RAVENSBURG (dpa-AFX) - Die SV-Gruppe, zu der unter anderem die Blätter "Schwäbische Zeitung", "Nordkurier" und "Schweriner Volkszeitung" gehören, will ihre gedruckten Zeitungen künftig am Vorabend statt am frühen Morgen zustellen. "Wir testen diese Umstellung seit geraumer Zeit", sagt SV-Geschäftsführer Lutz Schumacher in einem Interview seines Hauses. Noch in diesem Jahr soll es nicht nur in ersten Testregionen, sondern im gesamten Verbreitungsgebiet so sein.
Mit der Auslieferung der Zeitung am Abend oder späten Nachmittag will die Mediengruppe Schumacher zufolge Kosten sparen und die gedruckte Zeitung noch so lange wie möglich erhalten. "Wir wollen, dass es auch in zehn Jahren noch gedruckte Zeitungen gibt. Das ist aber eine große Herausforderung", sagt der Medienmanager. "Denn die Zustellung ist sehr, sehr teuer geworden und wird auch weiter teurer werden, allein schon durch die Erhöhung des Mindestlohns."
Aus den Branchenverbänden der Zeitungsverlage in Baden-Württemberg und Bayern kam zum einen Unterstützung des Vorstoßes. Aber zum anderen auch die Einschätzung, dass sich das Modell nicht auf alle Verlage übertragen lasse.
Zeitung nicht mehr "minutenaktuell"
Angesichts steigender Kosten stehen die Printausgaben vielerorts unter Druck. Vor allem in dünn besiedelten Regionen gilt die Zustellung als zunehmend unwirtschaftlich. Erste Verlage haben dort die Belieferung einzelner Gebiete bereits eingestellt oder stark eingeschränkt. Andere Häuser reduzieren den Erscheinungsrhythmus und bringen ihre Titel nicht mehr an jedem Werktag als Printausgabe heraus.
Schumacher räumt ein, dass die gedruckten Ausgaben an Aktualität verlieren werden. "Die Aktualität wird einen gewissen Einschnitt haben, weil wir etwas früher drucken müssen, um gesichert am Vorabend zuzustellen." Die Printausgabe sei aber "in der Nachrichtenkette in den vergangenen 20 Jahren ohnehin nach hinten gerutscht". Das bedeute: "Es ist nicht mehr ihr Anspruch, wirklich minutenaktuell zu sein. Dafür stehen digitale Medien zur Verfügung."
Ein Zusteller für Lebensmittel, Medikamente und Zeitung
Den Sonderweg in der Branche will die SV-Gruppe gehen, weil sie so ihr Liefernetz auch für andere Produkte besser nutzen könne. "Wir nehmen unser Logistiknetz, unsere Zustellerinnen und Zusteller und stellen viele andere Produkte auch zu. Pakete, Lebensmittel, Medikamente, Briefe und nehmen die Zeitung auf diesem Weg mit", sagt Schumacher. "Dadurch wird deren Zustellung vergleichsweise günstig. Damit können wir sie noch viele Jahre garantieren."
Der Nachmittag oder Abend sei für diese Lieferungen verschiedener Angebote der bessere oder einzig mögliche Zeitpunkt: "Viele Produkte, die wir zustellen müssen, die stehen morgens oder nachts nicht zur Verfügung", erläutert Schumacher. "Wir werden in Zukunft die Region mit Lebensmitteln und mit Medikamenten versorgen, die Zusteller können bei den Empfängern aber nicht um vier Uhr morgens klingeln. Pakete stehen sowieso nicht morgens zur Verfügung."
SV-Gruppe setzt unter anderem auf Paketzusteller
Mit den bereits laufenden Tests in mehreren Lokalausgaben habe die Mediengruppe gute Erfahrungen gemacht. "Da es an den Testorten funktioniert, gehen wir davon, dass es überall funktionieren wird", sagt Schumacher. Die SV-Gruppe setzt dabei auf bestehende und neue Partner: Der Paketversand Hermes gehört Schumacher zufolge zu den Kunden, die über die SV-Gruppe eine Zustellung am Abend sicherstellen wollten. "Mit zahlreichen potenziellen Kunden sind wir intensiv im Gespräch."
Noch in diesem Jahr soll der Wechsel überall erfolgen: "Ich gehe davon aus, dass wir dieses Projekt noch im Laufe dieses Jahres erfolgreich abschließen werden", sagt Schumacher. Die Erscheinungstage der Printzeitungen verschieben sich dann: "Die gedruckte Ausgabe erscheint nicht mehr von Montag bis Samstag, sondern von Dienstag bis Sonntag." Digital werde es die Zeitung als Ausgabe an allen sieben Wochentagen geben.
Branchenverbände: spannendes Projekt - nicht überall machbar
Der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV) begrüßte den Vorstoß: "Das ist ein sehr spannendes Projekt, das wir als Verband aufmerksam verfolgen", sagte VSZV-Geschäftsführer Holger Paesler auf Anfrage. Zu Schuhmachers Vorhaben sagte er: "Wir wünschen dem Kollegen viel Erfolg. In diesem Fall werden sich sicherlich andere Häuser dem Trend anschließen."
Der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) zeigte sich zurückhaltender: "Für den Schwäbischen Verlag mag das eine gute Lösung sein, wenngleich die Aktualität natürlich leiden wird", sagte der VBZV-Vorsitzende Andreas Scherer. "Nahtlos übertragen auf alle Verlage lässt sich dieses Modell aber sicher nicht."
Das Modell könne nur dort funktionieren, wo der einzelne Verlag auch über eine Logistik verfüge, die schon bisher Zeitungen, Briefe, Warensendungen und andere Produkte zustelle. "Grundsätzlich finde ich aber jeden Ansatz gut, den Lebenszyklus der gedruckten Tageszeitung für unsere Kunden und Abonnenten zu verlängern", sagte Scherer auf Anfrage./fd/DP/jha