Wenn TC es geschickt anstellt, wird man sich beim Erneuerungsprozess nicht nur auf die Kostenseite beschränken, sondern auch die Produktseite mit Blick auf die kommenden Herausforderungen überarbeiten.
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Di 02.10.12
Holzschuh: Die Branche schläft
„Die Branche spart sich zu Tode“: Gunther Holzschuh nimmt bei seiner Kritik kein Blatt vor den Mund
Trotz verbesserter Buchungstechnik sowie neuer Konzepte im Hotelbereich und bei der Ansprache spezieller Zielgruppen sind die großen deutschen Reiseveranstalter nicht auf der Höhe der Zeit. Davon ist der Branchenexperte und Chef der Agentur The Travel Consulting Group Gunther Holzschuh nach einer Bestandsaufnahme zur Entwicklung der Touristik, Kreuz- und Luftfahrt sowie der Hotellerie überzeugt.
Die Branche boome zwar „nach wie vor“, habe bislang aber den demografischen Wandel ignoriert und manövriere sich sehenden Auges ins Abseits. Dabei lägen die Fakten um die „nahezu dramatische Alterung unserer Gesellschaft“ seit Jahren auf dem Tisch.
Die Veranstalter hätten ganz offensichtlich „keine passende Antwort darauf“, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2050 auf rund 74 Millionen Menschen sinken und die Zahl der über 80-Jährigen von knapp vier Millionen im Jahr 2005 auf zehn Millionen im Jahr 2050 steigen wird. Ebenso fehle es an schlüssigen Ansätzen, um den vorhersehbaren Schwund im Massensegment des Familienurlaubes wirksam zu kompensieren.
„Den Dinosauriern der Branche gelingt es nur in Ausnahmefällen, sich rechtzeitig mit der gegebenen Konsequenz auf die neuen Anforderungen des Marktes einzustellen und den notwendigen Wandel in der Produktgestaltung und im Vertrieb zu vollziehen“, meint der Branchenexperte, der früher unter anderem in leitenden Positionen für DHL, Mondia Touristik/Via1, Galileo sowie Otto Freizeit und Touristik (OFT) tätig war. Damit ignoriere man auch die Chancen, die sich durch den demographischen Wandel ergeben.
Der Grund dafür liegt für Holzschuh auf der Hand: Die Großveranstalter seien nicht nur „träge und langsam“, sondern auch dem „Irrglauben verfallen, mit Größe und Volumen und der damit verbundenen Macht einen Markt beherrschen“ zu können. Zudem seien Angebote und Produkte auf eine Zielgruppe zugeschnitten, „die in dieser Form vor dem Aussterben steht und schon in absehbarer Zeit an Relevanz verlieren“ werde.
Hinzu komme die schlechte Entlohnung in der Reiseindustrie. Diese werde zwangsläufig dazu führen, dass die Branche „den Kampf um qualifizierte Mitarbeiter mittel- und langfristig nicht gewinnen wird.“ Auch diese Entwicklung habe sich die Industrie letztendlich selbst zuzuschreiben. „Die Touristik spart sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode und kennt nur den Wettbewerb über den Preis. Produktinnovationen zielen dagegen im Zweifelsfall nur auf Luxus und Teuer.“
Neben den Veranstaltern bekommen auch andere Leistungsträger ihr Fett weg. So seien manche Flughäfen der Meinung, „mit der Anschaffung von 30 Rollstühlen für den demografischen Wandel gerüstet zu sein“, wundert sich Holzschuh.
Für den Vertrieb und die sie beliefernde IT-Industrie sieht der Branchenexperte dagegen „größte Potenziale“ – wenn die Herausforderungen „erkannt und angenommen werden“.