Der Handelstag am Montag glich in Bezug auf Thiel Logistik einem Krimi. Nachdem die Aktie bei 10,20 Euro eröffnete (Xetra), fiel sie in den darauf folgenden Handelsstunden zwischenzeitlich um 32 Prozent auf 6,93 Euro, erholte sich Intraday jedoch wieder auf das Tageshoch bei 11,37 Euro und schloss schließlich bei 11 Euro. Doch was war geschehen? Zunächst wurde noch am vorigen Freitag, wie von uns vorab gewarnt, die K.O.-Barriere eines BNP Bull Zertifikats (WKN: 583 659) bei 12 Euro nach unten durchbrochen, so dass BNP Paribas rund 100.000 Aktien verkauft haben dürfte. Am Montag Morgen schließlich sorgte zudem ein Artikel in der Euro am Sonntag für eine negative Grundstimmung, indem einmal mehr vor möglichen Sonderabschreibungen diverser Unternehmen gewarnt wurde, mit dabei - Thiel Logistik. Wirklich entscheidend dürften allerdings unlimitierte Verkaufsorders institutioneller Anleger aus dem anglo-amerikanischen Raum gewesen sein, die nun schon seit über drei Wochen ihre Thiel-Aktienbestände abbauen, wie Günther Thiel gestern in einem Fernsehinterview auf n-tv bestätigte. Ob diese Fonds nun ausschließlich bei Thiel Logistik aussteigen oder sich komplett vom Neuen Markt verabschieden, wie es einige ausländische Fonds in den vergangenen Wochen taten, blieb dabei offen. Wie wir aus marktnahen Kreisen erfahren haben, nutzte eine deutsche Großbank den gestrigen Ausverkauf zum Aufbau von Positionen.
Thiel reagiert
Die Antwort Thiels und der Versuch die Nervosität aus dem Markt zu nehmen kam prompt gestern Nachmittag: Das Unternehmen plant bis zu 10 Prozent ihrer Aktien in den nächsten Wochen aufzukaufen. Das Management reagiere damit auf die »momentane Unterbewertung des Unternehmens«, so die Ad-hoc-Veröffentli- chung. Dabei werde nochmals das eigene Vertrauen in die Wachstumsaussichten und die Profitabilität des Unternehmens bestätigt. Die Firmenleitung sehe keine Veranlassung die Finanzplanung für 2002 zur revidieren. Im Gegenteil. Die operativen Kennzahlen ließen auf ein sehr gutes erstes Quartal 2002 schließen. Auch dies bestätigte Günther Thiel nochmals im gestrigen Fernsehinterview. Ebenfalls Gerüchte, Thiel Logistik habe 2001 sowohl Bilanzierungsprobleme gehabt als auch bestehe Wertberichtigungsbedarf für die in 2001 übernommenen Unternehmen, wurden zurückgewiesen. »Es gibt keine Abschreibungen auf Debitoren und es gibt auch keine Abschreibungen auf Goodwill. Alles ist korrekt.«, so Günther Thiel. Dieses Zitat dürfte vor allem auf die im Januar 2002 vollzogene und umstrittene Übernahme der Birkart Globistics bezogen gewesen sein. Hier verlaufe alles nach Plan und auch hier ergebe sich kein Wertberichtigungsbedarf, so in der Pflichtmitteilung des Unternehmens. Das Unternehmen verfüge zudem über ausreichend liquide Mittel und stehe zurzeit in Verhandlungen und Ausschreibungen über neue Projekte. Könnte mit diesen neuen Projekten etwa der erhoffte Bundeswehr-Großauftrag gemeint sein zur Abwicklung derer Bekleidungslogistik? Denn noch ist unklar, zu welchem Zweck ansonsten die Kapitalerhöhung vollzogen wurde, wenn nicht für nötige Investitionen in ebensolche Großaufträge. Hierin liegt auch ein weiteres Problem für die momentane markttechnische Nervosität, denn noch lässt das Unternehmen diesbezüglich seine Anleger im Dunkeln. Immerhin wurden mindestens 101,8 Millionen Euro durch die Kapitalmaßnahme eingenommen und das, obwohl Thiel keinesfalls in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Merkwürdig erschien uns in diesem Zusammenhang das geplante Aktienrückkaufprogramm, das ausgehend von einem durchschnittlichen Kurs von 10 Euro und einer Gesamtaktienanzahl inklusive der vollzogenen Kapitalerhöhung von 71,8 Millionen Aktien immerhin 71,8 Millionen Euro verschlingen würde. Demnach blieben gerade noch 30 Millionen Euro für »die Finanzierung der Umsetzung von weiteren Großaufträgen im Outsourcingbereich sowie dem globalen Roll-out des erfolgreichen HealthCare Logistics + Services Businessmodells«, wie Thiel Logistik die Kapitalerhöhung rechtfertigte. Aus diesem Grund können wir uns nicht vorstellen, dass tatsäch-lich ganze 10 Prozent der eigenen Aktien zurückgekauft werden, sondern es sich dabei um eine vertrauensbildende Aussage gehandelt haben muss. CEO Günther Thiel bestätigte uns indes in einem Interview, dass keine Aktien über dem Emissionspreis von 9 Euro zurückgekauft werden. Er sieht den Rückkauf vielmehr als Option und habe daher bislang noch nicht agiert. Außerdem verriet er uns, dass Thiel Logistik aktuell an fünf vielversprechenden Ausschreibungen beteiligt ist, von der jede einzelne ein jährliches Mindestvolumen von 100 Millionen Euro verspricht. Ob darunter auch der heiß diskutierte Bundeswehr-Großauftrag ist, ließ er allerdings offen.
Fazit
Wenn Thiel Logistik am 16. Mai die Zahlen für das erste Quartal veröffentlicht, wird hoffentlich wieder Ruhe um die Aktie einkehren. Wenn die Unternehmensleitung allerdings die Nervosität aus dem Markt nehmen will, muss sie schon bald klare Auskünfte über den genauen Verwendungszweck der Kapitalerhöhung geben. Kommt es am 16. Mai zu keinen bösen Überraschungen - wovon wir ausgehen - ist der Titel fundamental unterbewertet. Mit einem 2003er-KGV von 8 und einem KUV von 0,4 ist die Aktie selbst im Vergleich mit DAX-Titeln äußerst moderat bewertet. Hören Sie zum Thema unser Interview mit Vorstandschef Günther Thiel.