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TÜBINGEN
TAGBLATT-Chef: So war's gewesen
VERLEUMDERISCH UND GERADEZU ABWEGIG
Herta Däubler-Gmelin und das gesprochene Wort
Unser Bericht am Donnerstag über die Äußerungen von Herta Däubler-Gmelin vor rund 30 Metallgewerkschaftern in der Derendinger Sportgaststätte (“Bush will ablenken - Däubler-Gmelin: Beliebte Methode seit Hitler”) hat verständlicherweise größte innen- und außenpolitische Kreise gezogen. Wir hatten ihn noch am Abend auch ins Internet gestellt, wo ihn andere Zeitungen und Agenturen bald entdeckten. Am nächsten Morgen hatte “Spiegel-Online” unsere Geschichte übernommen. Und dann gab’s kein Halten mehr.
Das Ministerium der Bundesjustizministerin hat daraufhin die Dementiermaschine angeworfen und unsere Berichterstattung, zu der wir Wort für Wort stehen, als “absurd und an den Haaren herbeigezogen” bezeichnet. Die Ministerin setzte im Laufe des für sie turbulenten Tages noch eins drauf, indem sie das TAGBLATT, das nicht gerade im Ruf steht, eine CDU-Zeitung zu sein, des “üblen Wahlkampfmanövers” bezichtigt. “Verleumderisch und geradezu abwegig” sei, sagt sie zu dpa, was Michael Hahn protokolliert hat. Damit stellt sie Ehre und Berufsverständnis der TAGBLATT-Redaktion unter Falschaussage-Anklage.
Dabei steht nicht einmal Aussage gegen Aussage. Die Lage ist eindeutig. Keiner der anwesenden 30 Zuhörer in Derendingen, auch die Ministerin selbst nicht, hat bis jetzt dem Teil des Berichts
widersprochen, dass aus ihrem Munde die Sätze vom “lausigen” amerikanischen Rechtssystem und einem eigentlich im Gefängnis sitzen müssenden US-Präsidenten Bush gefallen sind. Und wie es
um die Sätze bestellt ist, die jetzt zu Rücktrittsforderungen führten, das sei hier in der chronologischen Abfolge geschildert.
Michael Hahn hat ihre Sätze in der Diskussionsveranstaltung getreulich mitgeschrieben. Als im Zusammenhang mit Bush das Wort Hitler fiel, regte sich Unruhe unter den Zuhörern. Die Redaktionskonferenz, der Hahn noch ganz unter Schock davon berichtete, verstand die Welt nicht mehr. Zwar wissen alle in Tübingen, dass die durchaus liebe- oder zumindest respektvoll “Schwertgosch” genannte Ministerin, wenn sie sich gereizt fühlt (ansonsten kann sie umso reizender sein, wodurch der Schreiber dieser Zeilen im Lauf der Jahre geradezu zu einem Herta-Fan geworden ist), ohne Rücksicht auf Verluste vom Leder zieht und aus ihrem tapferen Herzen keine Mördergrube macht.
Wir wollten, wie gesagt, das Berichtete nicht wahrhaben und beschlossen, Michael Hahn solle sich sicherhaltshalber bei einigen Teilnehmern der Diskussion, von denen die meisten der SPD-Politikerin nahe stehen, telefonisch rückversichern, dass auch sie gehört haben, was er gehört hat. Das Ergebnis war peinliche Verlegenheit bei den Befragten, sie hätten ihre Herta nicht unbedingt so verstanden, als wolle sie Bush und Hitler direkt vergleichen, aber die Sache mit dem Adolf sei unüberhörbar so gewesen. Doch man solle die Affäre, bitte sehr,wenn irgend möglich nicht so hoch hängen, das sei nur willkommenes Futter für den politischen Gegner.
Zwei der Betriebsräte kamen kurz darauf in die Redaktion, um noch einmal mit uns zu sprechen: Sie wollten das Schlimmste abwenden, bestätigten aber die hochbrisante Wortwahl ihres Diskussionsgastes, auch am Donnerstag noch einmal im Fernsehen.
Die beiden aus eigenem Antrieb in die TAGBLATT-Redaktion gekommenen Gewerkschafter gingen anschließend ins Tübinger SPD-Büro, um dort ihre Gewissensbisse loszuwerden. Die Folge: Herta Däubler-Gmelin rief Michael Hahn an und drohte postwendendes Dementi an, falls er schreiben werde, sie habe Bush mit Hitler verglichen. Unser Redakteur - ich saß daneben - fragte, wie sie denn meine, dass sie es gesagt habe und er werde dann dies als von ihr quasi letztgültig autorisierte Fassung ins Blatt bringen. Und so wollte sie sich an das Gesprochene erinnern - wörtlich so hat es Hahn aufgeschrieben und ihr nochmals langsam vorgelesen: “Bush will von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das ist eine beliebte Methode. Das hat auch Hitler schon gemacht.” Kurz darauf rief die Ministerin mich als den Chef des TAGBLATTS an und bat um ein Treffen. Ich stimmte zu.
Im Beisein zweier weiterer leitender TAGBLATT-Redakteure machten wir ihr klar, dass wir es als unsere Journalistenpflicht verstehen, über den Vorfall zu berichten, auch wenn sie uns jetzt sagte, sie habe nicht gewusst, dass die Gewerkschaft einen TAGBLATT-Vertreter zu der von der Ministerin als intern betrachteten Diskussion eingeladen hat. Im Übrigen werde sie uns gegenüber jetzt zu gar nichts mehr etwas sagen, auch nicht zu dem zuvor wortwörtlich von ihr so formulierten Methoden-und-nicht-Personen-Vergleich. Sie merkte wohl, wie sehr es uns contre coeur ging, Dinge von ihr berichten zu müssen, von denen wir wussten, dass sie sie bei aller verstehbaren, von uns geteilten Kritik an den USA lieber nicht geäußert hätte.
In diesem Moment sagte sie, sie bedaure ihre Äußerungen und sie wäre froh, wenn sie nichts von Hitler gesagt hätte. Was soll ein Journalist in so einem Fall tun? Darf, soll, kann er eine Politikerin vor sich selbst schützen? Kann öffentlich Gesprochenes ungesprochen gemacht werden? Und darf politische Nähe oder Sympathie dabei entscheiden?
Am Donnerstag dann die große Rundum-Dementierung, immer auf Kosten der Glaubwürdigkeit des TAGBLATTS und seines Redakteurs Michael Hahn. Ganz nebenbei: Ich habe bereits vor einer Woche briefwählend meine Erststimme Herta Däubler-Gmelin gegeben. Ich würde auch gerne jetzt noch dazu stehen ...
Christoph Müller







TÜBINGEN
TAGBLATT-Chef: So war's gewesen
VERLEUMDERISCH UND GERADEZU ABWEGIG
Herta Däubler-Gmelin und das gesprochene Wort
Unser Bericht am Donnerstag über die Äußerungen von Herta Däubler-Gmelin vor rund 30 Metallgewerkschaftern in der Derendinger Sportgaststätte (“Bush will ablenken - Däubler-Gmelin: Beliebte Methode seit Hitler”) hat verständlicherweise größte innen- und außenpolitische Kreise gezogen. Wir hatten ihn noch am Abend auch ins Internet gestellt, wo ihn andere Zeitungen und Agenturen bald entdeckten. Am nächsten Morgen hatte “Spiegel-Online” unsere Geschichte übernommen. Und dann gab’s kein Halten mehr.
Das Ministerium der Bundesjustizministerin hat daraufhin die Dementiermaschine angeworfen und unsere Berichterstattung, zu der wir Wort für Wort stehen, als “absurd und an den Haaren herbeigezogen” bezeichnet. Die Ministerin setzte im Laufe des für sie turbulenten Tages noch eins drauf, indem sie das TAGBLATT, das nicht gerade im Ruf steht, eine CDU-Zeitung zu sein, des “üblen Wahlkampfmanövers” bezichtigt. “Verleumderisch und geradezu abwegig” sei, sagt sie zu dpa, was Michael Hahn protokolliert hat. Damit stellt sie Ehre und Berufsverständnis der TAGBLATT-Redaktion unter Falschaussage-Anklage.
Dabei steht nicht einmal Aussage gegen Aussage. Die Lage ist eindeutig. Keiner der anwesenden 30 Zuhörer in Derendingen, auch die Ministerin selbst nicht, hat bis jetzt dem Teil des Berichts
widersprochen, dass aus ihrem Munde die Sätze vom “lausigen” amerikanischen Rechtssystem und einem eigentlich im Gefängnis sitzen müssenden US-Präsidenten Bush gefallen sind. Und wie es
um die Sätze bestellt ist, die jetzt zu Rücktrittsforderungen führten, das sei hier in der chronologischen Abfolge geschildert.
Michael Hahn hat ihre Sätze in der Diskussionsveranstaltung getreulich mitgeschrieben. Als im Zusammenhang mit Bush das Wort Hitler fiel, regte sich Unruhe unter den Zuhörern. Die Redaktionskonferenz, der Hahn noch ganz unter Schock davon berichtete, verstand die Welt nicht mehr. Zwar wissen alle in Tübingen, dass die durchaus liebe- oder zumindest respektvoll “Schwertgosch” genannte Ministerin, wenn sie sich gereizt fühlt (ansonsten kann sie umso reizender sein, wodurch der Schreiber dieser Zeilen im Lauf der Jahre geradezu zu einem Herta-Fan geworden ist), ohne Rücksicht auf Verluste vom Leder zieht und aus ihrem tapferen Herzen keine Mördergrube macht.
Wir wollten, wie gesagt, das Berichtete nicht wahrhaben und beschlossen, Michael Hahn solle sich sicherhaltshalber bei einigen Teilnehmern der Diskussion, von denen die meisten der SPD-Politikerin nahe stehen, telefonisch rückversichern, dass auch sie gehört haben, was er gehört hat. Das Ergebnis war peinliche Verlegenheit bei den Befragten, sie hätten ihre Herta nicht unbedingt so verstanden, als wolle sie Bush und Hitler direkt vergleichen, aber die Sache mit dem Adolf sei unüberhörbar so gewesen. Doch man solle die Affäre, bitte sehr,wenn irgend möglich nicht so hoch hängen, das sei nur willkommenes Futter für den politischen Gegner.
Zwei der Betriebsräte kamen kurz darauf in die Redaktion, um noch einmal mit uns zu sprechen: Sie wollten das Schlimmste abwenden, bestätigten aber die hochbrisante Wortwahl ihres Diskussionsgastes, auch am Donnerstag noch einmal im Fernsehen.
Die beiden aus eigenem Antrieb in die TAGBLATT-Redaktion gekommenen Gewerkschafter gingen anschließend ins Tübinger SPD-Büro, um dort ihre Gewissensbisse loszuwerden. Die Folge: Herta Däubler-Gmelin rief Michael Hahn an und drohte postwendendes Dementi an, falls er schreiben werde, sie habe Bush mit Hitler verglichen. Unser Redakteur - ich saß daneben - fragte, wie sie denn meine, dass sie es gesagt habe und er werde dann dies als von ihr quasi letztgültig autorisierte Fassung ins Blatt bringen. Und so wollte sie sich an das Gesprochene erinnern - wörtlich so hat es Hahn aufgeschrieben und ihr nochmals langsam vorgelesen: “Bush will von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das ist eine beliebte Methode. Das hat auch Hitler schon gemacht.” Kurz darauf rief die Ministerin mich als den Chef des TAGBLATTS an und bat um ein Treffen. Ich stimmte zu.
Im Beisein zweier weiterer leitender TAGBLATT-Redakteure machten wir ihr klar, dass wir es als unsere Journalistenpflicht verstehen, über den Vorfall zu berichten, auch wenn sie uns jetzt sagte, sie habe nicht gewusst, dass die Gewerkschaft einen TAGBLATT-Vertreter zu der von der Ministerin als intern betrachteten Diskussion eingeladen hat. Im Übrigen werde sie uns gegenüber jetzt zu gar nichts mehr etwas sagen, auch nicht zu dem zuvor wortwörtlich von ihr so formulierten Methoden-und-nicht-Personen-Vergleich. Sie merkte wohl, wie sehr es uns contre coeur ging, Dinge von ihr berichten zu müssen, von denen wir wussten, dass sie sie bei aller verstehbaren, von uns geteilten Kritik an den USA lieber nicht geäußert hätte.
In diesem Moment sagte sie, sie bedaure ihre Äußerungen und sie wäre froh, wenn sie nichts von Hitler gesagt hätte. Was soll ein Journalist in so einem Fall tun? Darf, soll, kann er eine Politikerin vor sich selbst schützen? Kann öffentlich Gesprochenes ungesprochen gemacht werden? Und darf politische Nähe oder Sympathie dabei entscheiden?
Am Donnerstag dann die große Rundum-Dementierung, immer auf Kosten der Glaubwürdigkeit des TAGBLATTS und seines Redakteurs Michael Hahn. Ganz nebenbei: Ich habe bereits vor einer Woche briefwählend meine Erststimme Herta Däubler-Gmelin gegeben. Ich würde auch gerne jetzt noch dazu stehen ...
Christoph Müller






