Neuer Markt - auf wackligen Füßen
Der Jahresauftakt ist geglückt: Die deutschen Wachstumswerte haben kräftig zugelegt und in den ersten Handeltagen fast zehn Prozent gewonnen. Damit hat der Neue Markt den am 21. September gestarteten Aufschwung eindrucksvoll fortgesetzt. Inzwischen zweifeln die Experten aber, ob das Kursplus von nahezu 100 Prozent seit dem Tief nicht schon ein "zu großer Schluck aus der Pulle" war.
Angetrieben wurden die deutschen Wachstumswerte zuletzt durch gute Wirtschaftdaten. Sowohl in den USA als auch in Euroland zeigen die jüngsten Konjunktur-Indikatoren zumindest eine Stabilisierung der Wirtschaftslage an. Der konjunkturelle Tiefpunkt dürfte also hinter uns liegen und die Börse nimmt eine wirtschaftliche Trendwende grundsätzlich voraus.
Doch jetzt müssen die Unternehmen mit guten Zahlen zeigen, dass die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt sind - und hier liegt das Problem. Bislang haben erst zwei Gesellschaften aus dem Nemax 50 - Thiel [ Kurs/Chart ] und Teleplan [ Kurs/Chart ] - einen detaillierten Plan für 2002 und grobe Wachstumsprognosen für die Jahre danach gegeben. Obwohl die Ausblicke der beiden Firmen positiv ausfielen, reagierten die Anleger - vor allem bei Thiel - zurückhaltend.
Zu hohe Erwartungen
Offenbar sind die Erwartungen der Investoren immer noch recht hoch geschraubt. Dabei ist anzunehmen, dass die Ausblicke anderer Neuer Markt-Gesellschaften deutlich schlechter ausfallen.
Beispiel Aixtron [ Kurs/Chart ]: Im dritten Quartal hat der Spezialmaschinenbauer einen kräftigen Einbruch der Auftragseingänge verzeichnet, das Auftragspolster schmilzt langsam zusammen. Ob die Aachener, die zuletzt immer mit hohen Wachstumsraten geglänzt haben, in diesem Jahr überhaupt beim Umsatz und Gewinn zulegen können, ist fraglich. Auch wenn die langfristigen Perspektiven von Aixtron ausgezeichnet sind, das inzwischen erreichte KGV von um die 50 erscheint doch sehr ambitioniert.
Die Bilanzpressekonferenz, bei der das Management in der Regel einen Ausblick auf 2002 gibt, dürfte für viele Anleger also eine herbe Enttäuschung sein. Da Aixtron als Aushängeschild des Neuen Marktes gilt, könnte das gesamte Wachstumssegment in Mitleidenschaft gezogen werden.
Ähnlich kritisch sehen wir die Lage bei Süss Microtec [ Kurs/Chart ]. Die Aktie hat in den letzten Monaten ebenfalls gut zugelegt und sich von ihrem Tief mehr als verdoppelt. In einem Interview mit Stock-World hat der Vorstandsvorsitzende Dr. Franz Richter für 2002 bei einer leichten Erholung der Konjunktur eine ähnliche Planung wie für das abgelaufene Jahr in Aussicht gestellt. Auch hier könnten die bislang von hohen Umsatz- und Ertragszuwächsen verwöhnten Anleger enttäuscht sein, obwohl die langfristigen Aussichten für Süss Microtec ausgezeichnet bleiben.
Besonders absturzgefährdet
Für besonders absturzgefährdet halten wir aber T-Online [ Kurs/Chart ]. Das Indexschwergewicht steht wegen seiner hohen Liquidität vor allem bei den Fondsmanagern hoch im Kurs. Die Tatsache hat zu einer völligen Überbewertung des Papiers geführt. Selbst wenn der Internet-Anbieter seinen Umsatz in 2002 um 50 Prozent steigert, ist die Bewertung der Telekom-Tochter, die tiefrote Zahlen schreibt und im europäischen Ausland praktisch nicht vertreten ist, mit knapp 16 Milliarden Euro (KUV 9) viel zu hoch. Wegen seiner hohen Gewichtung würde sich eine Korrektur bei T-Online auf den gesamten Index negativ auswirken.
Fazit:
Da ein wirtschaftlicher Aufschwung in den Kursen der deutschen Wachstumswerte weitgehend eingepreist ist, wird die weitere Entwicklung des Neuen Markts von den anstehenden Unternehmenszahlen und Ausblicken der Gesellschaften abhängen. Anleger sollten daher zumindest einen Teil ihres Geldes zurückhalten. Bei einigen soliden Firmen winkt die Chance, noch einmal günstiger zum Zuge zu kommen.
© 10.01.2002 www.stock-world.de