So war AlanG. 2003 drauf ...


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AlanG.:

So war AlanG. 2003 drauf ...

 
22.05.04 18:53
Aus dem Leben eines Börsentraders

Draußen wird es hell. Der Blick vom Bett richtet sich auf die kleine Kommode auf der eine Armbanduhr liegt. Ein hastiger Griff, und ein folgender Blick auf den Chronographen, zeigt an, dass es bereits nach acht Uhr ist.

Noch knapp 60 Minuten um sich auf den Moment vorzubereiten,  der dann die nächsten elf Stunden den Tag beherrschen wird. Nicht viel Zeit. Dazwischen werden nur wenige Augenblicke der Ruhe und der Entspannung liegen. Der Tag wird geprägt sein von vielen Ups und Downs, die letzteren werden aller Voraussicht nach in der Mehrzahl sein. Gefühle zwischen Hoffen und Bangen. Schweißperlen werden sich auf der Stirn, Feuchtigkeit in den Handflächen breitmachen.

Beim Zähneputzen wird überlegt; - überlegt, was Gestern war. Nebelhaft kehren die letzten Trades des Vortages mühsam ins Gedächtnis zurück. Ich zähle die Verluste vom Vortag zusammen. Es hätte noch schlimmer kommen können.  Daß ich den Turbo-Short auf den Dax verkauft habe, war mit Sicherheit ein Fehler. Na ja, was soll es: heute werde ich es besser machen als gestern. Heute wird ein guter Tag. Ein Plus Tag.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß ich vorwiegend mit Optionsscheinen und sogenannten Hebelprodukten, eben Turbo-Shorts oder -Longs operiere. Warum die short und long genannt werden, vermag ich auch nicht so genau zu sagen. Auf jeden Fall steht short für das Setzen auf fallende Kurse und long für steigende.

Noch schnell muss die notwendige Tagesration an Zigaretten und die Zeitung geholt werden. In dieser Zeit zieht die Spannung zwischen Magengrube und klopfendem Herzen mächtig an. Mit zittrigen Fingern wird der Wirtschaftsteil hervorgenestelt. “Aktien jetzt noch billiger!” steht da in fetten Lettern,  als würde es ich um Tomaten handeln. Also nun aber zugreifen, oder was.  Erst einmal Ruhe bewahren. Still werden rituell die zehn Gebote eines guten Börsianers  runtergebetet. Okay, Ruhe bewahren. Keine Panik. Ich bin ganz ruhig. Es ist ja nur Geld.

Während der Rechner noch bootet, werfe ich einen Blick in den Lokalteil der Zeitung und mache ich mich über die Unfähigkeit der Politiker und Banker lustig, die nun wirklich gar nichts mehr hier auf die Reihe bekommen. Noch mehr Arbeitslose, noch mehr Schulden, noch mehr Korruption und Selbstbedienungsmentalität; noch mehr Pleiten, Pech und Pannen. Dagegen mach ich meinen Job noch richtig gut. Wieviel Gewinn im letzten Jahr? Minus 50 Prozent?  Kann schon sein. Ganz ohne Gewinnwarnung versteht sich.

Ach ja, ich bin übrigens soetwas ähnliches wie ein “Gefühlstrader”. Also jemand, der sich einen Dreck um Fibonccizahlen und Elliott-Wellen schert. Stochastik und Momentum, das sind Dinge für Buchhalter und die finde ich langweilig. Nichts für mich. Ich mach das aus dem Bauch raus. Bin eben mehr für die “Magical Mystery Tour”.  Man darf die Spontaneität nicht verlieren, schnell und zielsicher mit dem Zeigefinger die Maus geklickt und zum Supersonderschnäppchenpreis eingekauft.  That counts! That´s business.

Noch zwanzig Minuten. Alle überlebensnotwendigen Programme sind mittlerweile hochgefahren. Vom Globalen Handelssystem, über Depotwatchlists zu den einschlägigen Finance-News eiten im Internet, bis hin zum Aktienboard, wo man sich mit anderen Tradern austauschen kann und sein Mütchen stets kühlen kann, wenn es mal nicht so läuft oder es einer von den handlungsärmeren, lies langweiligeren Tagen ist.

Ui, ui ,ui, die Futures sehen aber gar nicht gut aus heute! Insbesondere der Nasdaq-Future, ziemlich rot das Ganze. Kann eigentlich nur besser werden heute. Damn, warum hab ich nur den Turbo-Short bei 1,21 verkauft. Steht jetzt schon  vorbörslich bei 1,35. Ein kleiner Rebound von ein bis zwei Prozent plus im DAX - nach dem gestrigen Minus von 3,8 Prozent – müsste immer drin sein. Wird schon schiefgehen. Also erst einmal die Eröffnung um neun abwarten. Was stehen denn heute für Zahlen an? Ach ja, IFO-Geschäftsklimaindex, ziemlich wichtig. Wenn der nicht den Erwartungen entsprechen sollte, und niedriger ausfallen würde als angenommen, dann … ja, was dann? Welche Strategie fahre ich dann? Hihi, den ganzen verbleibenden Rest cash in Puts eventuell? Das ist die normale Optionsscheinvariante zu den erwähnten “shorts” aus der Hebelproduktfamilie. Mein Gott, tiefer kann es eigentlich nicht mehr gehen. Noch nie hat der DAX  in einem Quartal seit 1959 so viel verloren  wie jetzt und damit 200 Milliarden Euro Marktkapitalisierung der Unternehmen. Warum spricht keiner davon? Immer lese ich: “Auch heute gab der DAX wieder deutlich nach,” oder so ähnlich. Ey, das ist ein Megacrash der hier abläuft. Und keiner sagt es wirklich.

9.00 Uhr. Die Eröffnung. Minus 0,5 Prozent. Das war zu erwarten. Was ist das denn? Es steigt. Wußte ich es doch. Plus/ Minus 0, jetzt. Der DAX steigt. Puh, gut, daß ich den short gestern noch losgeworden bin zu 1,21. Jetzt nur noch bei 1,10. Plus ein Prozent schon. Alles grün. Wow. Wann kommen die Zahlen? Aha, psycho_joe vom Board meint um zehn. Mal abwarten. Plus 1,5 Prozent mittlerweile. Der Turbo-Long wird langsam teuer. Hätte gleich zur Eröffnung zuschlagen sollen. Das ist der Rebound, hab ich ja gesagt.  Dafür ist der short recht günstig; bei 0,94. Zweitausend Stück für 1880 Euritos  kaufen?  Krieg´ ich  sicherlich noch billiger.  Nach der Gewinnwarnung von Motorola wär nen Call darauf jetzt auch nicht schlecht. Ganz gut aufgetellt das Unternhemen. Marktführer nach Nokia weltweit, oder?

9.40 Uhr. Schicksalsträchtig läuft auf Klassik-Radio gerade die Filmmusik von Michael Nyman “Der Koch, der Dieb, seiner Frau und ihr Liebhaber”. Wirr werden meine Gedanken. Handelt es sich hierbei doch um keinen anderen als den Börsenkoch, Markus Koch. Der Dieb ist natürlich die Deutsche Bank, die mir das Geld schon wieder entreißen möchte. Seine Frau ist das System über das ich handele und der Liebhaber ist notabene der Rest von einer  einst stolzen Summe Euros. Als das Stück nach 11 Minuten und 20 Sekunden zu Ende ist, habe ich abgedrückt und den Turbo-Long gekauft. Ich bin ein positiver Mensch und glaube, daß es gut ist, wenn alles wie eine Fahnenstange steht. Ich setze auf grün heute. Risiko, wie immer.  Business as  usual. Und vor allem: halten, nicht panisch werden, halten. Die Börse ist schließlich keine Einbahnstrasse.

10.00 Uhr. IFO-Geschäftsklimaindex leicht unter den Erwartungen zurückgeblieben. Nur noch plus 0,35 Prozent plus. Turbo hat eingebüsst. Schon 1500 Euro im Minus. Man, man, man … das fängt da an, wo es gestern aufgehört hat.  Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren und rausgehen. Muss erst einmal einen Lappen holen. Die Maus ist einfach zu glitschig. Igitt. Minus 19 Punkte.  Nicht gut, nicht gut. Was machen die anderen auf der watchlist. Nokia unverändert. Bilfinger und Berger, war klar gestiegen, nach der Flutkatastrophe an der Elbe. Stada Arzneimittel leicht gestiegen, nicht der Rede wert.

11.00 Uhr. Hab ich diesen Schein 727999 (besagtes Long-Zertifikat) immer noch? Ja. Noch fünfzig Punkte bis zum Knock-Out.
Erwähnt werden sollte noch,  daß diese Scheine, also diese Hebelprodukte,  eine sogenannte Knock-Out Schwelle haben. Je näher sie an ihrer Knock-Out Schwelle sind, umso günstiger sind sie. Extrembeispiel: ein Turbo_Long Schein hat einen Strike (K.O) von 3000 Punkten im DAX, der DAX steht aktuell bei 3010 Punkten. Der Schein hat wahrscheinlich nur noch einen Wert von ca. 0,12 Cent.

Fünfzig Punkte sind also gar nicht mehr so viel, wenn man bedenkt, was der DAX so in den letzten Wochen hingelegt hat,. Folge: Verkaufen, aber subito. Verlust? Bloss nicht noch mehr!
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