Eine Zecken-Aktie für nen Zehner, mein ich. Dann wäre die Hauptversammlung
erheblich interessanter geworden...
Gruß
EXPRO
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Kopf hoch, BVB
Die Aktie Schwarz-Gelb hat im ersten Börsenjahr kräftig an Wert verloren. Aber die Aktionäre der Borussia bleiben ruhig – eine ungewöhnliche Hauptversammlung
MICHAEL FREITAG, Dortmund
HANDELSBLATT, 7.11.2001
Gerd Niebaum lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen: „Der Kursverlauf ist mehr als enttäuschend“, sagt der ehrenamtliche Geschäftsführer der Borussia Dortmund KGaA bei der ersten Hauptversammlung eines börsennotierten Fußball-Clubs in Deutschland – und die Aktionäre lauschen fast andächtig still, als er fortfährt: „Es gibt sicher für alles Erklärungen. Aber wir wollen nichts schönreden, was nicht schön ist.“
Es ist etwa ein halbes Jahr her, da wählte Telekom-Chef Ron Sommer bei der Hauptversammlung seines Konzerns ähnliche Sätze, um einen ähnlich deprimierenden Kursverlauf zu erläutern – und die wütenden T-Aktionäre quittierten seine offenen Worte mit höhnischem Applaus.
Gerd Niebaum hingegen wird von den rund 3 000 Anteilseignern in der Halle 4 der Dortmunder Westfalenhalle freundlich empfangen. Wären da nicht die gewohnt kritischen Vertreter der Aktionärsvereinigungen, die Hauptversammlung wirkte wie eine Mitgliederversammlung kurz vor dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft: ein riesiges Bild jubelnder BVB-Fans auf der Südtribüne des Westfalenstadions als Bühnenhintergrund, Porträts lachender Spieler an den Wänden, aufmunternde Aktionäre vorne am Pult.
„Kopf hoch, BVB“, ruft ein vollbärtiger Aktionär mit Vereinswappen am grünen Jackett. „Lasst uns den Uefa-Cup holen. Dann sprudeln auch die Gewinne.“ Ein anderer fordert, dass „Borussia Dortmund immer ein Tor mehr schießt als der Gegner“. Sein Folgeredner lobt, „die offensive Geschäftspolitik verdient unsere volle Unterstützung“. Und ein Mann mit Fan-Schal des 1. FC Köln um den Hals kritisiert zunächst einmal an, dass die Aktionäre an diesem Tag keinen BVB-Schal geschenkt bekommen. Dass die Aktien, die sie als Erstzeichner für elf Euro gekauft haben, nur noch gut fünf Euro wert sind, scheint kaum jemanden ernsthaft zu interessieren.
„Man kann nicht erwarten, dass einem die Aktionäre bei solch einem Kursverlauf um den Hals fallen“, sagt Niebaums Geschäftsführungskollege Michael Meier nach Ende des nur dreistündigen Aktionärstreffen. „Aber nach der harmonischen Mitgliederversammlung am Sonntag hatten wir auch nicht damit gerechnet, dass es hier einen Aufstand gibt.“ Der Rechtsanwalt und langjährige BVB-Präsident Niebaum weiß schließlich von etlichen turbulenten Mitgliederversammlungen, wie man solche Treffen leitet: zum Beispiel, indem man verspricht, im laufenden Geschäftsjahr 2001/02 um ein mindestens ausgeglichenes Ergebnis „zu kämpfen“.
Fast ausschließlich die Aktionärsschützer wagen kritische Worte: „Mir kommt der Kursverlauf der Aktie vor wie eine vorzeitige Euro-Umstellung“, tönt etwa Wolfgang Weilermann als Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) – und erntet nur braven Beifall. Den lautesten Applaus erhält er, als er nach Grundgehalt und Prämien der fünf bestbezahlten BVB-Profis fragt. Das interessiert die Fans unter den Aktionären mehr als die Gründe für den Jahresfehlbetrag von fast elf Millionen Euro in der vergangenen Saison.
Für die BVB-Aktionäre zählt offenbar vor allem, was „auf’m Platz“ los ist. Und da ist der Club zwar aus der Champions-League ausgeschieden, steht aber in der Bundesliga auf Platz drei – „besser als Schalke, lasst uns das nicht vergessen“, mahnt ein Redner.
Auch Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hält den dritten Rang für in Ordnung: „weil man dann direkt in der Champions- League dabei wäre“. Ein Eigentor des Aktionärsschützers, denn der Dritte muss zunächst eine Qualifikationsrunde meistern. Auch für Heise ist es eben die erste Hauptversammlung einer Fußballfirma.
Kleinaktionärin Gertrud Naumann findet gerade das besonders spannend. Als eine der wenigen in der Halle outet sich die pensionierte Sportlehrerin mit einem schwarz-gelben Halstuch als echter Fan. 100 Aktien besitzt sie, und dass die nur noch halb so viel wert sind, stört sie nicht: „Ist doch toll, dass die das überhaupt gemacht haben.“