Oliver Kahn
Der unzufriedene Perfektionist
Von Frank Hellmann, Barsinghausen
15. Okt. 2002 Beim Training war Sepp Maier an der Reihe: der Bundestorwarttrainer als Adressat geballten Zorns. Der Absender: Oliver Kahn. „Den ersten Ball zum Halten!“ schrie Kahn, ging wütend drei Schritte auf den Mann zu, der über Jahre half, den Ehrgeiz des inzwischen 33-Jährigen in die richtigen Bahnen zu lenken und ihn zu einem Torhüter der Weltklasse zu formen.
Maier musste sich verbale Schelte gefallen lassen, weil er an den Innenpfosten und ins Tor statt in Kahns fangbereite Hände geschossen hatte. Kahn, keine Frage, vermittelt im Trainingslager der deutschen Nationalelf in Barsinghausen einen missmutigen, mürrischen Eindruck.
Beckenbauer: „Er ist nicht ganz zufrieden“
„Er ist nicht gut drauf“, sagt Maier und möchte Näheres nicht erläutern. Auch Franz Beckenbauer diagnostizierte aus der Ferne besorgt in „Blickpunkt Sport“ beim Bayerischen Fernsehen: „Oliver Kahn ist im Moment nicht ganz zufrieden. Ich weiß nicht warum, aber ihm passt etwas nicht, es stimmt etwas nicht mit ihm. Das zeigt auch seine Körperhaltung.“ Wäre Beckenbauer in Barsinghausen, er erhielte täglich neue Beweise.
Während Rudi Völler höflich grüßt, lächelnd Autogramme schreibt, geht Kahn schlecht gelaunt durch das Hotelfoyer. Und weigert sich zum ersten Male, als Kapitän vor einem Länderspiel auf der offiziellen Pressekonferenz zu erscheinen, um dann wie gewöhnlich pathetische Parolen auszugeben. Ein Torwart hat mit sich selbst zu tun.
Beckenbauer sucht nach Erklärungen für Kahns derzeitiges Dilemma: „Er kommt als Held von der WM und wird dann in den Stadien ausgepfiffen wie zuvor.“
Völler beschwichtigt
Auch Völler ist der Gemütszustand des Kapitäns nicht entgangen: „Er wirkt nach außen etwas mürrisch“, sagt der Teamchef, „doch intern ist er so wie immer und viel lockerer als es den Anschein hat.“ Eine Aussage, die im Kreis des Nationalteams nicht unbedingt bestätigt wird. Kahn, 54-facher Nationalspieler, hat sich wie kein anderer über seine Leistung definiert. Und die ist in dieser Saison, das schlägt sich auch in Statistiken nieder, bislang nicht mehr als guter Bundesliga-Durchschnitt.
Nun war Mittelmaß nie die Sache des gebürtigen Karlsruhers. Der Ehrgeizling (Maier: „Sein Ziel ist der perfekte Torwart.“) gibt Rätsel auf. Er klagt in ungewohnter Deutlichkeit über die Ansprüche im Allgemeinen und im Besonderen: „Seit acht Jahren habe ich die Doppelbelastung mit Bayern und der Nationalelf. So lange wie kein anderer. Ich weiß nicht, ob das je noch einer schaffen wird.“ Und weiter: „Wenn ich nur Normalform habe, werde ich schon kritisiert.“
Dass sich sein Sohn derzeit nicht sonderlich wohl fühlt, bestätigt auch Vater Rolf im Kölner Express: „Einem Michael Schumacher geht es genau so. Er kommt in Deutschland einfach nicht rüber. Vielleicht hat Oliver auch das Problem, dass er sich hier nicht akzeptiert fühlt.“
Sein Sohn wählt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung einen anderen Vergleich: „Als Tiger Woods, der beste Golfspieler der Welt, vor ein paar Monaten Zweiter und Dritter geworden, mußte er sich fragen lassen, ob er in einer Krise ist. Das sagt alles.“
Gedanken an den Rücktritt
Gleichwohl wil sich Kahn ständig hinterfragen, ob er sein Level halten kann. „Ich hoffe, dass ich bis 2006 durchhalte. Garantieren kann ich es nicht“, verkündete er kürzlich. Solche Gedanken an den Rücktritt hatte er schon während der erfolgreichen Tage von Japan und Korea angedeutet. Noch vor dem Finale hatte Kahn laut über seine Zukunft nachgedacht, angedeutet, dass „es den Tag geben wird, wo ich irgendwo sitze und keine Motivation mehr verspüre und aufhöre.“ Mit seinem finalen Fehler schien er sich aber selbst unter Druck gesetzt zu haben, weitere vier Jahre durchzuhalten.
Doch Kahn merkt, dass Psyche und Physis womöglich dieses ferne Ziel in Frage stellen. „Ich hätte eigentlich nach der WM sechs Wochen Urlaub gebraucht.“ Die gab es nicht, seine WM-Form ließ sich nicht einfach fortschreiben.
„Mindermotivationsphase“
Für seinen Würgegriff gegen Thomas Brdaric musste sich Kahn hart kritisieren lassen, er selbst sagt aber: „Das ist meine Art. So etwas kann immer wieder passieren, auch morgen. “ Des Schlussmanns Reaktion: Er spekulierte erneut über seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Von „Moral-Heuchlern“ will er sich „keinen Millimeter verbiegen“ lassen.
Kahns Manager Ludwig Karstens käme ein vorzeitiges Karrierende nicht gelegen. Zurzeit bereitet er für seinen Klienten schon hoch dotierte und auf die WM 2006 im eigenen Lande ausgerichtete Werbeverträge vor. Im Kölner Express formuliert er unumwunden: „Oliver ist in einer Mindermotivationsphase. Die Zeit, die er bräuchte, um sich zu erholen, hat er nicht. Aber alle Spieler haben eine menschliche Fehlbarkeit.“
Für Sepp Maier sind Kahns Reaktionen normal: „Dass ist selbst beim Golf so. Wenn es mal nicht so gut läuft bei ihm, will er gleich
aufhören.“
Gedanken an ein Karriereende
Mit solchem Verhalten verschafft sich Kahn derzeit Rückendeckung bei Verein und Verband. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder verteilte sofort Streicheleinheiten: „Wir brauchen Olli Kahn. Wenn er nur in ein Seelentief gerutscht ist, wird er dort auch wieder herauskommen.“ Beckenbauer glaubt, dass „Kahn bald wieder der Alte ist“. Völler lässt erst gar keine Diskussion aufkommen. Alles eine Frage der Zeit? Schließlich hatte Konkurrent Jens Lehmann schon nach dem WM-Finale in Yokohama angemerkt, „dass es ein halbes Jahr braucht, um solch einen Fehler zu verarbeiten.“
Die Kinder, die derzeit beim Torschusstraining in der AWD-Arena in Hannover direkt hinter Kahns Tor stehen, sind irritiert, wenn sie ihr Idol beobachten. Kaum fliegt ein Ball unerreichbar ins Netz, lässt Kahn seinem Frust mit Tritten am Pfosten freien Lauf oder ballert das Spielgerät ins Nirwana. Über das Training wolle er sich Selbstvertrauen zurückholen. Doch dabei begibt er sich leicht in einen Teufelskreis. Denn wenn er auch bei den Übungseinheiten Gegentore als persönliche Beleidigung empfindet, vergrößert das den Frust nur. Genau wie eine Unachtsamkeit von Sepp Maier.
Da passt es ins Bild, dass Kahn der F.A.Z. Gedanken über das Karriereende anvertraut: „Ich kann mir vorstellen, dass der Abschied auch für mich einen befreienden Charakter haben wird.“
Text: @hel
Bildmaterial: AP
Der unzufriedene Perfektionist
Von Frank Hellmann, Barsinghausen
15. Okt. 2002 Beim Training war Sepp Maier an der Reihe: der Bundestorwarttrainer als Adressat geballten Zorns. Der Absender: Oliver Kahn. „Den ersten Ball zum Halten!“ schrie Kahn, ging wütend drei Schritte auf den Mann zu, der über Jahre half, den Ehrgeiz des inzwischen 33-Jährigen in die richtigen Bahnen zu lenken und ihn zu einem Torhüter der Weltklasse zu formen.
Maier musste sich verbale Schelte gefallen lassen, weil er an den Innenpfosten und ins Tor statt in Kahns fangbereite Hände geschossen hatte. Kahn, keine Frage, vermittelt im Trainingslager der deutschen Nationalelf in Barsinghausen einen missmutigen, mürrischen Eindruck.
Beckenbauer: „Er ist nicht ganz zufrieden“
„Er ist nicht gut drauf“, sagt Maier und möchte Näheres nicht erläutern. Auch Franz Beckenbauer diagnostizierte aus der Ferne besorgt in „Blickpunkt Sport“ beim Bayerischen Fernsehen: „Oliver Kahn ist im Moment nicht ganz zufrieden. Ich weiß nicht warum, aber ihm passt etwas nicht, es stimmt etwas nicht mit ihm. Das zeigt auch seine Körperhaltung.“ Wäre Beckenbauer in Barsinghausen, er erhielte täglich neue Beweise.
Während Rudi Völler höflich grüßt, lächelnd Autogramme schreibt, geht Kahn schlecht gelaunt durch das Hotelfoyer. Und weigert sich zum ersten Male, als Kapitän vor einem Länderspiel auf der offiziellen Pressekonferenz zu erscheinen, um dann wie gewöhnlich pathetische Parolen auszugeben. Ein Torwart hat mit sich selbst zu tun.
Beckenbauer sucht nach Erklärungen für Kahns derzeitiges Dilemma: „Er kommt als Held von der WM und wird dann in den Stadien ausgepfiffen wie zuvor.“
Völler beschwichtigt
Auch Völler ist der Gemütszustand des Kapitäns nicht entgangen: „Er wirkt nach außen etwas mürrisch“, sagt der Teamchef, „doch intern ist er so wie immer und viel lockerer als es den Anschein hat.“ Eine Aussage, die im Kreis des Nationalteams nicht unbedingt bestätigt wird. Kahn, 54-facher Nationalspieler, hat sich wie kein anderer über seine Leistung definiert. Und die ist in dieser Saison, das schlägt sich auch in Statistiken nieder, bislang nicht mehr als guter Bundesliga-Durchschnitt.
Nun war Mittelmaß nie die Sache des gebürtigen Karlsruhers. Der Ehrgeizling (Maier: „Sein Ziel ist der perfekte Torwart.“) gibt Rätsel auf. Er klagt in ungewohnter Deutlichkeit über die Ansprüche im Allgemeinen und im Besonderen: „Seit acht Jahren habe ich die Doppelbelastung mit Bayern und der Nationalelf. So lange wie kein anderer. Ich weiß nicht, ob das je noch einer schaffen wird.“ Und weiter: „Wenn ich nur Normalform habe, werde ich schon kritisiert.“
Dass sich sein Sohn derzeit nicht sonderlich wohl fühlt, bestätigt auch Vater Rolf im Kölner Express: „Einem Michael Schumacher geht es genau so. Er kommt in Deutschland einfach nicht rüber. Vielleicht hat Oliver auch das Problem, dass er sich hier nicht akzeptiert fühlt.“
Sein Sohn wählt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung einen anderen Vergleich: „Als Tiger Woods, der beste Golfspieler der Welt, vor ein paar Monaten Zweiter und Dritter geworden, mußte er sich fragen lassen, ob er in einer Krise ist. Das sagt alles.“
Gedanken an den Rücktritt
Gleichwohl wil sich Kahn ständig hinterfragen, ob er sein Level halten kann. „Ich hoffe, dass ich bis 2006 durchhalte. Garantieren kann ich es nicht“, verkündete er kürzlich. Solche Gedanken an den Rücktritt hatte er schon während der erfolgreichen Tage von Japan und Korea angedeutet. Noch vor dem Finale hatte Kahn laut über seine Zukunft nachgedacht, angedeutet, dass „es den Tag geben wird, wo ich irgendwo sitze und keine Motivation mehr verspüre und aufhöre.“ Mit seinem finalen Fehler schien er sich aber selbst unter Druck gesetzt zu haben, weitere vier Jahre durchzuhalten.
Doch Kahn merkt, dass Psyche und Physis womöglich dieses ferne Ziel in Frage stellen. „Ich hätte eigentlich nach der WM sechs Wochen Urlaub gebraucht.“ Die gab es nicht, seine WM-Form ließ sich nicht einfach fortschreiben.
„Mindermotivationsphase“
Für seinen Würgegriff gegen Thomas Brdaric musste sich Kahn hart kritisieren lassen, er selbst sagt aber: „Das ist meine Art. So etwas kann immer wieder passieren, auch morgen. “ Des Schlussmanns Reaktion: Er spekulierte erneut über seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Von „Moral-Heuchlern“ will er sich „keinen Millimeter verbiegen“ lassen.
Kahns Manager Ludwig Karstens käme ein vorzeitiges Karrierende nicht gelegen. Zurzeit bereitet er für seinen Klienten schon hoch dotierte und auf die WM 2006 im eigenen Lande ausgerichtete Werbeverträge vor. Im Kölner Express formuliert er unumwunden: „Oliver ist in einer Mindermotivationsphase. Die Zeit, die er bräuchte, um sich zu erholen, hat er nicht. Aber alle Spieler haben eine menschliche Fehlbarkeit.“
Für Sepp Maier sind Kahns Reaktionen normal: „Dass ist selbst beim Golf so. Wenn es mal nicht so gut läuft bei ihm, will er gleich
aufhören.“
Gedanken an ein Karriereende
Mit solchem Verhalten verschafft sich Kahn derzeit Rückendeckung bei Verein und Verband. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder verteilte sofort Streicheleinheiten: „Wir brauchen Olli Kahn. Wenn er nur in ein Seelentief gerutscht ist, wird er dort auch wieder herauskommen.“ Beckenbauer glaubt, dass „Kahn bald wieder der Alte ist“. Völler lässt erst gar keine Diskussion aufkommen. Alles eine Frage der Zeit? Schließlich hatte Konkurrent Jens Lehmann schon nach dem WM-Finale in Yokohama angemerkt, „dass es ein halbes Jahr braucht, um solch einen Fehler zu verarbeiten.“
Die Kinder, die derzeit beim Torschusstraining in der AWD-Arena in Hannover direkt hinter Kahns Tor stehen, sind irritiert, wenn sie ihr Idol beobachten. Kaum fliegt ein Ball unerreichbar ins Netz, lässt Kahn seinem Frust mit Tritten am Pfosten freien Lauf oder ballert das Spielgerät ins Nirwana. Über das Training wolle er sich Selbstvertrauen zurückholen. Doch dabei begibt er sich leicht in einen Teufelskreis. Denn wenn er auch bei den Übungseinheiten Gegentore als persönliche Beleidigung empfindet, vergrößert das den Frust nur. Genau wie eine Unachtsamkeit von Sepp Maier.
Da passt es ins Bild, dass Kahn der F.A.Z. Gedanken über das Karriereende anvertraut: „Ich kann mir vorstellen, dass der Abschied auch für mich einen befreienden Charakter haben wird.“
Text: @hel
Bildmaterial: AP