Keine klaren Signale
von Jochen Steffens
Für den kurzfristig orientierten Trader wird es gerade sehr schwierig. Ich fürchte, dass sich in den letzten Tagen sehr viele Trader ziemlich verbrannt haben. Selbst für erfahrene Trader waren die Signale höchst uneindeutig. Deutlichen Short-Signalen folgten unerwartet stark steigende Kurse und umgekehrt. Man konnte mehr falsch als richtig machen. Meinen Lesern des Target-Traders habe ich empfohlen, solange die Füße stillzuhalten, bis sich klare Signale ergeben. Das ist wahrscheinlich das einzig Sinnvolle, was man zurzeit machen kann.
Short-Squeeze bei den Amis
Gestern Abend war ein typisches Beispiel für dieses Hin und Her zu beobachten. Sah es bis 21:25 Uhr noch so aus, als ob der Dow Jones auf Tagestief schließen würde, kann es ab 21:25 Uhr zu einer Rallye, die den Dow vom Tief bei 13.144 auf 13.389 Punkte hochtrieb - das sind 245 Punkte in 35 Minuten!!! Ein unglaublicher Anstieg...

Für mich ist so etwas eine klassische Short-Squezze. Es mag damit zusammengehangen haben, dass der S&P500 an seiner 200-Tage-Linie abgeprallt ist. Viele charttechnisch orientierte Analysten beachten diese 200-Tages-Linie. Meines Erachtens zu Unrecht. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass eine Konsolidierung ihr endgültiges Ende an der 200 Tageslinie finden solle.

Die 200-Tages-Linie
Schaut man sich den S&P500 langfristig an, so wird deutlich, dass die meisten Konsolidierungen der letzten Jahre die 200-Tage-Linie nachhaltig nach unten verletzt haben. Schaut man noch genauer hin, entdeckte man, dass es oft vor dem finalen Einbruch der jeweiligen Konsolidierung zu einem Test dieser 200-Tage-Linie gekommen ist (blaue Kreise), dem zunächst wieder steigende Kurse folgten. In allen Fällen wurde etwas später jedoch, bevor sich das eigentliche Tief ausgebildet hat, die 200-Tage-Linie nachhaltig nach unten gebrochen.
Die erste Short-Squeeze ist selten die letzte
Dazu passt eine Börsenweisheit: Die erste Short-Squeeze taucht nur ganz selten in der Nähe des eigentlichen Bodens auf. In den meisten Fällen kommt es nach der ersten Short-Squeeze zu weiter fallenden Kursen. Auch das spricht dafür, dass wir aktuell noch nicht den eigentlichen Boden gesehen haben.
Bisher keine nennenswerte Gegenwehr
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir nach einer kleinen Gegenbewegung doch noch tiefere Kurse sehen, ist demnach sehr hoch. Zudem ist natürlich auffällig, dass es bisher in der gesamten Abwärtsbewegung noch keine nennenswerte Gegenbewegung gegeben hat. Sie wissen, ich achte auf die Stärke der Gegenbewegungen um herauszufinden, wie die innere Verfassung des Marktes ist. Insoweit ist das Fehlen dieser Gegenbewegung ein Hinweis darauf, dass es bisher wenig Kaufbereitschaft gegeben hat. Auch das lässt darauf schließen, dass wir aktuell noch nicht den eigentlichen Boden, das eigentliche Tief gesehen haben.
Die „V“ Erholung
Allerdings kann es auch zu einer „V“-Erholung kommen. Diese entsteht meistens, wenn der Markt zunächst durch eine externe Nachricht geschockt wurde, welche im weiteren Verlauf jedoch keine wirkliche Relevanz für das weitere Börsengeschehen hat. Das kennen Sie von Terror-Anschlägen (Spanien, England).
Auch die Kreditmarktkrise kann man als externe Nachricht werten. Ob diese jedoch im weiteren Verlauf keinen Einfluss mehr auf das Börsengeschehen haben wird, muss sich noch zeigen. Der weitere Kursverlauf wird demnach auch davon abhängen, inwieweit neue, den Markt belastende, Nachrichten folgen. Immer noch vermisse ich zum Beispiel das Thema Stagflation in den Medien. Der Ölpreis hat sein bisheriges Hoch aus dem Jahr 2006 gestern überwunden. Sollte dieser Ausbruch nachhaltig werden, müssen wir mit noch weiter steigenden Ölpreisen rechnen. Und das soll sich nicht auf die Inflation auswirken oder das Wirtschaftswachstum schwächen?
Halten Sie weiter die Augen auf, die Wahrscheinlichkeiten sprechen zwar gegen einen Boden, aber wenn nun keine weiteren Nachrichten den Markt belasten, könnten sich bald erste nachhaltige Kaufsignale ergeben.
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens