Die Weltgeschichte hat einen Sinn für feine Ironie: Da taumelt die Marktwirtschaft zwei Jahre lang durch die tiefste Krise seit 75 Jahren - und am Ende ist es das kommunistische Kuba, das sich am dramatischsten ändern muss. Eine Million Staatsbedienstete - jeder Fünfte - wird im Laufe des kommenden Jahres gekündigt werden, hat die kubanische Regierung just gestern am Vorabend des zweiten Jahrestags der Lehman-Pleite verkündet.
Hat der Kapitalismus schon wieder einmal gewonnen? Ist die Krise schon wieder vorbei?
Die unmittelbare Gefahr eines Zusammenbruchs der Weltwirtschaft, wie wir sie kennen, scheint vorbei. Aber das war's dann doch noch nicht: Wie es im menschlichen Organismus oft eine akute Krankheit gibt, hinter der ein chronisches Problem steht, etwa ein schwaches Immunsystem, so ist es auch mit der Weltwirtschaft - und das chronische Problem ist noch lange nicht behoben. Im Gegenteil: Die Krisenbekämpfung, so notwendig sie für das Überleben im Augenblick auch gewesen sein mag, hat es noch verschärft.
Dieses chronische Problem ist ein multiples, ineinander verwobenes. Ein Bestandteil ist, dass spätestens seit der überzogenen Niedrigzinspolitik nach dem 11. September 2001 zu viel billiges Geld verfügbar ist. Und das hat sich eher noch verschlimmert. Eine Blase wie bei dem durch staatliche Anreize („Jedem Amerikaner sein Eigenheim!") angeheizten Immobilienboom in den USA kann durchaus anderswo passieren und einen welterschütternden Knall produzieren.
Inflation oder eisernes Sparen
Ein weiterer Bestandteil ist die hohe Staatsverschuldung, die ebenfalls durch Konjunkturpakete und Bankenhilfen noch verschärft worden ist. Diese Cortisonkur hat vielleicht dem Patienten das Leben gerettet, ihn aber vollends abhängig gemacht. Mit den Konjunkturpaketen haben die Regierungen nämlich noch keinen selbsttragenden Aufschwung geschafft, der irgendwann die Schuldenrückzahlung finanziert, sondern nur Zeit gekauft. Der Zahltag naht, aber die Probleme sind nicht samt und sonders gelöst worden. Der Abbau der angehäuften Staatsschulden wird also entweder stattfinden und damit möglicherweise den Konjunkturaufschwung dämpfen. Oder er wird nicht stattfinden - und durch Inflationierung erträglich gemacht.
Daher herrscht derzeit bei den Wirtschaftsforschern trotz aktuell guter Wirtschaftswachstumsdaten eine angespannte Stimmung. Viel vom derzeitigen Aufschwung ist bloß ein Aufholen dessen, was im Jahr 2009 aufgeschoben worden ist. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft bringt das so auf den Punkt: „Nur aufzuholen, was man verloren hat, kennzeichnet nicht wirklich eine Wachstumslokomotive."
Wie wackelig der Aufschwung ist, sieht man an der Investitionszurückhaltung der Industrie. Die Manager wissen um die möglichen negativen Langzeiteffekte der Krisenbekämpfung. Sie kennen vor allem die drohenden Steuererhöhungen und wissen, wie prekär es mit den Staatsaufträgen ist - gerade auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung. Und halten sich zurück.
Womit wir beim dritten Problembestandteil sind: dem allgemeinen Sentiment. Dem beträchtlichen Restübermut der - allenthalben „geretteten" - Banker steht auf der Unternehmerseite ein ziemlich starker Restpessimismus gegenüber. Das ist keine gute Ausgangsbasis für nachhaltiges Wachstum. Wo es keine weitgehende Übereinstimmung in den Grundannahmen über die Zukunft gibt, gibt es keinen Boom......"
