HANDELSBLATT, Donnerstag, 25. Oktober 2007, 19:06 Uhr
Bank of England warnt vor Einbruch an den Börsen
Märkte fürchten neue Schockwelle
Die große Kreditkrise geht in die zweite Runde. In einem überraschend pessimistischen Bericht zur Stabilität der Kapitalmärkte warnt die britische Zentralbank vor der Gefahr einer weiteren Schockwelle. Das Institut sieht das Finanzsystem mit der größten Herausforderung seit mehreren Jahrzehnten“ konfrontiert.
mm/hgn/rob/pk/tor LONDON. Die Kreditkrise, deren Epizentrum am Markt für zweitklassige Immobilienfinanzierungen in den USA liegt, sei noch lange nicht ausgestanden, betonen die Notenbanker. Das internationale Finanzsystem sei nach den Schocks der vergangenen Monate deutlich anfälliger. Zu den bereits bekannten Risiken seien neue hinzugekommen. Zusätzliche Gefahr drohe vor allem von einem Einbruch an den Aktienbörsen, einem weiteren Absturz des Dollars und einer Krise des britischen Immobilienmarktes.
Nach den massiven Verwerfungen des Sommers an den internationalen Kapitalmärkten infolge der sogenannten Subprime-Krise hatten einige Banken bereits wieder Entwarnung gegeben und eine rasche Normalisierung der Finanzierungsbedingungen an den Kreditmärkten prognostiziert. Doch zuletzt häuften sich die Hiobsbotschaften.
Am Donnerstag kündigte die Bank of America (BoA) den Abbau von 3 000 Stellen an, die meisten davon im stark angeschlagenen Investment-Banking. Zudem wurde Eugene Taylor als Chef der Sparte in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Die BoA hatte im dritten Quartal aufgrund der Marktturbulenzen Handelsverluste von knapp 1,5 Mrd. Dollar eingefahren. Konzernchef Kenneth Lewis will das Investment-Banking jetzt auf den Prüfstand stellen. Bei Merrill Lynch steht Konzernchef Stanley O’Neal nach den Rekordabschreibungen von 7,9 Mrd. Dollar auf strukturierte Finanzprodukte im Kreuzfeuer der Kritik. Zwar hat der Verwaltungsrat dem 56-Jährigen vorerst das Vertrauen ausgesprochen. Beobachter rechnen jedoch mit Veränderungen im Topmanagement.
Michel Péretié, Europachef der US-Investmentbank Bear Stearns, beziffert den Schaden, der den Banken aus der Subprime-Krise droht, auf 100 bis 150 Mrd. Dollar. Die britischen Kreditinstitute müssten nach Schätzungen der Bank of England im schlimmsten Fall zusätzlich unerwünschte Kredite im Wert von 150 Mrd. Pfund in ihre Bücher nehmen, wenn sie für all ihre Liquiditäts- und Finanzierungszusagen geradestehen müssten und die Darlehen nicht an andere Investoren weiterverkaufen könnten.
Für zumindest etwas Beruhigung sorgte die Ratingagentur Moody’s, die in einem „Stresstest“ die Eigenkapitalquote der Banken geprüft hatte und zu dem Ergebnis kam, dass die große Mehrheit der Institute gut auf die zusätzlichen Belastungen vorbereitet ist.
Auch die zuvor boomende Private-Equity-Branche gerät zusehends tiefer in den Sog der Krise. Die Beteiligungsgesellschaften kauften im dritten Quartal in Europa nur noch Firmen im Wert von 42 Mrd. Euro, das ist ein Drittel weniger als noch im Vorquartal. Vor allem die großen Milliardendeals trockneten aus, weil die Banken nicht mehr bereit sind, sie zu finanzieren.
Die wieder aufkeimenden Ängste vor der Kreditkrise zwangen die US-Zentralbank in dieser Woche erneut, massiv Liquidität in den Geldmarkt zu pumpen. Seit Montag hat die Fed den Geldinstituten insgesamt 25,5 Mrd. Dollar zusätzlich zur Verfügung gestellt. Die Notenbank will auf diesem Weg sicherstellen, dass der Markt, an dem sich Banken kurzfristig Geld leihen, nicht austrocknet.
Im September hatte die Fed zum ersten Mal seit vier Jahren den Leitzins gesenkt, um zu verhindern, dass sich die Turbulenzen auf dem Hypothekenmarkt zu einer Liquiditätskrise ausweiten und auf die Realwirtschaft durchschlagen. Analysten und Banker rechnen mittlerweile mit weiteren Zinssenkungen.
Krise und kein Ende
Massive Verluste: Die große Kreditkrise am internationalen Kapitalmarkt zwingt die Banken zu milliardenschweren Abschreibungen. Finanzexperten schätzen den Gesamtschaden allein am US-Markt auf 100 bis 150 Mrd. Dollar.
Entlassungen: Nach Jahren des Booms müssen sich immer mehr erfolgsverwöhnte Banker sorgen um ihren Job machen. In der City von London rechnen Experten für das kommende Jahr mit 6 000 Arbeitsplätzen weniger. Noch drastischer könnte der Abbau in den USA ausfallen. Allein die Bank of America will 3 000 Stellen streichen.
Gruss Ice
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Börsengewinne sind Schmerzengeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld...(A.K.)