Sebastian Kehl und kein Ende: Mit unverminderter Härte prallen im Gezerre um den Jungnationalspieler, der sich am Freitag "aus sportlichen Gründen" für einen Wechsel zu Borussia Dortmund entschieden hat, konträre Auffassungen aufeinander.
Während der FC Bayern auf eine Zusage Kehls pocht, spätestens 2003 nach München zu kommen, und durch Rechtsanwalt Christoph Schickhardt (Ludwigsburg) Klage vor dem Arbeitsgericht München in Aussicht stellt, empört sich Michael Meier über die Methoden des Liga- Rivalen: "Es ist eine Sauerei, was von Seiten der Bayern gemacht wird." Das Gebaren seines Amtskollegen Uli Hoeneß, "jedem Dreck hinterherzuschmeißen", der dem Lockruf des Rekordmeisters nicht erliege, geißelte der BVB-Manager als "Unverschämtheit".
Kehl, der sich vor einer Woche noch einmal mit Ottmar Hitzfeld traf, um seine sportlichen Perspektiven bei den Bayern auszuleuchten, und dabei angeblich eine Stammplatz-Garantie forderte, wird seine Karriere der "besseren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten" wegen in Dortmund fortsetzen - und zwar bereits nach der Winterpause. Die Gespräche mit dem SC Freiburg über einen sofortigen Wechsel stehen kurz vor dem Abschluss. Rund sieben Millionen Mark Ablöse ist der Borussia der sofortige Dienstantritt des 21-jährigen Mittelfeldspielers wert, der sich bis 30. Juni 2006 an Dortmund bindet. Freiburg seinerseits wird die Einnahme wohl nicht sofort reinvestieren.
Vor allem "strategische Fähigkeiten" schätzt Sammer an Kehl, "irgendwann", so Dortmunds Trainer, "soll er ein Leitwolf werden". Kehl sei ein "emotionaler Spieler, und so einen brauchen wir".
München hat das Rennen um Kehl verloren und verlangt nun eine Entschädigungszahlung aus Dortmund. Dafür jedoch bestehe "keine Veranlassung", versicherte BVB- Boss Dr. Gerd Niebaum, "unser Partner ist der SC Freiburg und sonst keiner".
Wenn er das Gefühl gehabt hätte, dass Kehl eine juristische Bindung mit dem FC Bayern eingegangen sei, "dann hätte ich ihm abgeraten, mit anderen Vereinen zu verhandeln", beteuert Niebaum. Eine solche juristische Bindung liege im Fall Kehl aber nicht vor. Paragraf 154 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) gehe von einem gültigen Vertrag erst dann aus, wenn "in allen Punkten" Einigkeit erzielt sei. "Bei Kehl", sagt Dortmunds Präsident, "gab es aber zwei Punkte, die noch nicht geklärt waren."
Außerdem regele Paragraf 21 des Lizenzspieler-Statuts, dass Verträge der Schriftform bedürfen, "und ich behaupte", erklärt Meier, "dass die Bayern keinen unterschriebenen Vertrag haben". Aus diesem Grund hat Niebaum "überhaupt keine Bedenken", dass das von Schickhardt angestrengte Schlichtungsverfahren beim DFB oder der angedrohte Gang vors Arbeitsgericht den BVB rechtlich in die Defensive bringen könnte.
Anwalt Schickhardt bekräftigte am Sonntag, dass ein Vertrag "zwischen Herrn Kehl und dem FC Bayern" existiere, man müsse "mit der Legende aufräumen, dass es nichts Schriftliches gibt". Ohne die Münchner "läuft hier nichts", betonte der Jurist. Schickhardt appellierte an den BVB, "etwas für die Bundesliga zu tun" - und von dem Deal mit Kehl zurückzutreten.
Etwas für die Liga tun will Borussia Dortmund tatsächlich - aber anders, als es den Bayern vorschwebt. Liga und Kontrollausschuss sollen prüfen, ob die im Fall von Deisler (20 Millionen Mark) und Kehl (1,5 Millionen Mark) geleisteten Darlehenszahlungen "gegen Prinzipien des Wettbewerbs" verstoßen (Niebaum). "Diese Zahlungen sind ein Skandal", wettert Meier. Mit ihnen würden "Abhängigkeiten unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze" geschaffen, schimpft Niebaum - und fordert eine Klärung von Seiten der DFL: "Diese Praktiken darf man im Sinne sportlicher Sauberkeit weder akzeptieren noch tolerieren. Es ist ein höchst bedenklicher Prozess, wenn vertraglich gebundenen Spielern hinter dem Rücken ihrer Vereine Geld überwiesen wird."
Thomas Hennecke
gesundes + erfolgreiches neues jahr!
verbrecher