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Droht Europa ein Kerosinmangel?

Der Iran-Krieg und die damit einhergehende Sperrung der Straße von Hormus haben zu einer Angebotsverknappung am Ölmarkt geführt. Der öffentliche Fokus liegt dabei zumeist auf Rohöl. Besonders akut ist die Knappheit aber bei Ölprodukten und hier vor allem bei Kerosin. Das zeigt sich auch am Kerosinpreis, der sich seit Kriegsbeginn in der Spitze mehr als verdoppelt hat und Anfang April mit knapp 1.800 USD je Tonne ein Rekordniveau erreichte. Zuletzt mehrten sich die warnenden Stimmen. Der Verband der europäischen Flughäfen (ACI) warnte am 9. April in einem Brief an die EU-Kommission vor einer systemischen Knappheit des Flugzeugkraftstoffes in drei Wochen und einem signifikanten Schaden für die europäische Wirtschaft, falls die Straße von Hormus geschlossen bliebe. Laut dem Internationalen Luftfahrtverband (IATA) würde es nach der Öffnung der Straße von Hormus Monate dauern, bis das Kerosinangebot wieder das erforderliche Niveau erreicht hat. Der IATA-Chef sprach in der vergangenen Woche davon, dass ab Ende Mai wegen des Treibstoffmangels in Europa Flüge gestrichen werden könnten. Die Internationale Energieagentur stieß mit ihrem Statement in dasselbe Horn. Demnach könnte es in einigen europäischen Ländern in den nächsten sechs Wochen zu Knappheiten bei Kerosin kommen.

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Die IEA hat sich in einem Sonderkapitel im aktuellen Monatsbericht dem europäischen Kerosinmarkt gewidmet. Dieses zeichnet ein äußerst angespanntes Bild. Demnach lag die Kerosinnachfrage in den europäischen OECD-Ländern im vergangenen Jahr bei 1,6 Mio. Barrel pro Tag. Davon konnten 1,1 Mio. Barrel pro Tag durch inländische Produktion, also durch Raffinerien in Europa, gedeckt werden. Der daraus resultierende Netto-Importbedarf von 500 Tsd. Barrel pro Tag wurde zu 375 Tsd. Barrel pro Tag aus den Ländern der Golfregion gedeckt, was einem Anteil von 75% entspricht. Dieses Angebot steht wegen der Blockade der Schifffahrt durch die Straße von Hormus momentan nicht zur Verfügung. Es anderweitig zu ersetzen, dürfte schwierig werden. Denn auch andere wichtige Lieferanten wie Südkorea, Indien und China dürften wegen der Lieferausfälle von Rohöl aus dem Mittleren Osten und der dadurch gedrosselten Verarbeitung kaum Kerosin zum Export zur Verfügung stellen.

Ein nennenswerter Produzent von Kerosin sind auch die USA, die in den letzten Jahren ein bedeutender Netto-Exporteur des Flugzeug-Treibstoffs waren (Abb. 1) und ihre Kerosinexporte zuletzt bereits deutlich steigerten. Die Exporte erreichten laut US-Energiebehörde Anfang April einen Rekordwert von 442 Tsd. Barrel pro Tag. Sie lagen im 4-Wochendurchschnitt zuletzt bei 366 Tsd. Barrel pro Tag und damit 200 Tsd. Barrel pro Tag über dem 5-Jahresdurchschnitt. Allerdings ist unklar, wieviel davon nach Europa gingen. Die IEA weist darauf hin, dass sämtliche zusätzliche Kerosinlieferungen aus den USA lediglich gut 50% der Ausfälle aus der Golfregion nach Europa abdecken würden. Laut Daten von Kpler und LSEG sollen die US-Kerosinlieferungen nach Europa bislang im April bei 149-200 Tsd. Barrel pro Tag liegen, was dem höchsten Niveau seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund 10 Jahren entsprechen würde. Als weiterer bedeutender Anbieter ist zuletzt auch Nigeria in Erscheinung getreten, das seine Kerosinexporte laut Kpler im April auf 66 Tsd. Barrel pro Tag steigern konnte, was ebenfalls ein Rekordniveau darstellt. Aber die entstandene Lücke durch den Wegfall der Exporte aus der Golfregion kann dadurch nicht geschlossen werden.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Von den großen Ländern in OECD Europa ist laut Angaben der IEA nur Spanien Netto-Exporteur von Kerosin. Die Türkei ist nahezu autark. Deutschland, Frankreich und Italien können ihren Kerosinbedarf nur rund zur Hälfte aus eigener Produktion decken. In Großbritannien, dem größten Kerosinverbrauchsland in Europa, liegt die Importabhängigkeit sogar bei 65%. Die IEA verweist in ihrem Artikel auch auf die bereits deutlich gesunkenen Lagerbestände. Diese sind in der Region Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA) Mitte April erstmals seit sechs Jahren unter das Niveau von 600 Tsd. Tonnen gefallen (Abb. 2). Mitte Dezember waren die ARA-Kerosinbestände noch fast doppelt so hoch. Aus diesen Vorräten werden große Teile Nordwest-Europas mit Kerosin versorgt. Durch den Wegfall der Kerosinlieferungen aus dem Mittleren Osten und ohne adäquaten Ersatz drohen die Lagerbestände weiter abzusinken, zumal die Kerosinnachfrage in den kommenden Monaten saisonüblich steigt.

Die IEA hat vier Szenarien für die Entwicklung der Kerosinbestände in Europa dargestellt. Sollte es gelingen, die Lieferungen aus dem Mittleren Osten vollständig zu ersetzen, dürften die Vorräte die Nachfrage adäquat decken. Gleiches gilt für einen Ersatz der Lieferungen zu 90%. Im ersten Fall würden die Lagerbestände am Jahresende unterhalb der üblichen Spanne liegen, im zweiten deutlich darunter. Kritischer wäre die Lage bei einer Ersatzquote von 75%. Dann würden die Lagerbestände nicht reichen, um die Nachfrage in den Sommermonaten abzudecken und im August ein Mangel drohen. Bei einer Quote von nicht mehr als 50% würde das Kerosin schon im Juni knapp.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Die EU will an diesem Mittwoch einen Entwurf vorstellen, um der Kerosinknappheit entgegenzuwirken und drohende Einschränkungen im Flugverkehr zu verhindern. Wie Reuters in der letzten Woche berichtete, ist ab dem kommenden Monat eine EU-weite Erfassung von Raffineriekapazitäten für Ölprodukte geplant. Zudem sollen Maßnahmen zur vollständigen Nutzung und Aufrechterhaltung der Raffineriekapazitäten eingeführt werden. Auch bestimmte Maßnahmen zur Verbesserung des Kerosinangebots sind vorgesehen. Diese sollen laut mit den Vorschlägen vertrauten Offiziellen noch in Arbeit sein. Allerdings produzieren laut IEA viele Raffinerien in Europa bereits an der Kapazitätsgrenze, so dass diese Maßnahmen nur einen begrenzten Beitrag leisten dürften. Laut Bloomberg ist u.a. auch eine “optimierende” Verteilung von Kerosin unter den EU-Mitgliedsländern im Gespräch. Bei all dem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass durch die Stilllegung bzw. den Umbau von Raffinerien auf Biokraftstoffe seit 2015 in Europa schätzungsweise 1-1,5 Mio. Barrel an täglichen Rohölverarbeitungskapazitäten verloren gegangen sind. Dieser Verlust macht sich nun schmerzlich bemerkbar.

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