Die Sorge vor einer „verlorenen Dekade“ an den Aktienmärkten nimmt zu – also einem Zehnjahreszeitraum mit schwachen oder seitwärts laufenden Kursen. Ein auf Seeking Alpha vorgestellter Ansatz skizziert eine konkrete, regelbasierte Anlagestrategie, mit der Investoren in einem solchen Szenario laufende Erträge sichern und zugleich an begrenzten Kurschancen partizipieren könnten. Im Mittelpunkt steht ein konsequent umgesetztes Covered-Call-Konzept auf einen breit gestreuten ETF.
Ausgangspunkt: Risiko einer ertragsarmen Dekade
Der Beitrag auf Seeking Alpha beschreibt, dass viele Anleger nach Jahren der Hausse befürchten, die nächsten zehn Jahre könnten durch niedrige reale Renditen geprägt sein. Historische Beispiele – etwa die 1970er Jahre in den USA oder längere Stagnationsphasen an anderen Leitbörsen – zeigen, dass nach langen Bewertungsanstiegen Phasen mit „mageren“ Erträgen auftreten können. Vor diesem Hintergrund wird eine Strategie vorgestellt, die bei seitwärts tendierenden oder nur moderat steigenden Märkten einen Großteil der Gesamtrendite aus Optionsprämien generieren soll.
Grundbaustein: Investition in einen breit diversifizierten ETF
Als Kerninvestment dient in dem auf Seeking Alpha beschriebenen Ansatz ein großer, liquider und breit gestreuter Aktien-ETF. Der ETF soll als Basiswert (Underlying) für systematische Covered-Call-Transaktionen fungieren. Entscheidend sind hohe Liquidität, enge Spreads und ein umfangreiches Optionsuniversum. Der ETF übernimmt die Funktion des langfristigen „Equity-Buckets“, der Investor bleibt also grundsätzlich im Aktienmarkt investiert, nimmt aber bewusst in Kauf, dass ein Teil potenzieller Kursgewinne durch das Schreiben von Calls begrenzt wird.
Covered Calls als Ertragsquelle
Im Zentrum der Strategie steht das periodische Schreiben von Covered Calls auf die im Depot gehaltenen ETF-Anteile. Der Investor verkauft Call-Optionen mit einem Ausübungspreis (Strike), der über dem aktuellen Kurs des ETF liegt (Out-of-the-Money). Dadurch fließen Optionsprämien, die unabhängig davon vereinnahmt werden, ob der Markt in der Laufzeit stark steigt, seitwärts läuft oder moderat fällt. Die Prämien sollen in einem Umfeld niedriger oder stagnierender Kursgewinne einen substanziellen Beitrag zur Gesamtrendite leisten.
Das Risiko der Strategie besteht darin, dass bei deutlich steigenden Kursen die ETF-Position zum Strike-Preis „weggerufen“ werden kann, sodass der Anleger nur begrenzt vom Kursanstieg profitiert. Im Gegenzug erhält er aber die vereinnahmten Prämien, die im Überlegungsrahmen vor allem in Szenarien mit begrenztem Aufwärtspotenzial die Rendite wesentlich stabilisieren sollen.
Laufzeiten- und Strike-Management
Der Artikel auf Seeking Alpha betont die Bedeutung eines disziplinierten Vorgehens bei der Auswahl von Laufzeit und Strike-Preis. Es wird ein systematischer Ansatz beschrieben, bei dem regelmäßig – etwa monatlich – neue Calls geschrieben werden, sobald die alten Optionen auslaufen oder ausgeübt wurden. Für die Strikes werden systematisch Niveaus oberhalb des aktuellen Marktpreises definiert, sodass ein begrenztes Aufwärtspotenzial erhalten bleibt und gleichzeitig eine attraktive Prämienhöhe erzielt wird.
Die Strategie sieht vor, die Parameter nicht situativ „aus dem Bauch heraus“ anzupassen, sondern anhand eines wiederkehrenden Schemas zu handeln. Ziel ist es, emotionsgetriebene Entscheidungen zu vermeiden und die Ertragsquelle Optionsprämie möglichst stetig zu nutzen. Dadurch soll der Effekt einzelner Fehlentscheidungen oder kurzfristiger Marktübertreibungen gemindert werden.
Rolle der Volatilität
Die im Beitrag erläuterte Logik basiert darauf, dass Optionsprämien maßgeblich von der impliziten Volatilität abhängen. In Phasen erhöhter Unsicherheit und schwankungsreicher Märkte fallen die Prämien tendenziell höher aus. Selbst wenn die Kurse per Saldo „nur“ seitwärts pendeln, kann der Investor durch wiederholtes Schreiben von Calls ein signifikantes Zusatzeinkommen generieren. Die Strategie profitiert damit indirekt von einer volatileren Marktphase, wie sie für eine „verlorene Dekade“ mit häufigen Auf- und Abwärtsbewegungen, aber begrenztem Trend, charakteristisch sein könnte.
Gleichzeitig wird deutlich, dass bei sehr niedriger Volatilität die Ertragspotenziale aus Prämien sinken. In solchen Phasen nähert sich das Chance-Risiko-Profil der Strategie dem eines reinen ETF-Investments an – allerdings weiterhin mit dem Nachteil gedeckelter Aufwärtschancen, sobald Calls im Geld enden.
Reinvestition der Optionsprämien
Ein weiterer zentraler Bestandteil ist die Behandlung der vereinnahmten Optionsprämien. Der Ansatz sieht vor, diese Prämien nicht zu konsumieren, sondern gezielt wieder anzulegen. Dies kann entweder in zusätzliche ETF-Anteile erfolgen, wodurch der Investor schrittweise seine Positionsgröße erhöht, oder alternativ in andere Anlageklassen zur Diversifikation. Das Reinvestieren erzeugt einen Zinseszinseffekt auf die Optionsprämien und soll über die Jahre einen relevanten Beitrag zum Vermögensaufbau leisten – insbesondere, wenn Kurssteigerungen auf Indexebene begrenzt bleiben.
Die Strategie wird damit als Instrument verstanden, um aus einer Seitwärts- oder Schwankungsphase eine laufende Ertragsquelle zu machen, die über Zeit kumuliert.
Anforderungen an Anleger und Risiken
Im Beitrag auf Seeking Alpha wird deutlich, dass der beschriebene Ansatz keine „Set-and-Forget“-Lösung ist. Anleger benötigen ein Verständnis für Optionsmechanismen, Kontraktgrößen, Marginanforderungen und steuerliche Aspekte. Zudem ist eine gewisse Disziplin erforderlich, um den regelbasierten Ansatz über Jahre hinweg durchzuhalten, auch wenn einzelne Perioden unbefriedigend verlaufen.
Zu den wichtigsten Risiken zählen:
- Opportunitätskosten bei starken Bullenmärkten: Überproportionale Kursanstiege werden nur begrenzt mitgenommen, da die ETF-Position bei Ausübung der Calls abgegeben werden muss.
- Marktrisiko: Das Aktienmarktrisiko bleibt bestehen; ein deutlicher und dauerhafter Rückgang des ETF belastet den Portfoliowert, auch wenn Prämien einen Teil der Verluste abfedern können.
- Komplexität und Umsetzungsrisiko: Fehler bei Strike-Wahl, Laufzeitenmanagement oder im Handling von Ausübungen können das Ergebnis schmälern.
Abgrenzung zu passiven Dividendenstrategien
Der auf Seeking Alpha vorgestellte Ansatz unterscheidet sich von einer reinen Dividendenstrategie dadurch, dass der laufende Ertrag nicht primär aus Unternehmensgewinnen, sondern aus der Preisbildung am Optionsmarkt stammt. Während Dividenden von der Ausschüttungspolitik der Unternehmen und deren Ertragskraft abhängen, entstehen Optionsprämien durch Angebot und Nachfrage nach Absicherungs- und Spekulationsinstrumenten. In einem Umfeld, in dem Dividendenrenditen möglicherweise nicht ausreichen, um reale Vermögenszuwächse zu generieren, bietet der Covered-Call-Ansatz eine zusätzliche, weitgehend marktneutrale Ertragsquelle – zumindest für Seitwärtsphasen.
Fazit: Mögliche Reaktion konservativer Anleger
Für konservative, erfahrene Anleger, die eine „verlorene Dekade“ nicht ausschließen, bietet der vorgestellte Ansatz von Seeking Alpha einen strukturierten Weg, das Ertragspotenzial eines breit gestreuten Aktien-ETFs zu erhöhen, ohne das Marktrisiko vollständig zu verlassen. In einem Depot mit langfristigem Horizont kann ein Covered-Call-Baustein sinnvoll sein, um laufende Einnahmen zu generieren und Schwankungen ertragsseitig zu nutzen. Wer hohen Wert auf die volle Partizipation an starken Bullenphasen legt, muss sich jedoch der begrenzten Aufwärtsbeteiligung bewusst sein.
Als konservativer Anleger könnte man diese Nachricht zum Anlass nehmen, die eigene Strategie auf ihre Krisenfestigkeit in einem Szenario stagnierender Aktienmärkte zu überprüfen und gegebenenfalls einen klar definierten, regelbasierten Covered-Call-Ansatz auf einen liquiden ETF beizumischen. Eine schrittweise, in kleiner Größenordnung beginnende Implementierung kann helfen, Erfahrungen zu sammeln, ohne das Gesamtportfolio übermäßig zu exponieren. Zentral bleibt, dass die Strategie nur dann geeignet ist, wenn die Funktionsweise von Optionen verstanden wird und die Begrenzung potenzieller Kursgewinne bewusst in Kauf genommen wird.