Sven Wagner
Sven Wagner
Die US-Regierung unter Präsident Joe Biden verschärft ihren Kurs gegen Google, Tochter des Alphabet-Konzerns, und strebt im Rahmen eines Kartellverfahrens eine mögliche Zerschlagung des Unternehmens an. Die Anklage des US-Justizministeriums gegen Google (Alphabet A Aktie) markiert den bisher größten kartellrechtlichen Schritt gegen einen der globalen Tech-Giganten. Im Mittelpunkt steht der Vorwurf, dass Google seine marktbeherrschende Stellung im Bereich der Internetsuche missbraucht, um Konkurrenten zu verdrängen und seine Position langfristig zu sichern.
Laut den Vorwürfen nutzt Google gezielt seine anderen Geschäftsbereiche, darunter den Internetbrowser Chrome, den Play Store und das Android-Betriebssystem, um seine marktbeherrschende Stellung zu festigen. Dies verschaffe dem Konzern erhebliche Vorteile und verhindere den Wettbewerb. Sollte das Justizministerium Erfolg haben, könnte eine Aufspaltung des Unternehmens in mehrere Teile drohen.
Google dominiert seit Jahren den Suchmaschinenmarkt und steuert nach aktuellen Zahlen rund 90 Prozent der weltweiten Internetsuchen. Im zweiten Quartal 2024 erzielte der Alphabet-Konzern durch sein Suchgeschäft 48,5 Milliarden US-Dollar, was etwa 57 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. Trotz wiederholter Versuche von Konkurrenten, darunter Microsoft (Microsoft Aktie) mit seiner Suchmaschine Bing, bleibt Google unangefochtener Marktführer. Auch andere Geschäftsbereiche wie Google Ads, das das Anzeigengeschäft direkt mit den Suchergebnissen verknüpft, tragen wesentlich zu den Einnahmen bei. Insgesamt erwirtschaftete Alphabet (Alphabet C Aktie) im Jahr 2023 rund 306 Milliarden US-Dollar, wovon etwa 238 Milliarden allein auf Werbeeinnahmen entfielen.
Die starke Verzahnung zwischen der Internetsuche und anderen Dienstleistungen des Konzerns, etwa der Werbeplattform oder dem mobilen Betriebssystem Android, erschwert eine mögliche Aufspaltung erheblich. Google Cloud und YouTube sind zwar unabhängiger, doch selbst deren Abtrennung würde die Marktmacht bei der Internetsuche kaum beeinträchtigen.
Trotz der beachtlichen wirtschaftlichen Erfolge sieht sich Alphabet mit zunehmendem Druck seitens der Regulierungsbehörden konfrontiert. Bereits im August 2023 stellte der zuständige Bundesrichter Amit Mehta fest, dass Google ein „illegales Monopol“ im Bereich der Internetsuche besitze. Die schiere Marktmacht des Konzerns, so Mehta, erlaube es Google, durch milliardenschwere Verträge mit Smartphone-Herstellern wie Apple (Apple Aktie) dafür zu sorgen, dass seine Suchmaschine als Standard voreingestellt bleibt. Dieser Befund stärkt die Position des Justizministeriums, das nun bis zum 20. November detaillierte Vorschläge zur Eindämmung von Googles Marktmacht vorlegen muss.
Jonathan Kanter, Leiter der Kartellabteilung des Justizministeriums, gilt als treibende Kraft hinter dem Verfahren. Kanter hat sich wiederholt für eine strikte Regulierung von Monopolisten ausgesprochen und befürwortet notfalls eine Zerschlagung großer Tech-Konzerne. Auch wenn Google angekündigt hat, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine Aufspaltung zu verhindern, könnten Gerichtsverfahren über Jahre andauern und die Unternehmensstrategie erheblich beeinflussen.
Google selbst bezeichnet die Pläne des US-Justizministeriums als „radikal“ und „weitreichend“. Lee-Anne Mulholland, Leiterin der Abteilung für Regulierungsfragen bei Google, warnte, dass eine Zerschlagung „unbeabsichtigte negative Konsequenzen“ für Innovationen und den Konsumenten haben könnte. Der Konzern betonte, dass seine Dienste von hoher Qualität seien und sich von Wettbewerbern wie Amazon (Amazon Aktie) und Microsoft deutlich abheben würden. Dennoch wird der Ausgang des Verfahrens große Unsicherheiten für die Zukunft des Unternehmens mit sich bringen.
Auch Analysten zweifeln daran, dass eine Zerschlagung kurzfristig umsetzbar ist. Daniel Ives von der Investmentbank Wedbush erwartet, dass Google diesen Kampf über Jahre hinweg vor den Gerichten austragen wird. Schätzungen von Rechtsexperten zufolge könnten die Berufungsverfahren zwischen drei und fünf Jahren dauern. Sundar Pichai, CEO von Google, hat bereits angekündigt, dass es noch Jahre dauern werde, bis alle kartellrechtlichen Verfahren abgeschlossen seien.
Eine Zerschlagung von Alphabet würde auch technische und operative Herausforderungen mit sich bringen. Die meisten von Googles Produkten, von der Suche bis zu den Werbeanzeigen, sind so eng miteinander verzahnt, dass eine Aufspaltung tiefgreifende Veränderungen im gesamten digitalen Ökosystem nach sich ziehen könnte. Besonders kritisch ist dabei das mobile Betriebssystem Android, das weltweit auf rund 2,5 Milliarden Geräten läuft. Android ist eines der Kernprodukte, das Google nutzt, um seine Suchdienste auf Smartphones zu etablieren. Ein eigenständiges Android müsste völlig neue Geschäftsmodelle finden, da es bislang als Open-Source-Software von Google finanziert wird.
Richter und Experten sehen diese Verflechtungen als eines der größten Hindernisse für eine Zerschlagung an. Es besteht die Gefahr, dass eigenständige Unternehmen aus der Aufspaltung nicht überlebensfähig wären oder dass neue Probleme für den Wettbewerb entstehen könnten. Dies könnte wiederum zu „unbeabsichtigten Konsequenzen“ führen, wie der Rechtswissenschaftler Erik Hovenkamp von der Cornell University warnt.
Für Alphabet und seine Investoren steht viel auf dem Spiel. Die Marktmacht des Unternehmens ist unbestritten, doch die laufenden Kartellverfahren könnten langfristig erhebliche Auswirkungen auf das Geschäftsmodell haben. Während Google weiter hohe Umsätze erwirtschaftet und sich auf Innovationen im Bereich Künstliche Intelligenz und Cloud-Dienste konzentriert, drohen langwierige Gerichtsverfahren die Wachstumsstrategie zu behindern.
Das kommende Jahr wird entscheidend sein, insbesondere das Urteil von Richter Amit Mehta, das im August 2024 erwartet wird. Gleichzeitig könnte die politische Landschaft, insbesondere die US-Präsidentschaftswahlen, das Verfahren stark beeinflussen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung wird Google jedoch weiterhin versuchen, seine dominante Marktposition zu verteidigen.
Quellen: handelsblatt.com, dpa AFX
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