News - 01.11.07 11:11
Immobilien: Dicker Reibach mit der Mietkaution
Deutschlands Mieter bescheren Banken und Sparkassen jedes Jahr hohe Gewinne. Weil Mietkautionskonten mit einem Zinssatz von rund einem Prozent deutlich geringer verzinst werden als andere Anlageprodukte, verbuchen die Institute allein in diesem Jahr zusätzliche Erträge im dreistelligen Millionenbereich.
Diese zusätzlichen Erträge dürften sich nach FTD-Berechnungen auf rund 661 Mio. Euro belaufen. Insgesamt erzielen die Banken mit den Mietsicherheiten einen Gewinn von weit über 1 Mrd. Euro, da das hinterlegte Kapital für Konsumentenkredite zu deutlich höheren Zinssätzen ausgereicht wird.
"Banken und Sparkassen streichen mit Mietkautionskonten Jahr für Jahr erhebliche Gewinne ein", sagte Frank-Christian Pauli, Bankenexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Viele Mieter leben jahrzehntelang in derselben Wohnung. Das als Mietsicherheit hinterlegte Geld wird in dieser ganzen Zeit nie angetastet.
"Dadurch haben die Geldinstitute so viel Planungssicherheit, dass sie problemlos eine Verzinsung auf dem Niveau von Festgeldanlagen leisten könnten", sagte Pauli. Das ist aber gar nicht gewollt: "Banken und Sparkassen haben ihre Zinssätze bewusst so gestaffelt, dass für Mietkautionskonten nur die geringste Verzinsung gewährt wird", sagte ein norddeutscher Sparkassenvorstand, der namentlich nicht genannt werden will. Die durchschnittliche Mietsicherheitszahlung betrage weniger als 2000 Euro. Bis zu einem Schwellenbetrag von 2000 oder 2500 Euro würden viele Institute derzeit nur eine Mindestverzinsung von einem Prozent gewähren. "Für die deutsche Finanzwirtschaft sind die Mietkautionskonten eine sehr günstige Refinanzierungsquelle", sagte der Vorstand.
Spottbilliges Kapital
Vor allem regionale Sparkassen und Volksbanken würden auf diese Weise zu niedrigsten Kosten an Kapital gelangen, das sie anschließend zu deutlich höheren Zinssätzen im Konsumentenkreditbereich ausreichen können. "Gegenüber den Zinskonditionen der Notenbanken und im Interbankengeschäft ist das aus Mietsicherheitsleistungen generierte Kapital spottbillig", sagte der Insider.
Der gesamte Mietwohnungsbestand in Deutschland beläuft sich auf rund 23,8 Millionen Wohnungen, Ein- und Zweifamilien- sowie Reihenhäuser, haben die Experten der Immobilienforschungsgesellschaft Bulwien Gesa berechnet. Lediglich fünf Prozent aller Objekte sind unvermietet. Theoretisch müssten also Mietkautionsleistungen für rund 22,6 Millionen Wohnobjekte auf den Konten von Banken und Sparkassen ruhen.
Die mittlere Wohnungsgröße in Deutschland beträgt nach Bulwien-Gesa-Ermittlungen 65 Quadratmeter, der Mietpreis liegt im Schnitt bei 6 Euro pro Quadratmeter und Monat. "Das ergibt eine durchschnittliche Kaltmiete von 390 Euro pro Wohnung", sagte Bulwien-Gesa-Experte André Adami. Da Vermieter als Sicherheit drei Monatskaltmieten fordern dürfen, beträgt die Mietkaution im Schnitt 1170 Euro - bei 22,6 Millionen vermieteten Objekten ergibt das die gigantische Summe von 26,44 Mrd. Euro. Ruht dieses Geld auf Mietkautionskonten mit einer einprozentigen Verzinsung, zahlen die Banken darauf insgesamt nur 264 Mio. Euro in diesem Jahr. Hingegen werden für Festgeldkonten mit dreimonatiger Bindung derzeit Zinssätze von teilweise mehr als vier Prozent gewährt. Würden die Mietsicherheiten nur mit 3,5 Prozent verzinst, müssten die Banken dieses Jahr insgesamt rund 925 Mio. Euro auskehren - das wären 661 Mio. Euro mehr als bei der aktuellen Zinsrate von nur einem Prozent.
Alternative Anlageprodukte
Der tatsächliche Gewinn fällt jedoch noch deutlich höher aus, da die als Mietsicherheit hinterlegten Milliardenbeträge für Konsumentenkredite ausgereicht werden zu Effektivzinssätzen von mehr als 7,5 Prozent. "Mieter und Vermieter müssen das Spiel der Banken aber nicht mitmachen", sagte Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. Sie könnten sich gemeinsam darauf einigen, die Mietsicherheitsleistung in höher verzinsten Anlageprodukten zu hinterlegen. "Davon würden beide Seiten profitieren", sagte Ropertz. "Der Mieter würde eine höhere Verzinsung für sein Geld erhalten, der Vermieter eine höhere Sicherheit, weil das hinterlegte Kapital stärker anwächst."
Derzeit bieten aber nur wenige Finanzinstitute attraktive Zinssätze für Festgeldanlagen mit geringen Beträgen an. Diese werden nicht als Mietkautionskonten beworben. Sie können für diesen Zweck genutzt werden, indem der Mieter den Betrag an den Vermieter verpfändet. Die Dresdner Bank verzinst Einlagen ab 1000 Euro bei dreimonatiger Kündigungsfrist mit 2,9 Prozent. Die KarstadtQuelle-Versicherung gewährt bei ihrer Maxizinsgeldanlage mit monatlicher Kündigung vier Prozent für Beträge ab 500 Euro. "Manche Banken nehmen aber auch eine Gebühr für den Aufwand, ein solches Konto zu eröffnen, mitunter bis zu 25 Euro. Bezogen auf eine angenommene Zinsdifferenz von 1,5 Prozentpunkten bei einer Kaution von 1500 Euro frisst diese Gebühr einen möglichen Extrazins schnell auf", sagte Max Herbst von der FMH-Finanzberatung.
Von Richard Haimann und Nikolaus von Raggamby
Quelle: Financial Times Deutschland
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