Trost für alle, die heute abend weinen werden:


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DarkKnight:

Trost für alle, die heute abend weinen werden:

 
10.11.01 14:49
Der Fußballsport verdankt seine Existenz dem arbeitenden Volk.Bei den Besitzlosen und Entrechteten entstand er aus einem elementaren Grund. Er
ist billig, fast gratis. Viele Menschen können sich überall nur mit einem Ball vergnügen,und der kann sogar aus Papier und Lumpen bestehen.
Ja, die Armen haben dieses Spiel erfunden, sie gaben ihm
jene Wesensart, die wir jetzt zu verteidigen trachten, denn
in einer Gesellschaft, die den Nutzen zum höchsten Wert erhoben und eine Eigenschaft wie Würde diskret auf den zweiten Platz verbannt hat, droht der Fußball zu entarten. Die herrschenden Klassen haben das Leben entmensch-
licht, indem sie die Werteskala umgekehrt haben. Sie haben den Menschen zum Produktionsfaktor - in Maßen auch zum Konsumenten - ohne Sinn degradiert.
Des Wortes, der freien Rede beraubt, fand das einfache Volk in jenem kostenlosen Vergnügen eine Ausdrucksweise, einen Lebensinhalt. Die »Schlechtergestellten-, wie man sie schönfärberisch nennt, um die ihnen zugemutete Ausbeutung zu vertuschen, entdeckten sich ihren Fußball neu. In der Freude des Spiels fühlten sie sich frei, ihre schöpferischen Gaben zu entwickeln. Sie wurden ihres eigenen Talentes gewahr, konnten ihre lntelli- genz unter Beweis stellen und fanden so eine Identität. Durch Fußball wurden sie »jemand-. Spielend verkörperten sie auch eine Art des Fühlens, eine besondere Emotionalitit, die sie mit ihren Verwandten und Freunden derselben Klassenzugehörigkeit teilten.

Identität - das bedeutet die Möglichkeit von Stolz, von Würde. Für die Herrschenden ist der Arbeiter eine Nummer, ein Ding, das andere Dinge produziert, deren Bestimmung und Nutzen ihm fremd sind. Arbeiter denken nicht, das Denken erledigen die Mächtigen für sie. Arbeiter sind nicht schöpferisch, sie haben nicht teil am offiziellen Kulturbetrieb, sie sind Randfiguren, Ausgestoßene, die irgendwann ihren Status von »Untermenschen- als eine naturgegebene Tatsache hinnehmen, als eine Fügung des Schicksals. Sobald sie diese Rolle von Menschen minderer Qualität, die ihnen die herrschenden Klassen zuweisen, verinnerlicht haben, leben Arbeiter so, als hätten sie kein Anrecht mehr auf Stolz und Würde.
Fußball war ein gangbarer Weg, um sich selbst als Mensch zu bestätigen, allerdings ein Weg mit vielen Fallstricken, die von den herrschenden Schichten ausgelegt wurden. Beim Fußball konnte ein Arbeiter seine eigene Sprache sprechen, schlau und listig konnte er eine Absicht vortäuschen und eine andere durchsetzen - und all dies mit Freude, Ungezwungenheit,   Talent zur Schönheit und der Feinfühligkeit, um diese Schönheit zu genießen. Endlich konnte er sich für etwas Eigenes begeistern, für ein Fest, das immer kollektiven Charakter hatte, ohne die Zwänge der offiziell propagierten Kultur, ohne das Gift der Macht. Die Arbeiterklasse gab sich ihr eigenes Fest - und Fußball war natürlich nicht das einzige. Mit der ihr eigenen Großzügigkeit hielt sie allen anderen die Türen auf und lud sie zur Teilnahme ein.
Der Fußballsport gehört dem einfachen Volk, denn aus ihm ist er hervorgegangen. Er beinhaltet alle Werte der Arbeiterklasse, und diese Werte sind grundsätzlich anders als die in den sonstigen Gesellschaftsschichten vorherrschenden. Es sind Werte, die dem Menschen einen Ausweg bieten, die ihn anspornen, in Würde, Gerechtigkeit und Freude zu leben.
Seit nun der Fußball zu einem weiteren Konsumgut und - mit dem Heraufkommen des Industriezeitalters - zu einem kapitalistischen Produkt herabgewürdigt wurde, das man kaufen und verkaufen kann, werden jene ursprünglichen Werte gewaltsam verändert.
Dennoch weckt Fußball noch immer tiefverwurzeite Empfindungen, und wer sich diesem Spiel hingibt, tut dies mit derselben Phantasie und Begeisterung, die schon immer die Hauptakteure dieses festlichen Sportes auszeichnete. Dieser Einfallsreichtum und diese Begeisterungsfähigkeit werden am Ende die Eckpfeiler des Triumphes bilden.
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Die Massenmedien reduzieren uns tagtäglich auf eine Lebensweise und auf eine Organisationsforrn unserer gesellschaftlichen Beziehungen, die
wir hinnehmen, ohne uns dessen gänzlich bewußt zu sein.
Der Fußball der "Rechten", wie ich nun nennen möchte,reproduziert und untermauert die in dieser Gesellschaft gültigen Wertvorstellungen. Es
ist die Art von Fußball, bei der nur der Gewinn zählt, und Gewinn heiligt alle Mittel. Gemeint sind nicht nur eine ultradefensive Taktik, Ausdruck von Raffgier und Spekulation, sondern auch die ständigen Verletzungen des
Reglements und der Einsatz aller  erdenklichen faulen Tricks. Solcher Fußball verleugnet seine eigenen Ursprünge, er verachtet die Begabung und fördert die Gewalttätigkeit. Er ist krank und macht krank, weil er wie alle
Konsumartikel dem Wesen nach hinfällig und vergänglich ist. Was gewinnt, ist gut, weil es sich gut verkauft. Diese Art von Fußball verhunzt ihre ei-
gene Identität, indem der dem Fußball seit seinen Anfängen eigentümliche Charakter eines Volksfestes verleugnet wird. Beim Fußball der Rechten
ist ständig von Arbeit und Opfern die Rede. Dabei wird geflissentlich übersehen, daß ein Begriff wie Arbeit nicht aus seinem historischen Kontext gelöst werden kann. Heutzutage bedeutet er nicht dasselbe wie beispielsweise vor fünfzig Jahren oder im Mittelalter. Und was die "Opfer" anbelangt - nun, dieses Wort führen die Kapitalisten dauernd gegenüber den Arbeitern im Munde, während sie selbst die Früchte der aufopfernden Arbeit an sich raffen.
Der Fußball der "Linken" hingegen ist im Sinne einer Lebensäußerung eine Sache des Talents, bei der die Intelligenz an oberster Stelle steht und der Sieg soviel taugt wie die Mittel, mit denen man ihn erringt. Er respektiert die Gefühle der Menschen, weil er zwar auch den Triumph kennt, jedoch keinesfalls auf Kosten des spektakulären Ereignisses, das jedes Fußballspiel zu sein verspricht.

Fußball, das sind, von den Gefühlen abgesehen, alle auf dem Weg der Evolution erlangten natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Niemals darf er der feigen Tücke der Spekulanten erliegen und wegen eines Punktes der Mittelmäßigkeit verfallen.

Der Fußball der Zukunft wird sich wieder auf die Lehren der großen Meister besinnen: Di Stefano, Pedernera, Suarez, Overath, Pele ... sie haben uns beigebracht was Begeisterung heißt. Und sie werden überdauern und in neuen Spielern weiterwirken. An ihnen kommt niemand vorbei: No pasaran.

(mit Anleihen von und eine Hommage für C. L. Menotti)

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Ramses II:

ich liebe absätze!!! o.T.

 
10.11.01 14:50
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