wap-handys/ M-COMMERCE


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wap-handys/ M-COMMERCE

 
31.12.00 14:29
T E L E K O M M U N I K A T I O N
                 
Teils clever, teils absurd

Noch bevor der Handel per Handy in Schwung kommt,
stehen die ersten
M-Commerce-Firmen vor der Pleite

Von Arne Molfenter und Alexander T. Nicolai

Die Geschichte begann in der Steinzeit des Mobile
Commerce - also vor zwei
Jahren. Ebenso lang waehrte die Erfolgsstory von
CitiKey. Das
Start-up-Unternehmen hatte seine grosse
Geschaeftschance im M-Commerce gesehen,
dem elektronischen Handel mithilfe von Mobiltelefonen
oder anderen mobilen
Geraeten. Die Kunden sollten unterwegs Konzert- und
Kinokarten bestellen  oder
sich Stadtplaene auf ihrem Display anschauen. Zum
Jahresende wird CitiKey
endgueltig schliessen.

Fuer ihre Geschaeftsidee hatten die Gruender 11,5
Millionen US-Dollar
Risikokapital von drei der weltgroessten
Investmentgesellschaften erhalten, von
Crescendo Ventures, Atlas Venture und Kennet Capital.
In neun europaeischen
Grossstaedten wurden Bueros  eroeffnet. Die
Umsatzprognose war mehr als
ehrgeizig: 100 Millionen Dollar sollte das Unternehmen
im Jahr 2002 erzielen.
Von Stockholm ueber Berlin bis Mailand wurden Kunden
bedient. Allerdings: Kaum
jemand interessierte sich fuer CitiKey. Ende November
erhielt die Firma eine
Nominierung fuer die beste Wap-Anwendung des Jahres.
Doch die Preisverleihung
in Sevilla fand ohne die Vertreter von CitiKey statt.
Einige Tage zuvor hatte
die schwedische Mutterfirma Konkurs angemeldet.

So wie CitiKey geht es vielen Unternehmen, die sich im
Geschaeftsfeld
M-Commerce tummeln. Auch der direkte Mitbewerber, das
Infoportal Starwap,

musste vor einigen Tagen einen Insolvenzantrag beim
Amtsgericht Muenchen
stellen. Das Unternehmen war erst im Januar gegruendet
worden. Dann platzte ein
bereits zugesagter Ueberbrueckungskredit. Dem
Starwap-Vorstand blieb nichts
uebrig, als die allgemein schlechte Lage des
Finanzmarkts und die unerwartet
schleppende Entwicklung des mobilen Internet-Marktes
fuer die Pleite
verantwortlich zu machen.

Vor anderthalb Jahren wurden auf der Berliner
Funkausstellung die ersten Handys
vorgestellt, die den mobilen Zugang zum Internet auf
Basis des
Uebertragungsprotokolls Wap (Wireless Application
Protocol) ermoeglichen - der
Startschuss fuer zahlreiche M-Commerce-Gruendungen in
Deutschland. Manche
Geschaeftsideen sind clever, andere eher absurd.
12snap organisiert mobile
Versteigerungen, flights.com verkauft Flugtickets. An
die weibliche Kundschaft
richtet sich das Angebot der Firma Zappybaby, die
Frauen per Textbotschaft auf
das Handy an ihre fruchtbaren Tage erinnert. Wer Wert
auf Sauberkeit legt,
informiert sich bei Woklo.de, dem mobilen Wap-Fuehrer
fuer oeffentliche
Toiletten im Ruhrgebiet. Ein Klick, und der geplagte
Nutzer erfaehrt, wo sich
die naechste (von den Anbietern persoenlich getestete)
oeffentliche Toilette
befindet.

Eines haben die jungen Firmen der mobilen Wirtschaft
gemeinsam: Sie alle hoffen
auf satte Gewinne in der Zukunft und kaempfen mit den
Problemen der Gegenwart.
Zu teuer, zu umstaendlich und vor allem zu langsam.

Von den Wap-Nutzern wird viel Geduld verlangt. Das
liegt an der Technik. Der
Uebertragungsstandard GSM, auf dem die derzeitigen
Mobilfunknetze aufbauen, ist
nicht fuer das Internet geeignet. Knapp 40 Pfennig pro
Minute kostet es, die
Seiten auf dem Wap-Handy aufzurufen, zehnmal so viel
wie im normalen Internet.
Und es dauert zudem sechsmal so lange - wenn die
Verbindung ueberhaupt zustande
kommt.

Viele Nutzer verzweifeln an den Schwierigkeiten, so
wie der Geschaeftsmann, der
kuerzlich in der Abflughalle des Hamburger Flughafens
von amuesierten
Passagieren  beobachtet wurde. Schnell wollte er einen
Blick auf die
Boersenkurse werfen. Doch bevor sein persoenliches
Depot auf dem Display
erschien, brach die Verbindung zusammen. Entnervt riss
er den Akku heraus, um
das Handy abschalten zu koennen. Gefangen im Netz:
Reisst die Verbindung ab,
lassen sich viele Wap-Handys nicht mehr neu starten.
Selbst der rote
Ausschaltknopf funktioniert dann nicht mehr.

Zu Jahresanfang herrschte in der Szene noch Euphorie.
Die
Marktforschungsinstitute ueberboten sich mit
optimistischen Vorhersagen. So
prognostizierte das Londoner Institut Durlacher
Research fuer dieses Jahr einen
M-Commerce-Umsatz von etwa vier Milliarden Euro in
Europa. Inzwischen wird
Zurueckhaltung geuebt. "Unsere Prognose war zu
optimistisch. Das groesste
Risiko liegt in der Technologie. Damit verschiebt sich
manche Vorhersage nach
hinten", sagt Falk Mueller-Veerse, European Research
Manager bei Durlacher.

Viele Start-ups hatten sich in ihren Business-Plaenen
allzu gutglaeubig auf die
Prognosen verlassen. Jetzt ist die Enttaeuschung
gross, nur wenige deutsche
M-Commerce-Unternehmen machen mehr als 10 000 Mark
Umsatz pro Monat. Wegen des
mangelnden Kundeninteresses spotten einige
Brancheninsider schon ueber die
Wapathie der Deutschen.

"Die Euphorie ist laengst verflogen. Wap hinterlaesst,
um es vorsichtig
auszudruecken,unzufriedene Kunden. Trotzdem bieten
sich im M-Commerce noch
immer grosse Chancen", meint der Unternehmensberater
David Dean, der die
Praxisgruppe Technologie und Kommunikation bei der
Boston Consulting Group
leitet und mehrere Studien zum M-Commerce erstellt
hat. Anlass zur Hoffnung
bietet die Entwicklung der Technik. Bereits im
Fruehjahr 2001 koennte ein neuer
Uebertragungsstandard eingefuehrt werden, wenn die
Netzbetreiber einen
Abrechnungsmodus festgelegt haben. Die GPRS-Handys
loesen den bisherigen
Standard ab und fuehren zu deutlich besseren
Uebertragungsraten im mobilen
Internet. Ein Jahr spaeter soll dann die
UMTS-Technologie fuer noch hoehere
Geschwindigkeiten sorgen.

Das Rennen um die besten Geschaeftsideen geht deshalb
munter weiter. Zum
Beispiel beim Wap-Wednesday im Baerensaal des Alten
Stadthauses in Berlin.
Dort, wo vor zehn Jahren der deutsche Einigungsvertrag
unterzeichnet wurde,
traf sich vor einigen Wochen die deutsche
M-Commerce-Gemeinde. Livrierte
Kellner in roten Westen servierten Canapis und Sekt,
zwischen den maechtigen
Marmorsaeulen verteilten Kapitalgeber Visitenkarten
und boten jungen Gruendern
Risikokapital fuer eine erste Finanzierungsrunde an,
um so begehrte
Unternehmensanteile zu erhalten.

Veranstalter des Wap-Wednesday war die Muenchner Firma
Apollis. Einer, der dort
im Aufsichtsrat sitzt, verspricht sich viel von den
neuen
M-Commerce-Unternehmen: Ex-Mannesmann-Chef Klaus
Esser, der seinen damaligen
Arbeitgeber im Februar mit einer Abfindung von 60
Millionen Mark verliess. Im
naechsten Jahr will Apollis knapp 200 Millionen Mark
in M-Commerce-Unternehmen
investieren.

Einigen Firmen werden im Wettbewerb um Kunden
besonders gute Chancen
eingeraeumt. So sicherte sich 12snap aus Muenchen, das
unter anderem mobile
Versteigerungen organisiert, 74 Millionen Mark in der
dritten
Finanzierungsrunde - die hoechste Summe an
Risikokapital, die ein europaeisches
Start-up in diesem Jahr erhalten hat. Mit dem
Geldsegen soll bis zum Jahr 2002
vor allem ein Ziel erreicht werden: die Gewinnzone.

Mannesmann ist mit 12snap eine enge Kooperation
eingegangen, die auch eine
einjaehrige Exklusivitaet beinhaltete. Solche
strategischen Partnerschaften
sind wichtig fuer die Telefongesellschaften aus der
alten Wirtschaft; die
Milliarden, die sie im Sommer bei der Versteigerung
der UMTS-Frequenzen
ausgeben mussten, koennen sie nicht allein durch den
Verkauf von Telefonminuten
wieder hereinholen. Von dieser Strategie profitieren
beide Seiten. "Ohne starke
Partner werden viele M-Commerce-Unternehmen kaum
ueberleben", glaubt
12snap-Gruender Michael Birkel, Spross des
gleichnamigen schwaebischen
Hartweizen-Clans.

Auch debitel, Europas groesste netzunabhaengige
Telefongesellschaft, ging auf
die Suche nach einer aussichtsreichen Beteiligung.
Zusammen mit Europas
maechtigsten Elektro- und Hifi-Fachhaendlern
MediaMarkt, Saturn und
ElectronicPartner haelt debitel 40 Prozent der Anteile
am mobilen
Internet-Portal Jamba in Berlin. Der strategische
Vorteil: Gemeinsam verkaufen
die Partner Millionen von Mobiltelefonen mit
Internet-Zugang, und bei jedem ist
jamba.de als Startseite eingestellt.

Womit kuenftig im M-Commerce Geld verdient wird,
scheint klar. Moebel, Buecher
oder Stereoanlagen werde sich niemand ueber sein Handy
bestellen, meint
Jamba-Vorstand Oliver Samwer. Anders sehe es beim
Einkauf digitalisierbarer
Gueter wie Klingeltoene oder Aktien aus: "Hier wird
die Einfachheit und
Bequemlichkeit des Handys mit Internet-Zugang einen
wahren Boom hervorbringen."

Fieberhaft werden Anwendungen fuer die kuenftigen
Handygenerationen entwickelt.
Davon koennten viele Branchen profitieren. So gehen
Experten davon aus, dass in
den naechsten Jahren die meisten Autos ein Terminal
fuer das mobile Internet
besitzen werden. Auch eine sprachgesteuerte
E-Mail-Funktion existiert bereits.
Daraus koennten sich spannende Anwendungen ergeben,
etwa eine automatische
Hotel- oder Restaurantsuche, abhaengig davon, wo sich
der Fahrer gerade
aufhaelt.

Trotz einiger Schwierigkeiten scheint es vielen
sicher, dass mit M-Commerce
viel Geld verdient werden kann. "Die Frage ist nicht,
ob der M-Commerce kommen
wird, sondern wann", sagt David Dean von der Boston
Consulting Group. "Ob in
einigen Jahren aber 50 oder 100 Milliarden Umsatz
gemacht wird, ist eine andere
Sache."

Zweifelhaft bleibt, wie viele der bereits
existierenden M-Commerce-Unternehmen
diese Zeiten erleben werden. Denn ihr Risikokapital
verbrennen sie schon jetzt.

[www.zeit.de/2001/01/Wirtschaft/200101_handy-commerce.html]



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