Hier noch ein kleiner Aufsatz von unserem bekannten Dauer- Optimisten J. Steffens , die sich nur auf dem ersten Blick positiv liest:
Buy The Bad News
von Jochen Steffens
Ich hatte gedacht, heute Morgen wird der Dax sein Gap zumachen. Er drang zwar in die Kurslücke ein, konnte diese aber nicht schließen. Ganz interessante Entwicklungen schoben den Dax wieder deutlich ins Plus.
Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate teilte heute mit, er könne nicht mehr ausschließen, dass die bisher genannten Jahresziele nicht ganz erreicht werden. Begründet wurde diese etwas pessimistischere Sicht mit den anhaltend negativen Entwicklungen an den Kreditmärkten.
Klar, normalerweise ist das in so einem Umfeld eine Nachricht mit Kursverlustgarantie. Nur, die Aktie erholte sich extrem schnell und notiert im Moment mit über 14 % (!) im Plus.
Gestern senkte die Deutsche Bank ihre Gewinnprognosen und es kam auch nur zu einem leichten Abschlag von 2 %. Heute, einen Tag später, notiert sie wieder 2 % im Plus.
Wer kauft denn da?
Sind da nur verrückte ahnungslose Kleinanleger am Werk? Nein, sicher nicht, wenn solche Nachrichten gekauft werden, handeln die großen Jungs. Die Kleinen sind es, die solche Nachrichten tendenziell eher verkaufen.
Wenn schlechte Nachrichten gekauft werden
Ich hatte vor ein paar Wochen geschrieben, dass eine solche Krise vorbei ist, wenn schlechte Nachrichten gekauft werden. Hier sehen wir die ersten (!) Ansätze, die in diese Richtung gehen. Auch das spricht für einen Boden, oder um es treffender auszudrücken: Es spricht dafür, dass große Adressen nun GLAUBEN, der Boden sei erreicht.
Dazu passt ebenfalls, dass diese Käufe nach dem Verfallstag auftauchen. Sie wissen, ich hatte geschrieben, dass die Woche nach dem Verfallstag sehr wichtig wird. Und wir sehen tatsächlich Käufe, sogar bei schlechten Nachrichten. Auch das muss positiv bewertet werden.
Nicht die Nachricht, sondern das, was anschließend passiert, ist wichtig.
Man sollte, wenn man nicht über sehr viel Erfahrung verfügt, nicht auf die Nachrichten selbst achten, sondern darauf, was der Markt mit diesen Nachrichten macht. Das führt oft zu wesentlich besseren Ergebnissen.
Selbst in den USA werden mittlerweile amerikanische Kreditinstitute und Banken gekauft. Also in dem Land, in dem die Kreditmarktkrise die schlimmsten Auswirkungen hat. Da hier auf vergleichsweise breiter Front gekauft wird, rechnen viele damit, dass das Schlimmste der Kreditmarktkrise hinter uns liegt.
Ohne Gapschluss = Einbruch im Mai / Juni?
Ich finde es im höchsten Maße interessant, dass das Gap im Dax nicht geschlossen wurde. Für mich ist das eine Bestätigung für meine zugegebenermaßen sehr frühe These, dass wir im Mai / Juni noch einmal einen scharfen Einbruch erleben werden, der allerdings zu keinen neuen Tiefs mehr führen wird.
Doch bevor man sich mit diesem Szenario beschäftigt, sollte sich der Dax erst einmal zur 7.000 Punkte Marke aufmachen.
Aber mit jedem Tag, den der Dax weiter steigt, gilt umso mehr, dass, wenn wir jetzt noch einmal unter die letzten Tiefs, also im Dax unter die 6.200-Punkte-Marke rutschen, etwas nachhaltig nicht stimmt.
Bärenkappenalarm
Und das ist der Grund, warum ich in diesem Fall (also wenn der Dax nun Richtung 7000 läuft und dann doch wieder unter die 6200 Punkte Marke fällt) sogar meine völlig verstaubte und von Motten zerfressene Bärenkappe aus dem Schrank hervorholen würde, um sie herrichten zu lassen. Natürlich nur, wenn es zu einem „nachhaltigen“ Bruch der letzten Tiefs kommt und sich dann Abwärtsdynamik ausbildet (mit einem kleinen „Schocker“ nach unten muss man an den Börsen leider immer rechnen).
Wenn die Bullen diese vielen positiven Aspekte nicht nutzen, muss noch etwas im Markt sein, dass sich sehr belastend auswirkt, etwas von dem wir nicht wissen, was es ist. Wenn es zu einem neuen Tief kommt, gebe ich dem Dax im Mai / Juni und dann noch einmal Ende September eine Chance, sich zu erholen. Aber insgesamt würde ich dann deutlich bearisher werden.
Etwas stört mich
Es gibt natürlich, wie so oft, auch ein Haar in der Suppe: Die Stimmung sowohl in den USA als auch in Deutschland ist massiv gekippt. Wenn in der letzten Woche noch Weltuntergangsstimmung herrschte und viele bereits kurz davor standen, frei nach Martin Luther die ersten Apfelbäumchen zu pflanzen, sind die Bullen jetzt wieder erstaunlich deutlich in der Überzahl - das ist nicht gut!
Das zeigt zum einen, wie verunsichert alle sind, aber auch die hohe Bereitschaft der Anleger, sehr schnell die Meinung zu wechseln, was, entschuldigen Sie, wenn ich das so deutlich sage, nicht wirklich für die Qualität der Marktteilnehmer spricht. Und immer wenn viele unerfahrene Markteilnehmer den Markt und die Stimmung beherrschen, muss man sehr aufpassen!
Für mich ist das nicht nur eine Warnung, ob der Boden auch tatsächlich hält, sondern auch ein weiterer Beweis dafür, dass eine Rallye, die bis zum Jahresende oder sogar bis in 2009 hinein laufen würde, wahrscheinlich für längere Zeit der letzte große Anstieg sein wird. Ich werde nicht müde zu betonen, dass die Luft nach oben einfach dünner geworden ist.
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens