
Wachstumsaktien und Anlagetrends ziehen Investoren magisch an.Doch jeder Trend hat ein Ende. Wie erkennt man erste Kratzer?
Wie Teenager, die fast jeder Mode nachrennen, fallen auch Anleger mancher Modetorheit zum Opfer. In den Siebzigern hatten es die Nifty Fifty, die „schicken 50“ wie Polaroid oder Avon, den Anlegern angetan; in den Achtzigern ließen Biotech-Aktien die Herzen höher schlagen; in den Neunzigern waren es die Dotcoms, die mit rasant wachsenden Umsätzen und noch schneller in den Himmel schießenden Erwartungen die Anleger massenhaft begeisterten.
Zu Beginn ist der Höhenflug der jeweils aktuellen Trendaktien meist tatsächlich steigenden Umsätzen und Gewinnen zu verdanken. Die Masse der Investoren greift aber erst zu, wenn die Kurse bereits abgehoben haben. Leider enden die Geschichten auch immer gleich: Das Unternehmen gerät ins Trudeln, der Kurs sackt ab, die Karawane zieht weiter und lässt jene zurück, die noch an Wunder glauben.
Wie aber erkennen Anleger, ob ein Modetrend noch Bestand hat oder schon erste Risse zeigt? Diese Frage stellt sich heute angesichts der rasch wachsenden Konsum- und Einzelhandelstitel. Typische Beispiele sind Coach, Krispy Kreme Doughnuts, Starbucks und Bed Bath & Beyond. Analysiert man Aufstieg und Niedergang der Trendaktien von gestern – etwa Home Depot, McDonald’s, Gap und Toys ‘R’ Us –, scheint es, dass Aktien mit einem hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nur selten deshalb an Boden verlieren, weil sie hoch bewertet sind. Meist gibt es gute Gründe für eine Talfahrt. „Es kommt ziemlich selten vor, dass ein Unternehmen aus heiterem Himmel abstürzt“, sagt Douglas Foreman, Komanager des TCW Galileo Fund. Die US-weit agierende Baumarktkette Home Depot konnte zum Beispiel in den Achtziger- und Neunzigerjahren explosive Zuwächse bei Umsatz und Gewinn verzeichnen. Zwischen 1985 und 2000 erfreuten sich die Anleger – ohne Dividende – an einer Rendite von 15.000 Prozent.
Nach unten ging es dann schnell. Im Oktober 2000 gab das Unternehmen für die folgenden zwei Quartale eine Gewinnwarnung heraus. Auf die Quartalsberichte selbst haben etliche Aktionäre erst gar nicht mehr gewartet: An einem Handelstag erlitt Home Depot einen Kursverlust von 28 Prozent. 2002 konnte das Unternehmen wegen der verschärften Konkurrenz durch Lowe’s und unzulängliche Qualitätskontrollen die selbst gesteckten Ziele wieder nicht erreichen. Inzwischen erholen sich die Gewinne und der Aktienkurs zwar wieder, aber als Wachstumswert wird der Titel nicht mehr gehandelt. Gewiefte Investoren achten bei Wachstumswerten auf zarte Anzeichen von Ärger. Als Warnsignal gilt eine Verschlechterung der Gewinnqualität: Einmalige Ergebniszuwächse sind kein Ersatz für steigende Gewinne im Kerngeschäft. Auffällige Verschiebungen in der Bilanz, etwa ein Anstieg der Forderungen oder ein langsamerer Lagerumschlag, sind ebenfalls oft erste Vorboten sinkender Gewinne.
Ebenso plötzliche Veränderungen in der Unternehmensstrategie. Intensive Expansionsbestrebungen im Ausland oder Pläne für riskante Übernahmen lassen häufig auf einen Rückgang des Kerngeschäfts schließen. Weitere Warnzeichen sind personelle Veränderungen im Management und Aktienverkäufe durch Manager und Aufsichtsräte des Unternehmens, obschon es dafür auch harmlose Gründe geben kann. Schließlich liefert auch der Markt selbst gewisse Indizien. Rutscht eine starke Aktie ohne ersichtlichen Grund ab, könnten andere Investoren bereits ein Haar in der Suppe gefunden haben.
Institutionelle Investoren, die eine Enttäuschung erlebten, geben Aktien selten eine zweite Chance. „Wenn ein Unternehmen, das hohe Wachstumsraten prognostiziert, sein Gewinnziel nicht erreicht, ist es damit für uns gestorben“, erklärt Brian O’Toole von Putnam Investments. Denn, so O’Tooles Beobachtung: „Meist bleibt es nicht bei einem einmaligen Ausrutscher.“ Die Analysen der Putnam-Manager haben ergeben, dass Unternehmen, die ihre Gewinnziele nicht erreichen, oft in den folgenden 13 Monaten schlechter als der Gesamtmarkt abschneiden.
Chris McHugh, ein Portfoliomanager bei Turner Investment Partners, achtet auf Signale, die auf eine mögliche Verlangsamung des organischen Wachstums hindeuten. Bevor etwa McDonald’s in den Neunzigerjahren implodierte, gab es genügend Vorwarnungen. So war in der ersten Hälfte der Neunziger in den USA die Körperschaftsteuer reduziert worden – das erklärt, warum die Gewinne trotz langsameren Wachstums vorerst weiter stiegen. Als 1996 der US-Markt gesättigt war, begann das Unternehmen, mit voller Kraft im Ausland zu expandieren und eröffnete bis Ende der Neunziger 3000 neue Filialen.
Der Tiefpunkt kam im Dezember 2002, als McDonald’s den CEO auswechselte und den ersten Quartalsverlust seiner Geschichte bekannt gab. Der neue Chef bremst nun die Expansionsbestrebungen. McDonald’s fing sich wieder, wenngleich der Titel heute kaum mehr als Wachstumswert gilt. Für Fondsmanager Douglas Foreman sind die ersten Anzeichen von Problemen bereits mit einem Blick auf Bilanzpositionen erkennbar. „Gerade eine Talfahrt hinterlässt ihre Spuren zuerst in der Bilanz und erst sechs bis zwölf Monate später in der Gewinn- und Verlustrechnung“, erklärt er. Dieser Ansatz ist auf die aktuellen Stars unter den Wachstumswerten anwendbar.
Dazu zählt der Doughnutbäcker Krispy Kreme, der Legionen von Kunden und Investoren (die oft genug identisch sind) in seinen Bann zieht. Die ersten Analysten fragen sich nun, ob das dynamische Wachstum des Unternehmens in eine gemächlichere Expansion oder gar eine Marktsättigung münden wird. Nach der Filialeröffnung in Boston ist Krispy Kreme in fast jeder US-Region präsent. Der Analyst John Ivankoe von J P Morgan meint, dass Ergebniszuwächse durch neue Shops in Zukunft geringer ausfallen werden.
Manche der Topaktien lassen trotz aller Meriten bereits bevorstehende Turbulenzen erahnen. Zudem ist es nicht ehrenrührig, Gewinne mitzunehmen. Bill D’Alonzo, Chief Investment Officer der Vermögensverwaltung Friess Associates, kaufte im Januar Coach-Aktien und verkaufte im April nach einem Kursanstieg um 21 Prozent sein gesamtes Paket. „Beim aktuellen Niveau bot Coach kaum noch Fantasie“, erklärt er, obwohl funda-mental kein Grund zur Besorgnis auszumachen war. „Wir zogen es vor, auf weitere Gewinne zu verzichten, statt das übermäßige Risiko einzugehen, das mit einem höheren KGV verbunden ist.“
Ach, wenn doch alle Investoren so nüchtern auf die Moden an der Börse blickten.
MICHAEL SANTOLI
http://www.wiwo.de/pswiwo/fn/ww2/sfn/buildww/cn/...cn/bm_morecontent/
id/179/id/31957/fm/0/fl/0/bt/2/SH/0/depot/0/index.html