiv in Automatisierung und Digitalisierung. In manchen Produktlinien plant der Konzern eine Produktionssteigerung um das Fünf- bis Zehnfache. Angesichts der europäischen Munitionsknappheit ist diese Expansion kein Zufall, sondern eine strategische Antwort auf eine strukturelle Lücke in der europäischen Verteidigungsindustrie.

Deutsche Industriepartner bereits fest integriert

Saab ist in Deutschland keineswegs ein unbekannter Akteur. Im Gegenteil: In mehreren Schlüsselprojekten arbeitet der Konzern bereits eng mit deutschen Unternehmen zusammen.

Mit MBDA Deutschland kooperiert Saab etwa beim Marschflugkörper Taurus KEPD 350, einem der wichtigsten Präzisionswaffensysteme der Bundeswehr. Ende 2024 erhielt das Konsortium einen Auftrag zur Modernisierung der bestehenden Systeme, 2025 folgte die Entwicklung des Nachfolgers Taurus Neo.

Auch mit dem Nürnberger Rüstungskonzern Diehl Defence bestehen Kooperationen – etwa bei der Luft-Luft-Rakete IRIS-T sowie beim Seezielflugkörper RBS15.

Darüber hinaus ist Saab über MBDA am europäischen Luft-Luft-Raketenprojekt Meteor beteiligt, einem multinationalen Programm mit sechs beteiligten Ländern.

FCAS: Kommt der schwedische Plan B?

Besonders spannend ist Saabs Position im Streit um das europäische Luftkampfsystem FCAS (Future Combat Air System).

Das milliardenschwere Projekt von Deutschland, Frankreich und Spanien kämpft seit Jahren mit politischen und industriellen Konflikten, insbesondere zwischen Airbus und Dassault Aviation.Die Entscheidung über eine mögliche Fortführung wurde zuletzt auf Mitte April verschoben.Sollte das Projekt scheitern oder weiter verzögert werden, könnte Saab eine alternative Rolle einnehmen.

CEO Johansson signalisiert jedenfalls Bereitschaft:
Man sei offen für ein gemeinsames Kampfflugzeugprojekt mit Deutschland, sofern ein klares politisches Mandat existiere.

Tatsächlich ist die Zahl europäischer Unternehmen, die ein modernes Kampfflugzeug vollständig selbst entwickeln könnten, äußerst klein. Neben Dassault gilt Saab als einer der wenigen Hersteller mit dieser Fähigkeit.

Diese industrielle Kompetenz ist ein strategisches Asset, gerade in einer Zeit, in der Europa zunehmend über technologische Souveränität diskutiert.

Ausbau der Präsenz in Deutschland

Ein wichtiger Baustein der Deutschlandstrategie ist der Standort Nürnberg. Dort arbeiten inzwischen mehr als 300 Mitarbeiter für Saab. Sie entwickeln und integrieren Software für elektronische Kampfführungssysteme des Eurofighters.

Konkret geht es um die Anpassung der Saab-Technologie Arexis, die künftig deutsche Kampfflugzeuge im elektronischen Gefechtsfeld unterstützen soll. Der Standort wächst kontinuierlich. Monatlich kommen etwa zehn neue Ingenieure hinzu. Für Saab ist dieser Ansatz strategisch entscheidend: lokale Wertschöpfung statt reiner Export. Das erleichtert politische Kooperationen und stärkt gleichzeitig die industrielle Verankerung in Deutschland.

Ein kleines Symbol dieser Annäherung ist auch im Alltag sichtbar: Seit dem vergangenen Sommer ist Saab Premiumpartner des Fußballclubs 1. FC Nürnberg.

Ein Eishockeystadion wie in Linköping trägt der Club zwar noch nicht den Saab-Namen. Doch der Einstieg zeigt, dass der Konzern seine Präsenz in Deutschland nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich ausbauen möchte.

Europas Rüstungsindustrie vor einer neuen Phase

Die strategische Logik hinter Saabs Deutschland-Offensive liegt auf der Hand. Europa steht vor der Herausforderung, seine Verteidigungsfähigkeit deutlich schneller auszubauen als in den Jahrzehnten zuvor. Gleichzeitig sind industrielle Kapazitäten begrenzt, nationale Interessen oft widersprüchlich und große Projekte politisch schwer steuerbar. In diesem Umfeld gewinnen mittelgroße, hochspezialisierte Anbieter an Bedeutung. Saab hat sich genau in dieser Rolle positioniert: technologisch anspruchsvoll, vergleichsweise flexibel und bereit zur internationalen Kooperation. Für Deutschland könnte das langfristig mehr sein als nur eine zusätzliche Beschaffungsoption. Es wäre auch ein Schritt hin zu einer breiter aufgestellten europäischen Rüstungsbasis.

Und in Zeiten wachsender sicherheitspolitischer Spannungen ist industrielle Vielfalt im Verteidigungssektor selten ein Nachteil.


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