Wall Street: Spanien und Übernahmen im Tagesgespräch
Die US-Börsen haben ihren jüngsten Abwärtstrend zum Wochenbeginn unverzagt fortgesetzt und es scheint nicht, als ob es sich bei den Verlusten um eine kurzfristige Laune handeln würde. Der Dow-Jones-Index schloss mit einem Minus von 137 Zählern oder 1,3 Prozent auf 10 103 Punkten, die Nasdaq verlor 45 Zähler oder 2,3 Prozent auf 1939 Punkte.
Geopolitische Sorgen umtrieben die Wall Street am Montag nur am Rande, doch drücken noch immer die Anschläge von Madrid und vor allem die mögliche Verbindung zur Al-Qaida auf die Stimmung. Auch der Sieg der Opposition gegen den Bush-Unterstützer Aznar bei den Wahlen am Sonntag wird als Schlag gegen Bush und entsprechend negativ bewertet.
Von der konjunkturellen Front gab es unterdessen eine Reihe guter Nachrichten. Die Industrieproduktion in den USA fällt für den Februar höher aus als erwartet. Mit einem Plus von 0,7 Prozent werden die Prognosen der Wall Street in den Schatten gestellt, zumal ein Wachstum um 0,8 Prozent im vergangenen Monat nicht revidiert wird. Die Kapazitätsauslastung liegt mit 76,6 Prozent ebenfalls etwas über den Erwartungen.
Der Empire-State-Index über die Aktivitäten im Produzierenden Gewerbe in und um New York ist im März leicht gefallen, allerdings hatte er im Februar einen Rekordstand. Nach Angaben der lokalen Fed notiert der noch recht junge Konjunkturindikator nach einem unerwartet steilen Einbruch auf 25,3 Zählern, nach dem er fünf Monate in Folge über 30 gestanden hatte. Ein Wert über Null signalisiert Wachstum.
Größter Verlierer unter den Blue Chips war Walt Disney mit einem Minus von 3,2 Prozent. Schon vor dem Wochenende hatten Gerüchte zirkuliert, dass der Kabelbetreiber Comcast sein Übernahmeangebot an den Medien- und Unterhaltungsriesen aufstocken würde – das hat aber nie stattgefunden. Disney bleibt außen vor und seinen Problemen weiter sich selbst überlassen, Aktionäre gehen auf Abstand.
Weiter unter den größten Verlieren befanden sich mit Intel und Hewlett-Packard zwei Hightech-Riesen, sowie mit Alcoa und DuPont zwei Zykliker.
Im Minus schloss aber auch Wal-Mart trotz guter Zahlen. Wo die Steuerrückzahlungen den Verbraucher auf Trab halten, profitiert der Einzelhändler direkt. Bei diesem können Kunden die Schecks vom Finanzamt direkt an der Kasse einlösen, und viele tun das für teure Heimelektronik. Das Umsatzwachstum bei eingeführten Geschäften soll zur Zeit am oberen Ende der angepeilten Spanne von 4 bis 6 Prozent liegen.
Unter den Gewinnern fanden sich Johnson & Johnson und der Finanzriese Citigroup ohne entsprechende positive Meldungen.
Größter Gewinner war indes der Industrie-Multi United Technologies mit einem Plus von 1,4 Prozent. Die Aktie wurde am Morgen von Deutsche Bank empfohlen. Darüber hinaus kauft das Unternehmen in einer deutsch-amerikanischen Aktion die Kühlschrank-Einheit von Linde für 305 Millionen Dollar inklusive Schulden und 85 Milliarden Dollar in ausstehenden Verpflichtungen. Die Kühlschrank-Sparte des deutschen Industrie-Riesen umfasst 6300 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von fast 1 Milliarde Dollar. Produktionsstätten stehen in Europa, Asien und Südamerika.
General Electric schluckt derweil den Sicherheitsriesen InVision für 900 Millionen Dollar. Der Hersteller von Bombendetektoren an Flughäfen und Sicherheitsschleusen für Schulen und Unternehmen hat sich nach den Terror-Anschlägen vor zweieinhalb Jahren vom Penny-Stock auf zeitweise über 50 Dollar gemausert. Zu diesem Preis soll InVision jetzt übernommen werden, und GE baut so seine Marktführerschaft im Sicherheitsbereich massiv aus, wo man unter anderem mit Tyco konkurriert. Abseits der Übernahme meldet GE, dass man die Prognosen für die ersten beiden Quartale wohl schlagen werde.
Schlechte Nachrichten gibt es von einem weiteren Industrie-Multi. Obwohl sich der Aktienkurs von Tyco International im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt hat, habe sich an der Finanzlage des Mischkonzerns fast nichts geändert, mahnt die New York Post. Die einflussreiche Boulevard-Zeitung mahnt vor drohenden Kurseinbrüchen. Während die Verwaltungskosten um 7 Prozent gestiegen seien, sei das Umsatzwachstum auf nur 3 Prozent gesunken. Trotz des höheren Netto-Gewinns sei der Cash Flow in 2003 um 22 Prozent eingebrochen, und ein Drittel der Bar-Reserven sei bereits aufgebraucht.
Zwei Aufstufungen vermochten den Aktien am Montag keine Kraft zu geben. Die Analysten von Sanford Bernstein heben den Brauseriesen Coca-Cola auf „Outperform“. Man geht davon aus, dass die Aktie positiv auf anstehende starke Ergebnisse reagiere, der Dow-notierte Konzern dürfe über die nächsten Quartale nämlich unerwartet stark abschneiden. Darüber hinaus sieht man die Aktie zurzeit unter ihrer angemessenen Bewertung, zumal über die nächsten Monate mit erhöhter Rotation aus Wachstumsaktien in die defensiven Werte – darunter Coca-Cola – zu rechnen sei.
Das Brokerhaus Thomas Weisel ist optimistisch für den Pharma-Konzern Merck, den man auf „Überdurchschnittlicher Marktperformer“ aufstuft. Die Bewertung liege am unteren Ende der historischen Spanne. Auch im Vergleich zu anderen Pharma-Aktien wird die Aktie mit einem Abschlag von 20 Prozent gehandelt. Bedenken, dass die US-Gesundheitsbehörde den Zulassungsprozess für das neue Schmerzmittel Arcoxia ablehnen würde, seien nicht länger angebracht. Für zusätzliches Wachstum dürfte in den nächsten zwei Jahren auch der neue Cholesterin-Senker Vytorin sorgen.
Lars Halter - © Wall Street Correspondents Inc.