Einen Überraschungscoup landete der Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, mit der Zinssenkung am Dienstag nicht. Mit der aggressiven Zinssenkungskampagne hat die Fed in diesem Jahr keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Flaute mit allen geldpolitischen Mitteln bekämpfen wird. Doch auch die hohe Liquidität hat die stotternde Konjunkturlokomotive bislang nicht in Gang gebracht.
Die Notenbanker scheinen mit ihrem Latein am Ende. Schon im Juni äußerten sich mehrere besorgt, dass die Zinssenkungen wirkungslos verpufften.
Warnung vor Inflationsproblemen
Die Debatten über das Für und Wider weiterer Zinssenkungen werden deshalb im Offenmarktausschuss der Fed, der für die Geldpolitik zuständig ist, nach Angaben von Eingeweihten immer hitziger. „Die Fed ist sich in diesem Punkt überhaupt nicht einig. Das ist kein Geheimnis“, sagte Scott Brown, Ökonom bei Raymond James and Associates, dem Sender CNN.
Weil Zinssenkungen sich erst nach frühestens sechs Monaten durch erhöhte Investitionen oder mehr Verbraucherausgaben auswirken, warnen viele, dass die Fed sich Inflationsprobleme in der Zukunft aufhalst.
Mehrere Wirtschaftsindikatoren deuten darauf hin, dass die Erholung bevorsteht. Das Verbrauchervertrauen ist relativ ungebrochen, der Index der zehn wichtigsten Konjunkturdaten zeigt seit vier Monaten nach oben.
Das fallende Dollar, der in den vergangenen sechs Wochen fast zehn Prozent gegenüber dem Euro verlor, lässt US-Exporteure aufatmen und optimistischer in die Zukunft blicken.
Zudem erhalten Millionen von Steuerzahlern in diesen Tagen Schecks mit Rückzahlungen von rund 300 Dollar pro Person von der Steuerbehörde. Das im Frühjahr verabschiedete Steuersenkungsprogramm dürfte die Verbraucher zusätzlich zu neuen Anschaffungen ermuntern.
Ökonom: Sorge vor zu viel Liquidität
Wenn diese Impulse sich in den nächsten Monaten richtig auswirken, könnten die jetzigen Zinssenkungen zu einem Zeitpunkt greifen, an dem es längst wieder kräftig bergauf geht, warnen Kritiker.
Sie malen das Inflationsgespenst an die Wand.
Die Verbraucherpreise sind im Juli zwar so stark zurückgegangen wie seit 15 Jahren nicht mehr, aber das könne sich bei einer Trendwende in der Wirtschaftsdynamik schnell ändern.
„Die legitime Sorge, dass die Fed zu viel Liquidität in den Markt gepumpt hat, kann nicht von der Hand gewiesen werden“, sagte Bill Cheney, Chefökonom bei John Hancock Financial Services, in einem Fernsehinterview. „Vielleicht müssen sie dann stark zurückrudern, wenn die Wirtschaft sich erholt.“
Fed-Chef Alan Greenspan, der dank zahlreicher kluger und zeitlich perfekt terminierter Zinsentscheidungen seit seinem Amtsantritt 1987 als nahezu unfehlbar galt, gerät zunehmend in die Kritik.
Die Fed habe die Zinsschraube im vergangenen Jahr zu stark auf ein Neunjahreshoch angezogen.
Damals trieb die Fed die Sorge vor einer Überhitzung der seit Jahren boomenden Konjunktur.
Doch dann platzte die Technologieblase an den Börsen, die Investitionen wurden abrupt gekürzt. Gleichzeitig zogen die Energiepreise kräftig an. Mit der ersten Zinssenkung im Januar habe Greenspan zu spät reagiert, sagen Kritiker.
Jetzt sehe ich die Zurückhaltung der EZB in einen anderen Licht.
jo.