S-Aurich-Norden: Keine Sommerrallye


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Jensolino:

S-Aurich-Norden: Keine Sommerrallye

 
12.08.01 14:41
Die Situation beim Dax und noch mehr beim Nemax lässt die Anleger schier verzweifeln. Viele warten auf die immer wieder vorhergesagte Rallye, andere haben von Aktien die Nase gestrichen voll. Über die Marktsituation sprach gatrixx mit Norbert Müller, Analyst der Sparkasse Aurich-Norden.

gatrixx:
Der Nemax dümpelt auf tiefstem Niveau und auch der Dax hat schon wesentlich bessere Zeiten gesehen. Kaum einer wagt noch zu sagen, wann es wieder bergauf geht. Wann rechnen Sie mit einer Trendwende am deutschen Aktienmarkt?
Müller:
Zur Zeit gibt es keine Fakten, die am Markt für einen plötzlichen Stimmungswandel sorgen könnten. Der Markt konnte den überwiegend schlechten Quartalsergebnissen und den für das dritte Quartal signalisierten schlechten Unternehmensprognosen teilweise trotzen. Die Indizes sind noch nicht wieder am "Low" vom April angelangt. Positive Signale waren andererseits auch nicht zu erkennen. Vielmehr sprechen die verschiedenen Konjunkturzahlen, wie der Einkaufsmanager-Index in Europa, Verbrauchervertrauen und Handelsblatt-Frühindikator nicht für eine fundamental begründete Sommerrallye. Einziger Lichtblick scheinen die enormen Liquiditätsbestände auf Geldmarktkonten oder in Fonds zu sein. Die können bei passender Gelegenheit sofort am Markt plaziert werden und somit für einen liquiditätsinduzierten Anstieg sorgen. Wir rechnen aus folgenden Gründen frühestens zum Jahresende mit einer Trendwende am deutschen Aktienmarkt: Zinssenkungen innerhalb der nächsten Monate durch die Europäische Zentralbank; eventuell ein Konjun kturprogramm auf Pump, dass sogenannte "deficit spending", durch die Bundesregierung zur Ankurbelung der Wirtschaft; weitere Steuersenkungen und insbesondere die Perspektive, dass die Börse der konjunkturellen Entwicklung grundsätzlich sechs Monate vorauseilt.

gatrixx:
Welche Komponenten müssen zusammentreffen, damit sich die Märkte deutlich und langfristig erholen?
Müller:
Zinssenkungen gepaart mit Steuerermäßigungen sollten mittelfristig das Vertrauen der Konsumenten verbessern beziehungsweise ausbauen. Beide Maßnahmen sollten mittelfristig wieder zu besseren Unternehmenserträgen führen. Vor allem verbesserte Unternehmensprognosen sind für steigende Märkte von Bedeutung. Kommen diese zu den genannten Komponenten hinzu, besteht auch die Möglichkeit, dass sich die Märkte wieder stabilisieren oder sogar erholen .

gatrixx:
Wichtig sind vor allem die Vorgaben aus den USA. Wann werden wir von der Wall Street wieder positive Signale empfangen?
Müller:
87 Prozent aller Unternehmen aus dem S&P 500-Index haben bisher ihre Zahlen vorgelegt. Überwiegend wurde von deutlichen Gewinneinbrüchen gesprochen und die Perspektiven für das dritte Quartal nochmal deutlich reduziert. Das Wachstum von nur noch 0,7 Prozent im zweiten Quartal ist schon ein deutliches Signal, dass im dritten Quartal die Steigerungsrate von ursprünglich geplanten 2 Prozent nicht mehr darstellbar ist. Somit zeigt die US-Wirtschaft eine klare Schwäche, die zuletzt Anfang der 90er Jahre vorlag. Der nationale Einkaufsmanagerindex ist auf 43,6 Punkte gefallen, und der Index für den Auftragseingang fiel unter 40 Punkte. Dass die ermäßigten Prognosen deutlich höher lagen als die tatsächlichen Zahlen, beweist, dass noch kein Wende zu erkennen ist. Erst bei der Bodenbildung der genannten Fundamentaldaten werden wir auch wieder eine dauerhaft bessere Börse sehen.

gatrixx:
Größte Aufmerksamkeitschenken die Anleger immer wieder Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank EZB und der US-Notenbank Fed. Welche weiteren Schritte sind Ihrer Meinung nötig, um dem Aktienmarkt positive Impulse zu geben?
Müller:
Wie oben genannt, könnten neben den weiteren Zinssenkungen auch die monetären Entscheidungen, hier insbesondere das defficit spending, die Nachfrage erhöhen und somit für eine Stabilisierung am Markt und auch in den Aktienmärkten sorgen. Nach unserer Einschätzung richtet sich das Augenmerk der Börsianer eher auf die Entscheidungen der Fed.

gatrixx:
Das Verhalten an der Börse hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Welche politischen Weichenstellungen sind notwendig, um die Börsianer in eine psychisch positive Stimmung zu versetzen?
Müller:
Die gesunde Mischung zwischen ökologisch vertretbaren und wirtschaftlich günstigen Entscheidungen ist eine Grundlage für die Stimmungslage an den Märkten. Des weiteren könnte nach unserer Einschätzung die Flexibilität in der Wirtschaft einen entscheidenden Einfluss auf die Stimmungslage haben.

gatrixx:
Viele Anleger haben vom deutschen Aktienmarkt die Nase gestrichen voll und sehen sich nach internationalen Anlagemöglichkeiten um. Welche Börsenmärkte würden Sie diesen Anlegern besonders ans Herz legen?
Müller:
Da die amerikanische Börse den Leitbullen für alle Börsen weltweit darstellt, können Anleger hier grundsätzlich investieren. Zwar können wir jetzt noch nicht zum Einstieg blasen, selektive Käufe sind aber aus unsere Sicht auch jetzt schon möglich, wie zum Beispiel bei Intel oder EMC². Aktienanleger sollten nach unserer Meinung ihre Anlageentscheidung grundsätzlich nicht mehr von der alleinigen Länder-Allocation abhängig machen, denn Deutschland ist ein Teil Europas, deshalb sind Aktientitel nicht mehr auf einzelne Länder beschränkt. Die Auswahl der im Euro Stoxx 50 enthaltenen Titel bietet nach unserer Einschätzung auch dem Investor genügend Potenzial, der nicht in Deutschland investieren will.

gatrixx:
Welche Formen der Geldanlage würden Sie Menschen empfehlen, die den Glauben an die Aktie total verloren haben?
Müller:
Außer Aktien kann der Kapitalanleger in Industrieanleihen, sogenannte Corporate Bonds, guter Emittenten investieren. Diese bieten eine über dem Markt liegende Verzinsung bei bewertbarem Risiko. Für Anleger, die die passende Aktienmarktsituation abwarten wollen, bietet sich ein Wertpapierhandelskonto oder ein Tagesgeldkonto mit Guthabenzinsen zwischen 3,5 bis 4 Prozent an.

gatrixx:
Gibt es mittel- und langfristig eine aussichtsreichere Alternative zur Geldanlage in Aktien?
Müller:
Nein.

Das Interview führte Helmut Harff.  
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