Warnzeichen für Chemikalien (Symbolbild).
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Nicolas Fuchs Nicolas Fuchs
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Nicolas ist seit 2016 Redakteur bei ARIVA.DE. Seine Expertise in der technischen Analyse und sein Engagement für genaue Prognosen machen ihn zu einer wertvollen Ressource für die Community, die auf aussagekräftige News angewiesen ist.

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Darum droht 2026 der deutschen Chemieindustrie ein weiteres Krisenjahr

Hohe Energiepreise, sinkende Nachfrage und aggressive Billigimporte aus China und den USA setzen die deutsche Chemiebranche weiter unter Druck. 2026 drohen neue Werksschließungen, Produktionsverluste und tausende Stellenstreichungen.
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Europas Chemieindustrie unter Druck: Importflut gefährdet Produktionsstandorte

Die europäische Chemieindustrie steht vor einem harten Strukturwandel. Wesentliche Ursachen sind die anhaltend steigenden Importe von Chemikalien, Kunststoffen und pharmazeutischen Wirkstoffen aus China und den USA, die heimische Hersteller unter enormen Wettbewerbsdruck setzen. Die Situation verschärft sich zunehmend, mit dramatischen Folgen für Beschäftigung, Investitionen und industrielle Wertschöpfung in Europa.

Exponentieller Anstieg der Importe aus China und den USA

Laut aktuellen Zahlen von Eurostat, die dem Handelsblatt vorliegen, haben sich die Chemieimporte aus China zwischen Januar und Oktober 2025 um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht. Das Importvolumen belief sich in diesem Zeitraum auf 47 Milliarden Euro. Dies ist mehr als im gesamten Jahr 2024. Die größten Anteile entfallen auf Basischemikalien, Kunststoffe sowie pharmazeutische Wirkstoffe.

Auch aus den USA verzeichnet Europa deutliche Importzuwächse: Die Lieferungen stiegen im selben Zeitraum um 17 Prozent auf ein Volumen von 78 Milliarden Euro. Dabei profitieren US-Hersteller nicht nur von niedrigen Energiepreisen, sondern auch von asymmetrischen Handelsabkommen.

Zollasymmetrie begünstigt US-Exporte

Ein entscheidender Wettbewerbsnachteil für europäische Hersteller ergibt sich aus einem jüngst durchgesetzten Handelsabkommen: Die EU verzichtet vollständig auf Zölle für US-Industrieprodukte – darunter auch Chemikalien – während die USA auf europäische Exporte einen Zollsatz von 15 Prozent erheben. Diese strukturelle Asymmetrie verschärft den Importdruck zusätzlich.

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Basischemie: Kapazitätsdruck trifft auf Preisverfall

Besonders betroffen ist der Bereich der kapitalintensiven Basischemie, in dem Hersteller aus China und den USA systematisch mit Überkapazitäten auf den Weltmarkt drängen. Aufgrund vergleichsweise günstiger Energiepreise, insbesondere für Erdgas können diese Länder deutlich günstiger produzieren. Laut einer Analyse des britischen Marktforschungsinstituts ICIS verlagert China seit Frühsommer 2025 überschüssige Mengen vermehrt nach Europa, nachdem US-Schutzzölle den Marktzugang in Nordamerika einschränken.

Martin Rödiger, Co-Head Chemical Research bei Kepler Cheuvreux, erläutert:
„Die europäische Chemiebranche leidet gleich doppelt: Einerseits sinken die Absatzmengen, andererseits zwingt der Preisdruck aus Asien zu niedrigeren Margen.“

Produktionsrückgang und Arbeitsplatzverluste

Die Folge dieser Entwicklung ist eine tiefgreifende Schrumpfung der europäischen Produktionsbasis. Seit 2021 hat die Branche laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) bereits mehr als 20 Prozent ihrer Produktionsmenge verloren. Eine Erholung ist nach Ansicht führender Akteure nicht in Sicht .Die Nachfrage bleibt schwach, während der Importdruck weiter steigt.

VCI prognostiziert für 2025 einen Rückgang der Verkaufspreise um weitere 3,5 Prozent. Dies könnte zu weiteren Schließungen führen: Bereits in den letzten zwei Jahren wurden mehr als 4.000 Arbeitsplätze in der deutschen Chemieindustrie gestrichen. Viele davon befanden sich in NRW und Ostdeutschland.

Werkschließungen und Standortverlagerungen

Einige der gravierendsten Einschnitte betreffen prominente Unternehmen:

  • Ineos:

    • Werksschließung in Gladbeck (Phenolproduktion), über 250 Jobs betroffen

    • Stilllegung zweier Anlagen in Rheinberg mit 175 Beschäftigten

    • Schließung einer BDO-Anlage im Chemiepark Marl, die u. a. Vorprodukte für die Pharmaindustrie liefert

  • Bayer:

    • Einstellung der Pflanzenschutzmittel-Produktion in Frankfurt, rund 500 Stellen fallen weg

  • Dow Chemical:

    • Angekündigter Rückzug aus der Cracker-Anlage in Leuna, betrifft 550 Arbeitsplätze

    • Die Cracker-Technologie bildet das Zentrum chemischer Wertschöpfung, ihr Wegfall könnte zu Dominoeffekten in der ostdeutschen Chemie-Region führen

Sven Schulze (CDU), Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, warnt vor einem Verlust industrieller Infrastruktur in Mitteldeutschland und fordert Dow zur aktiven Beteiligung an Lösungen auf.

Langfristige Kapazitätsreduktionen

Laut ICIS-Analysen könnten sich die Schließungen europäischer Chemieanlagen bis Ende 2028 auf ein Volumen von 24 Millionen Tonnen summieren. Bereits bis Ende 2025 sei mit Stilllegungen oder Verkäufen von Anlagen mit 15 Millionen Tonnen Jahreskapazität zu rechnen.

Internationale Großkonzerne wie Shell und Sabic haben bereits signalisiert, ihre Investitionen künftig nach Asien, insbesondere China, verlagern zu wollen.

Forderungen nach Schutzmaßnahmen und fairen Wettbewerbsbedingungen

Angesichts der besorgniserregenden Entwicklung mehren sich die Forderungen aus der Industrie nach einem stärkeren Schutz europäischer Produzenten vor unfairer Wettbewerbspraxis.

Markus Kamieth, Vorstandsvorsitzender der BASF, und Matthias Zachert, CEO von Lanxess, sprechen sich für gezielte Antidumping-Maßnahmen der EU-Kommission aus. Dabei gehe es nicht um Protektionismus, sondern um die Wahrung fairer Wettbewerbsbedingungen.

Ineos hat im November 2025 zehn umfassende Antidumping-Verfahren gegen chinesische Hersteller eingeleitet, auch Lanxess (Lanxess Aktie) beteiligt sich an einem solchen Verfahren.

Gleichzeitig mahnt BASF-Chef Kamieth zur Besonnenheit:
„Europa sollte auch nicht in das andere Extrem verfallen. Es wäre gefährlich, eine Handelsmauer gegenüber China zu errichten.“

VCI-Präsident Markus Steilemann, zugleich Vorstandsvorsitzender von Covestro, sieht die Lösung vielmehr in der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Standorte. Dazu zählen laut Branchenvertretern insbesondere:

  • eine kosteneffizientere Energieversorgung

  • der Abbau regulatorischer Hürden

  • gezielte Investitionsanreize für industrielle Innovation

Fazit: Europas Chemie im Strukturwandel

Die europäische Chemieindustrie steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel, getrieben von globalem Wettbewerbsdruck, asymmetrischen Handelsbedingungen und strukturellen Standortnachteilen. Steigende Importe, sinkende Margen und Werksschließungen sind sichtbare Symptome einer Krise, deren Tiefenwirkung sich bis weit ins Jahr 2028 erstrecken könnte.

Ohne wirksame politische Flankierung, bessere Energiepreise und gezielte Investitionsanreize droht eine Deindustrialisierung zentraler Chemie-Standorte, insbesondere in Deutschland. 


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