Und keiner hat's gemerkt
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Macht euch die Erde untertan, hieß es. Dazu wurde der Mensch mit überragenden Fähigkeiten des Geistes ausgestattet, an die kein anderes lebendes Wesen auf diesem Planeten herankommt. Und doch beweist der Homo Sapiens immer wieder, dass er ein Gedächtnis wie ein Sieb hat. Diese mentale "Sollbruchstelle" ist hilfreich, um uns nach Katastrophen das Weiterleben zu ermöglichen, aber an der Börse sollte man tunlichst versuchen, sich zu erinnern. Denn das Motto "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" führt dazu, dass die Börsianer die selben Fehler immer und immer wieder machen. Erinnern wir uns also:
Noch vor eineinhalb Jahren erlebten wir insbesondere am Neuen Markt eine Revolution des Geistes. Findige, progressive Experten verkündeten ein neues Zeitalter. Überkommene Messgrößen wie KGV oder Dividendenrendite wurden entschlossen über Bord geworfen, um den wirklichen, den "wahren" Bewertungsmassstäben Platz zu machen. Da die Mehrzahl der an den Neuen Markt strömenden Unternehmen sowieso keinerlei Gewinn machte, wurde das Kurs/Umsatz-Verhältnis zum Nonplusultra erklärt und dabei Werte, die normalerweise sogar für ein Kurs/Gewinn-Verhältnis stolz wären, mit Hinweis auf die unglaublichen Steigerungen in der gar nicht mehr fernen Zukunft freudestrahlend abgenickt. Und die Dividendenrendite, meine Güte! Was für Dividenden? Schließlich machen es die USA vor: In Wachstumsbranchen muss das Geld in den Ausbau des Geschäfts fließen und nicht in den Taschen der Aktionäre verkommen. Der wird ja dereinst durch die Kursgewinne profitieren und über all die verknöcherten, ewig gestrigen Zweifler lachen, die vor diesen seltsamen neuen Bewertungsmassstäben waren. So ist es. Wir lachen. Hysterisch zwar, aber wir lachen. Vor allem, da wir heute wissen, dass das Geld der Aktionäre bei so manchem Zukunftswert nicht in den Ausbau des Geschäftsbetriebs, sondern den Ausbau des Vermögens des Vorstandsvorsitzenden geflossen ist. Wie die Zeiten sich ändern...
Wie gesagt: Man erlebt ja so einiges. Und da vergisst man schnell, was noch vor einem Jahr "allgemein bekannt" war. Noch grotesker ist in dieser Hinsicht das blöde Argument, dass Aktien auf ewig weiter steigen müssen, weil a) das Geld einfach da ist und investiert werden muss und b) nur die Aktien den Bürgern eine angemessene Altersversorgung sichern können. Wer in blindem Vertrauen auf diese Parolen vor einem Jahr am Neuen Markt investiert hat, weiß heute, dass "angemessene Altersversorgung" offenbar Wasser und Brot bedeutet. Und er weiß auch, dass sich das Thema "das Geld ist da" damit gleich mit erledigt hat. Halten wir fest:
Vor eineinhalb Jahren "wussten" wir, dass der Nemax in Kürze über 10.0000 Punkte steigen würde. Heute "wissen" wir, dass der Nemax in Kürze unter 1.000 Punkte fallen wird. Zugleich haben wir (was die allgemeine Grundhaltung meint) vergessen, dass das Kurs/Umsatz-Verhältnis eine tolle Messlatte darstellt und wissen auf einmal wieder, dass ein KGV von 20 bei einem gut aufgestellten Chiphersteller viel zu teuer ist. Auf einmal. Soso. Und das soll wirklich die Wahrheit sein? Kann es nicht sein, dass all das, was man heute mal wieder zu wissen glaubt, ein ebenso verqueres Verzerren der Realität ins Extreme ist wie zuvor in der Hausse? Kann man bei einer Aktie, die noch vor kurzem ein Zukunftswert war, plötzlich ernsthaft an einem ohnehin historisch relativ moderaten KGV herumnörgeln? Sicher, man kann! Aber man muss sich dessen bewusst werden. Denn den Anlegern in ihrer Gesamtheit ist überhaupt nicht klar, welch unglaubliche mentale Kehrtwende hier vollzogen wurde. Was gestern weiß war, ist heute schwarz - und keiner hat's gemerkt!
Genau das selbe kann und wird sich aber auch wieder umkehren. Kaum wird sich die Konjunktur erholen, werden die selben prozentualen Veränderungen am Neuen Markt, die heute ein Minuszeichen aufweisen, ein Plus vorweisen. Dann besteht für einige wieder einmal die Chance, daraus zu lernen und nicht wieder bestens zu ordern, von Kursverdreifachungen zu träumen und den Ferrari schon mal zu bestellen. Die Mehrheit wird es wieder einmal nicht merken. Aber es bleiben immer wieder genügend Aufmerksame, die den anderen und sich selbst über die Schulter blicken und dadurch zu den dauerhaften Gewinnern zählen. Und wer sich hierzu schon heute die Mühe macht wird merken:
Im März 2000 hat die Börse nach oben übertrieben. Jetzt aber wird untertrieben. Denn die Börse ist nun mal keine Einbahnstrasse, und das gilt für beide Richtungen. Wer jetzt etwas Nerven und Geduld mitbringt, kauft ein, während der Rest der Anleger noch ihre Erbsen zählen, von einem Nemax unter 1.000 murmelt und bestens am Tief verkauft!
Übrigens: Wenn Sie sich auch zwischen dieser zweiwöchentlichen Kolumne brandaktuell über die Lage informieren möchten: Im NewTec-Investor finden Sie jede Woche hochinteressante Fakten, Hintergründe und Empfehlungen aus dem Bereich IPOs und Wachstumswerte. Klar, komprimiert und aktuell.
Mit besten Wünschen Ihr
Ronald Gehrt
Ronald Gehrt ist Chefredakteur der TM BÖRSENVERLAG AG in Rosenheim.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Macht euch die Erde untertan, hieß es. Dazu wurde der Mensch mit überragenden Fähigkeiten des Geistes ausgestattet, an die kein anderes lebendes Wesen auf diesem Planeten herankommt. Und doch beweist der Homo Sapiens immer wieder, dass er ein Gedächtnis wie ein Sieb hat. Diese mentale "Sollbruchstelle" ist hilfreich, um uns nach Katastrophen das Weiterleben zu ermöglichen, aber an der Börse sollte man tunlichst versuchen, sich zu erinnern. Denn das Motto "was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" führt dazu, dass die Börsianer die selben Fehler immer und immer wieder machen. Erinnern wir uns also:
Noch vor eineinhalb Jahren erlebten wir insbesondere am Neuen Markt eine Revolution des Geistes. Findige, progressive Experten verkündeten ein neues Zeitalter. Überkommene Messgrößen wie KGV oder Dividendenrendite wurden entschlossen über Bord geworfen, um den wirklichen, den "wahren" Bewertungsmassstäben Platz zu machen. Da die Mehrzahl der an den Neuen Markt strömenden Unternehmen sowieso keinerlei Gewinn machte, wurde das Kurs/Umsatz-Verhältnis zum Nonplusultra erklärt und dabei Werte, die normalerweise sogar für ein Kurs/Gewinn-Verhältnis stolz wären, mit Hinweis auf die unglaublichen Steigerungen in der gar nicht mehr fernen Zukunft freudestrahlend abgenickt. Und die Dividendenrendite, meine Güte! Was für Dividenden? Schließlich machen es die USA vor: In Wachstumsbranchen muss das Geld in den Ausbau des Geschäfts fließen und nicht in den Taschen der Aktionäre verkommen. Der wird ja dereinst durch die Kursgewinne profitieren und über all die verknöcherten, ewig gestrigen Zweifler lachen, die vor diesen seltsamen neuen Bewertungsmassstäben waren. So ist es. Wir lachen. Hysterisch zwar, aber wir lachen. Vor allem, da wir heute wissen, dass das Geld der Aktionäre bei so manchem Zukunftswert nicht in den Ausbau des Geschäftsbetriebs, sondern den Ausbau des Vermögens des Vorstandsvorsitzenden geflossen ist. Wie die Zeiten sich ändern...
Wie gesagt: Man erlebt ja so einiges. Und da vergisst man schnell, was noch vor einem Jahr "allgemein bekannt" war. Noch grotesker ist in dieser Hinsicht das blöde Argument, dass Aktien auf ewig weiter steigen müssen, weil a) das Geld einfach da ist und investiert werden muss und b) nur die Aktien den Bürgern eine angemessene Altersversorgung sichern können. Wer in blindem Vertrauen auf diese Parolen vor einem Jahr am Neuen Markt investiert hat, weiß heute, dass "angemessene Altersversorgung" offenbar Wasser und Brot bedeutet. Und er weiß auch, dass sich das Thema "das Geld ist da" damit gleich mit erledigt hat. Halten wir fest:
Vor eineinhalb Jahren "wussten" wir, dass der Nemax in Kürze über 10.0000 Punkte steigen würde. Heute "wissen" wir, dass der Nemax in Kürze unter 1.000 Punkte fallen wird. Zugleich haben wir (was die allgemeine Grundhaltung meint) vergessen, dass das Kurs/Umsatz-Verhältnis eine tolle Messlatte darstellt und wissen auf einmal wieder, dass ein KGV von 20 bei einem gut aufgestellten Chiphersteller viel zu teuer ist. Auf einmal. Soso. Und das soll wirklich die Wahrheit sein? Kann es nicht sein, dass all das, was man heute mal wieder zu wissen glaubt, ein ebenso verqueres Verzerren der Realität ins Extreme ist wie zuvor in der Hausse? Kann man bei einer Aktie, die noch vor kurzem ein Zukunftswert war, plötzlich ernsthaft an einem ohnehin historisch relativ moderaten KGV herumnörgeln? Sicher, man kann! Aber man muss sich dessen bewusst werden. Denn den Anlegern in ihrer Gesamtheit ist überhaupt nicht klar, welch unglaubliche mentale Kehrtwende hier vollzogen wurde. Was gestern weiß war, ist heute schwarz - und keiner hat's gemerkt!
Genau das selbe kann und wird sich aber auch wieder umkehren. Kaum wird sich die Konjunktur erholen, werden die selben prozentualen Veränderungen am Neuen Markt, die heute ein Minuszeichen aufweisen, ein Plus vorweisen. Dann besteht für einige wieder einmal die Chance, daraus zu lernen und nicht wieder bestens zu ordern, von Kursverdreifachungen zu träumen und den Ferrari schon mal zu bestellen. Die Mehrheit wird es wieder einmal nicht merken. Aber es bleiben immer wieder genügend Aufmerksame, die den anderen und sich selbst über die Schulter blicken und dadurch zu den dauerhaften Gewinnern zählen. Und wer sich hierzu schon heute die Mühe macht wird merken:
Im März 2000 hat die Börse nach oben übertrieben. Jetzt aber wird untertrieben. Denn die Börse ist nun mal keine Einbahnstrasse, und das gilt für beide Richtungen. Wer jetzt etwas Nerven und Geduld mitbringt, kauft ein, während der Rest der Anleger noch ihre Erbsen zählen, von einem Nemax unter 1.000 murmelt und bestens am Tief verkauft!
Übrigens: Wenn Sie sich auch zwischen dieser zweiwöchentlichen Kolumne brandaktuell über die Lage informieren möchten: Im NewTec-Investor finden Sie jede Woche hochinteressante Fakten, Hintergründe und Empfehlungen aus dem Bereich IPOs und Wachstumswerte. Klar, komprimiert und aktuell.
Mit besten Wünschen Ihr
Ronald Gehrt
Ronald Gehrt ist Chefredakteur der TM BÖRSENVERLAG AG in Rosenheim.
. das ende der baisse ist bei 0.