Die Seitenansicht eines ICE mit dem Logo der Deutschen Bahn.
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Deutsche Bahn dementiert Bericht über Stopp der Digitalisierungsoffensive

Die Deutsche Bahn weist Berichte des SWR über eine Reduzierung der Digitalisierungsmaßnahmen entschieden zurück. Insbesondere der Ausbau des European Train Control System (ETCS) bleibt laut Konzern Priorität. Trotzdem gibt es Anzeichen, dass Kostendruck und Investitionspläne für Unsicherheit sorgen.
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Die Deutsche Bahn (DB) steht erneut im Zentrum einer Kontroverse um ihre langfristige Strategie zur Modernisierung der Schieneninfrastruktur. Laut einem Bericht des Südwestrundfunks (SWR) soll der Staatskonzern planen, den Ausbau der Digitalisierung stark einzuschränken. Betroffen wären zentrale Projekte wie die Einführung des European Train Control System (ETCS) und der Ausbau digitaler Stellwerke. Der Bericht, der auf internen Papieren der DB-Tochter Infrago basiert, löste erhebliche politische Reaktionen aus. Die Bahn wies die Vorwürfe jedoch vehement zurück.

Digitalisierung weiterhin Priorität – aber zu welchem Preis?

In einer Stellungnahme stellte die Deutsche Bahn klar, dass die Digitalisierung der Schienenwege „uneingeschränkt“ fortgeführt werde. Besonders hervorgehoben wurde dabei das Projekt um den Bahnknoten Stuttgart, das derzeit als das größte Digitalisierungsprojekt im europäischen Schienenverkehr gilt. Bis 2030 soll der gesamte Knoten auf das ETCS-System umgerüstet werden, um eine signifikante Steigerung der Kapazität und Pünktlichkeit zu erreichen.

Allerdings bleibt die Frage offen, ob der Konzern tatsächlich in vollem Umfang die digitalen Innovationen umsetzen kann. Branchenkenner weisen darauf hin, dass der Konzern in einem zunehmenden Spannungsfeld zwischen notwendiger Modernisierung und akutem Kostendruck agiert. Die DB kämpft seit Jahren mit maroden Gleisen und Stellwerken, die die Pünktlichkeit und Effizienz des Zugverkehrs beeinträchtigen. Hier wird deutlich: Die Sanierung der Haupttrassen steht in direkter Konkurrenz zur Digitalisierungsoffensive.

Kürzungen als Reaktion auf Kostendruck?

Laut dem SWR-Bericht, der sich auf interne Konzepte der DB stützt, plant der Konzern, weniger Mittel als ursprünglich vorgesehen in die Digitalisierung zu investieren, um Gelder für die dringend nötige Sanierung des Netzes freizusetzen. Betroffen wären vor allem stark frequentierte Strecken wie die Hochgeschwindigkeitsverbindung Köln–Frankfurt sowie der Korridor Hamburg–München über Halle und Erfurt.

Ein entscheidender Knackpunkt in der Debatte ist die Sanierung alter Stellwerke. Ursprünglich war vorgesehen, diese durch moderne, digitale Systeme zu ersetzen. Nun sollen sie laut interner Planungen zunächst durch elektronische Stellwerkstechnik aus den 1990er Jahren ertüchtigt werden, bevor ab 2030 ein flächendeckender Ausbau moderner Technologien erfolgt. Dies wäre jedoch nur ein vorübergehender Kompromiss, der die langfristigen Ziele der DB verzögert.

Der Bund als finanzieller Hebel?

Der SWR spekuliert, dass die vermeintliche Reduzierung der Digitalisierungsmaßnahmen Teil einer Strategie der Bahn sein könnte, um mehr finanzielle Unterstützung seitens des Bundes zu sichern. Als staatseigenes Unternehmen ist die DB stark abhängig von Haushaltsmitteln, die im Zuge der anstehenden Verhandlungen im Bundestag neu verhandelt werden. Eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Infrastrukturprojekten könnte entscheidend sein, um die ambitionierten Pläne zur Digitalisierung und zur Erhöhung der Schienenkapazitäten umzusetzen.

Die Idee einer „Digitalen Schiene Deutschland“, die unter anderem vom Bundesverkehrsministerium unterstützt wird, sieht vor, das gesamte Netz bis 2040 auf moderne, digitale Technik umzustellen. Doch angesichts der Kostenexplosion bei der Instandhaltung der Bestandsinfrastruktur könnte dieses Ziel unter den aktuellen Budgetzwängen schwer erreichbar sein. In der Vergangenheit hat die Bahn wiederholt zusätzliche Gelder für die Sanierung alter Streckenabschnitte gefordert, die in ihrer Substanz vielfach nicht mehr dem aktuellen Verkehrsaufkommen gewachsen sind.

Politische Reaktionen: Alarmierende Signale

Die politischen Reaktionen auf den SWR-Bericht fielen scharf aus. Winfried Hermann, Verkehrsminister von Baden-Württemberg, bezeichnete die vermeintlichen Pläne als „alarmierend“ und warnte vor einem Rückschritt in der Modernisierung des Schienennetzes. Ähnlich äußerte sich Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen, der auf die Bedeutung der Digitalisierung für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bahnverkehrs hinwies. Beide Politiker forderten den Bund auf, verstärkt in die Schieneninfrastruktur zu investieren, um die Kapazität zu erhöhen und die Bahn als umweltfreundliche Alternative zum Individualverkehr zu stärken.

Bahnpersonal: Digitalisierung als Chance gegen Fachkräftemangel

Ein weiterer Aspekt der Digitalisierung betrifft das Bahnpersonal. DB-Personalvorstand Martin Seiler betonte kürzlich, dass der Konzern langfristig durch den Einsatz digitaler Technologien mit weniger operativem Personal auskommen wolle. Bis 2030 sollen rund 30.000 Stellen eingespart werden, was angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland eine notwendige Maßnahme sei. Automatisierte Systeme und digitale Stellwerke könnten dazu beitragen, den Personalaufwand im operativen Betrieb zu verringern, während die Pünktlichkeit und Effizienz des Zugverkehrs gesteigert würden.

Fazit: Wohin steuert die Bahn?

Die Deutsche Bahn befindet sich in einer Zwickmühle zwischen dem langfristigen Ziel der Digitalisierung und den akuten Herausforderungen bei der Instandhaltung der bestehenden Infrastruktur. Zwar betont der Konzern, dass er an der Digitalisierung festhält, doch die internen Dokumente und der öffentliche Diskurs deuten darauf hin, dass der Investitionsdruck und die knappen Haushaltsmittel die Pläne verzögern könnten.

Ob die Bahn tatsächlich den strategischen Hebel nutzt, um den Bund zu einer verstärkten Finanzierung zu bewegen, wird sich in den kommenden Haushaltsverhandlungen zeigen. Klar ist jedoch: Ohne eine signifikante Aufstockung der Mittel könnte die „Digitale Schiene Deutschland“ hinter den Erwartungen zurückbleiben – mit weitreichenden Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bahnverkehrs.

Quellen: welt.de


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