Chinesen kaufen Traditionsfirmen
Von Bert Fröndhoff
Deutsche Mittelständler können auf eine neue Käuferschicht aus Fernost zurückgreifen. Immer häufiger drängen chinesische Firmen speziell nach Deutschland – und bringen Geld mit, das heimische Firmen gut gebrauchen können. Doch eine Kooperation will sorgfältig geprüft sein.
DÜSSELDORF. Chinesische Firmen streben ins Ausland und halten nach Kaufgelegenheiten Ausschau – so viel ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass ein kleiner, feiner Markt im typisch deutschen Maschinenbau bereits fest in chinesischer Hand ist. Das ist der Fall bei den Herstellern komplexer Großmaschinen, mit denen bis zu 200 Tonnen schwere Teile präzise bearbeitet werden können. Zwei Mittelständler teilen sich diesen Markt weitgehend: die Schiess GmbH aus dem ostdeutschen Aschersleben sowie die Werkzeugmaschinenfabrik Adolf Waldrich Coburg aus Oberfranken.
Zwei traditionsreiche deutsche Firmen, die keine deutschen Mehrheitseigner mehr haben: 2004 schlüpfte Schiess unter das Dach der Shenyang Machine Tool Co Ltd. (SMTCL). Ein Jahr später fand auch Waldrich Coburg einen neuen Besitzer: Beijing No 1 Machine Tool.
Eine seltene Konstellation. Doch sie zeigt, dass chinesische Firmen speziell nach Deutschland drängen. Allein im Werkzeug- und Textilmaschinenbau gab es in den vorigen Jahren acht Übernahmen (siehe Tabelle auf Seite 2). Die Motive der Chinesen: Sie wollen mit Markennamen, angesehener Technologie und ausgebauten Vetriebsnetzen den Zugang zum westlichen Markt erreichen.
Dafür bringen sie Geld mit, das heimische Firmen gebrauchen können. „Chinas Going Global kommt zu einer Zeit, in der viele Mittelständler mit Existenzproblemen kämpfen“, beobachtet Matthias Müller von Pricewaterhouse Coopers. Vielen fehlt der Nachfolger, anderen das Kapital für die Globalisierung.
Chinesen als Retter des deutschen Mittelstandes? René Nitsche winkt ab. Der Geschäftsführer von Schiess weiß aus Erfahrung, dass die Kooperation mit Chinesen sorgfältig geprüft sein sollte. „Es bringt nur etwas, wenn beide Seiten davon profitieren“, sagt er – und wenn die Erwartungen nicht zu groß sind.
Bei den Mitarbeitern von Schiess und Waldrich waren zunächst die Befürchtungen groß. Sie rechneten damit, dass die neuen Besitzer umgehend Arbeitsplätze abbauen. Doch beide Firmen hatten nichts zu verlieren. Sie waren in die Insolvenz gerutscht. Schiess beispielsweise fehlte das Geld für die Entwicklung neuer Generationen.
Heute sind die Ängste der Belegschaften weitgehend verflogen. Schiess brummt wieder: 2005 lag der Umsatz bei 12 Mill. Euro, in diesem Jahr werden es 27 Mill. Euro, mittelfristig peilt Schiess 50 Mill. Euro an. 110 neue Mitarbeiter sind dazugekommen. Bei Waldrich Coburg sind es 80.
Vor allem Schiess gilt als Vorzeigebeispiel – auch, weil die Partner zusammenpassen. Für erfolgsentscheidend hält Nitsche, dass Schiess und SMTCL komplementäre Produkte verkaufen und sich so auf dem Markt nicht in die Quere kommen. Die großen, komplexen Werkzeugmaschinen werden heute weiter in Aschersleben gebaut. Einzelne Komponenten kann Schiess aber preiswert aus China beziehen. SMTCL blieb ebenfalls beim Stammgeschäft – Serienmaschinen, die in Fernost gefertigt werden –, nutzt aber das Vertriebsnetz von Schiess in Europa.
Furcht vor Technologieklau und einer Standortschließung hat Nitsche nicht. „Wir müssen unsere Kreativität und unser Können in der Entwicklung und im Kundenkontakt stets verbessern und beweisen“, sagt er. „Dann weiß unser Partner, was er an uns hat, dann kommen solche Fragen gar nicht auf den Tisch.“ Was die Mitarbeiter überraschte: Aschersleben hat sich seit dem Einstieg der Chinesen zum Forschungszentrum der Gruppe entwickelt. Zwölf Ingenieure hat Schiess eingestellt, die nur für SMTCL und deren Produkte Entwicklungsarbeit leisten.
High Tech in Deutschland, einfache Low-cost-Maschinen in China – nach dieser Arbeitsteilung funktioniert auch die Zusammenarbeit des schwäbischen Maschinenbauers F. Zimmermann GmbH und der Dalian Machine Tool Group. Die Chinesen brachten 2004 das Kapital mit, das Zimmermann für die weltweite Expansion nicht hatte, und kauften einen Mehrheitsanteil. Seither gehe es in der Partnerschaft „weniger um höchstmögliche Rendite, sondern um gemeinsames Wachstum“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Rudolf Gänzle. Zimmermann arbeite nicht nur mit Dalian in China zusammen, sondern auch mit der US-Firma Ingersoll, die die Chinesen ebenfalls gekauft haben. „So profitieren wir in Amerika von der Globalisierung der Chinesen“, sagt Gänzle.
Zur glückseligen Zufriedenheit verlaufen aber auch diese beiden deutsch-chinesischen Partnerschaften nicht. Gänzle etwa hat sich von der Öffnung des chinesischen Marktes durch den Verkauf an Dalian mehr versprochen – beim gemeinsamen Vertrieb sei man von den Zielen noch weit entfernt.
Das Problem kennen viele, ein Grund ist, dass in chinesischen Firmen gut ausgebildete Fachkräfte und fähige Manager im Mittelbau fehlen. Daher warnt Schiess-Chef Nitsche vor überzogenen Erwartungen. Viele Partnerschaften krankten daran, dass die Firmen keine gemeinsame Strategie für die Globalisierung haben und die Sprachbarrieren zwischen den Mitarbeitern zu hoch sind.
Dennoch würden er und Gänzle sich sofort noch einmal für die Chinesen entscheiden: „Das Wichtigste für mich war, dass es sich um strategische Investoren handelt“, sagt Nitsche. „Den Chinesen geht es um Produkte, Märkte, Mitarbeiter. Und nicht darum, die Braut hübsch zum Verkauf zu machen.“
Wann lohnt die Beteiligung von Chinesen?
In welchen Fällen kann es sich für einen deutschen Mittelständler lohnen, ein chinesisches Unternehmen zu beteiligen oder an dieses sogar komplett zu verkaufen? Diesen Fragen gingen Ingrid Maaß vom Industrial Investment Council in Berlin und Matthias Müller von Pricewaterhouse Coopers in einer Untersuchung nach. Die Ergebnisse:
Vor- und Nachteile: Chinesische Firmen können Zugang zu Asiens Märkten bieten. Zugleich bringen sie Kapital für die Expansion mit, das Mittelständler von Banken nur schwer bekommen. Ein Problem sind mangelnde Managementfähigkeiten chinesischer Firmen.
Standorte: Wer den deutschen Standort erhalten will, sollte sich einen Käufer suchen, der komplementäre Produkte herstellt und den Marktzugang in Europa sucht. Will der chinesische Partner hingegen durch den Zukauf seine Position zu Hause stärken, sind Standortverhandlungen schwierig.
Phasen: Die Beteiligung einer chinesischen Firma kann sich für Mittelständler lohnen, die in einer Reifephase sind oder sich neu ausrichten: Die Chinesen bieten Kostensenkung durch Produktion in Fernost und die Erschließung neuer Märkte.
Nachfolge: Für diesen Fall eignen sich chinesische Firmen wenig. Denn wer einen Nachfolger als Unternehmer sucht, will einen hohen Verkaufspreis erzielen und sucht Managementkompetenz zur Weiterführung – beides bieten Chinesen meist nicht.
In der Krise: Auch in dieser Phase bringt die Beteiligung chinesischer Firmen wenig: Sie bringen zwar das nötige Kapital mit, besitzen aber wenig Kompetenz in der schnellen Sanierung von Firmen.
Gruss Ice
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Börsengewinne sind Schmerzengeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld...(A.K.)