Duisenberg tritt Zinsspekulationen erneut entgegen
(neu: Lead, Äußerungen zu Zinspolitik, Deflation)
Brüssel, 12. Jun (Reuters) - Nur eine Woche nach der
kräftigen Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist
EZB-Präsident Wim Duisenberg Spekulationen über einen baldigen
Zinsschritt erneut entgegengetreten. Mit dem Ausblick auf eine
nur langsame Konjunkturerholung und stabile Preisen ließ er aber
die Möglichkeit weiterer geldpolitischer Lockerungen offen.
Duisenberg betonte am Donnerstag abermals, es sei zu früh,
über zusätzliche Zinsschritte zu diskutieren. Er warnte im
Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments
vor übertriebenen Erwartungen an die Geldpolitik und mahnte
verstärkte Anstrengungen zu Strukturreformen an. Der EZB-Chef
wies Befürchtungen zurück, Deutschland oder der Euro-Zone drohe
eine Deflation.
Die EZB hatte den Leitzins um 50 Basispunkte auf 2,00
Prozent, das niedrigste Niveau der Nachkriegszeit in allen
Euroländern, reduziert. Viele Finanzexperten halten jedoch
weitere Zinsschritte der EZB für unausweichlich. Nach dem
Zinsentscheid vergangene Woche hatte Duisenberg auch auf die
Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung hingewiesen. Er
wiederholte nun seinen Hinweis auf weiteren Handlungsspielraum
ebenso wie seine zuletzt zurückhaltendere Aussage: "Es ist zu
früh, jetzt mit der Diskussion und Spekulation über künftige
Zinsen zu beginnen."
Analysten sagten, mit diesen Bemerkungen wolle Duisenberg
nicht das Ende des Zinssenkungszyklusses signalisieren, sondern
nur Übertreibungen an den Finanzmärkten verhindern. "Ich glaube,
sie haben noch Spielraum für 25 Basispunkte, wenn sich die
Konjunkturdaten weiter verschlechtern", sagte Volkswirt Michael
Schubert von der Commerzbank. "Aber wenn es jetzt wider Erwarten
mit der Wirtschaft markanter aufwärts geht, war es der letzte
Schritt." Nach einer Reuters-Umfrage erwarten Anleihestrategen
eine weitere Zinssenkung der EZB um einen viertel Prozentpunkt.
NIEDRIGE INFLATION BEI LANGSAMER ERHOLUNG ERWARTET
Duisenberg sprach erneut von einer "sehr schwachen"
Konjunktur im bisherigen Jahresverlauf. Noch 2003 werde
allerdings eine allmähliche Erholung einsetzen, die sich 2004
verstärken werde. Der stärkere Euro werde einerseits zwar die
Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure schmälern, doch dies werde
durch eine stärkere Kaufkraft dank verbilligter Importe und
Ölpreise ausgeglichen. In ihren aktuellen Projektionen senkte
die EZB die Vorhersage für das Wachstum in diesem Jahr auf nur
noch 0,7 Prozent im Mittel, nachdem sie bereits zur Zinssenkung
im März die Prognose um einen halben Prozentpunkt auf rund ein
Prozent heruntergeschraubt hatte. Für 2004 lautet die Vorhersage
jetzt 1,1 bis 2,1 Prozent Wachstum.
Duisenberg betonte vor den Parlamentariern, die Geldpolitik
allein könne die wachstumsdämpfenden strukturellen Probleme in
der Euro-Zone nicht lösen. Dazu seien Strukturreformen und eine
Konsolidierung der öffentlichen Finanzen erforderlich.
Der EZB-Präsident stellte zudem erneut in Aussicht, dass die
Inflationsrate 2004 wegen der Euro-Aufwertung und der schwachen
Konjunktur deutlich unter zwei Prozent sinken werde. In ihren
halbjährlichen Projektionen sagt die EZB für die Inflation eine
Spanne von 0,7 bis 1,9 Prozent voraus. Damit läge die
Preissteigerung 2004 im Mittel mit 1,3 Prozent auch deutlich
unter der Zwei-Prozent-Grenze. Die EZB hatte kürzlich ihre
Definition von Preisstabilität konkretisiert und erklärt, die
angestrebte Teuerungsrate müsse nicht nur unter, sondern auch
nahe zwei Prozent liegen.
"EZB KÄMPFT GEGEN DEFLATION EBENSO WIE GEGEN INFLATION"
Der EZB-Chef unterstrich, die Währungshüter wollten mit der
Klarstellung ihrer Stabilitätsnorm die Bereitschaft betonen, bei
der Inflation einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu
negativen Raten zu wahren, um eine Deflation zu verhindern.
Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf eine gefürchtete
Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfender
Wirtschaftsleistung in der Euro-Zone. Dies gelte sowohl für den
Währungsraum insgesamt als auch für die einzelnen Regionen. "Wir
haben keine Angst, dass das Gespenst der Deflation wiederkehrt."
Volkswirte warnen vor allem vor einer Deflation in Deutschland,
das schon länger die niedrigste Teuerungsrate aller Länder
aufweist. Sollte der Euro-Zone eine Deflation drohen, sei die
EZB bereit, mittels ihrer Zinspolitik oder mit Operationen auf
den Geld- und Kapitalmärkten gegenzusteuern, versicherte
Duisenberg. "Aber wir sind zuversichtlich, dass wir das nicht
müssen, weil wir das nicht sehen."
mer/iws
Bye, Twinson_99
www.Your-Investor.de.tt