Der Abgang von Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hat die Branche überrascht. Allerdings ist er nicht der erste Medienmanager, der dieses Jahr vorzeitig sein Unternehmen verlassen mussten. Die Beispiele zeigen: In Krisenzeiten haben es Visionäre schwer.
Hamburg – Als Thomas Middelhoff 1998 Bertelsmann-Chef wurde, verordnete er dem angestaubten Medienunternehmen eine Kulturrevolution. Die Kommunikation sollte fortan via E-Mail laufen. Auf akademische Titel wurde verzichtet. Statt in der obersten Etage des New Yorker Bertelsmann-Towers residierte der neue Konzernlenker in der Mitte des Gebäudes.
Die Neuausrichtung beschränkte sich nicht auf die internen Umgangsformen. Das gesamte Unternehmen bekam einen Kurswechsel verordnet. Middelhoff hatte die Vision vom weltweit agierenden integrierten Medienkonzern, der noch die kleinsten Synergien nutzen sollte. Ins Zentrum rückte das damals noch begeistert gefeierte Internet. Folglich expandierte Bertelsmann unter Middelhoff vor allem in der "Neuen Wirtschaft". Pixelpark, Napster, BOL, und Handy.de sind einst stolze Namen aus dieser Ära.
Heute stehen die Internetbeteiligungen nicht mehr für Aufbruch, sondern für Zusammenbruch. Sie sind für Bertelsmann zur Dauerbaustelle geworden. Das Jahr 2001 schloss Pixelpark mit einem Rekordverlust von 86 Millionen Euro ab.
Napster musste Anfang Juni Insolvenz anmelden, um sich vor weiteren Forderungen der klagenden Musikindustrie zu schützen. Im vergangenen Geschäftsjahr betrugen die Internetverluste im Gesamtkonzern rund 880 Millionen Euro. Mit dem Ende des Internetbooms erhielt auch Middelhoffs Traum von der totalen Integration einen Dämpfer.
Rotstift statt Expansion
Da zauberte der stets jugendlich wirkende Medienmanager jedoch seine nächste Version aus dem Hut. Bis 2005 sollte Bertelsmann reif für den Börsengang gemacht werden. Middelhoff verfolgte diesen Plan genauso offensiv, wie er zuvor die Modernisierung und die Neuausrichtung vorangetrieben hatte – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.
Statt zu expandieren griff er jetzt zum Rotstift. "Wir müssen unsere Kräfte bündeln", sagte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Was nicht passt, wird seitdem passend gemacht - oder abgestoßen. Dabei verordnete er dem Konzern die zweite Radikalkur innerhalb weniger Jahre, da eben nicht nur die defizitären Dotcom-Buden veräußert werden sollten. So kam auch die bis dahin profitable Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer auf die Verkaufsliste.
Aufstand der alten Garde
Mit diesem Manöver brachte Middelhoff die alte Garde gegen sich auf. Bertelsmann-Manager Jürgen Richter verließ erbost das Unternehmen. Letztendlich stolperte Middelhoff aber wohl über die ablehnende Haltung der Familie Mohn.
Während der Konzernchef den Einfluss der Mehrheitseigentümer im Rahmen des Börsengangs beschneiden wollte, beharrte der Clan um Firmenpatriarch Reinhard Mohn auf seine Machtposition. Am Ende soll Middelhoff von Mohn-Gattin Liz persönlich erfahren haben, dass es um seine Kapitalmarktpläne schlecht bestellt sei.
Der Fall des Thomas Middelhoff ist symptomatisch für die krisengeschüttelte Medienbranche. Manager, die in den Boomzeiten ihre Unternehmen mit ehrgeizigen Plänen zu neuen Höhen führen wollten, geraten jetzt zunehmend auf die Verliererstraße. Nicht nur Bertelsmann-Manager Middelhoff, der dem Unternehmen zwischenzeitlich Umsätze und Gewinne in Rekordhöhe bescherte, wurde am Ende ein Opfer der eigenen Visionen. Das Jahr 2002 hat einige tiefe Stürze der ehemals wegen ihrer Weitsicht gepriesenen Spitzenkräfte gesehen.
Zum Beispiel den von Jean-Marie Messier. Der ehemalige Vivendi-Universal-Chef wird derzeit oft mit Middelhoff in einem Atemzug genannt. Nicht nur, weil Messier genau wie sein deutscher Kollege einem Medienkonzern vorstand und diesen mittlerweile verlassen musste. Auch persönlich liegen beide auf einer Linie. "Er ist ein hochintelligenter Manager und er hatte eine Vision", sagte der Bertelsmann-Chef über seinen französischen Kollegen Mitte Juni.
Warnung an Middelhoff
Dessen Schicksal hätte Middelhoff indes eine Warnung sein müssen. Denn auch Messier scheiterte an seinen eigenen hochgesteckten Vorgaben. Aus dem kleinen französischen Wasserversorger hatte er innerhalb weniger Jahre durch aggressive Zukaufspolitik in der Film-, Musik-, Fernseh-, und Telekommunikationsbranche den zweitgrößten Medienkonzern der Welt geschmiedet.
Das Wachstum war teuer erkauft. Am Ende saß der Konzernlenker auf 19 Milliarden Euro Schulden. Als Vivendi dann auch noch ein Rekordverlust von 13,6 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr anfiel, verloren die Aktionäre endgültig das Vertrauen und flüchteten in Scharen. Alarmiert von den Kursverlusten zog der Aufsichtsrat die Notbremse und trieb Messier aus dem Amt.
Der Traum vom Monopol
Ähnlich spektakulär wie der Abgang des Franzosen war auch der Fall des wohl bekanntesten deutschen Medienvisionärs Leo Kirch. Der legte im April eine der größten Unternehmenspleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte hin. Auch er hatte sich an seinen eigenen Plänen verhoben.
Kirch nannte es einmal seinen schönsten Traum, "ein Monopol zu haben". Im Bereich Pay-TV hätte er seine Vision auch beinahe umsetzen können. Aber nur beinahe, denn der Traum war ausgesprochen teuer. Das Geld lieh er sich vor allem bei den Banken. So lange es in der Medienbranche bergauf ging, spielten die Kreditgeber sein defizitäres Spiel mit. Doch nachdem der Konjunkturmotor ins Stottern geriet, flossen auch die Geldströme langsamer, um schließlich gänzlich zu versiegen. Der Traum vom Monopol wurde zum Alptraum der Insolvenz.
Auch beim weltweit größten Medienkonzern AOL Time Warner verschwinden die Visionäre von den Entscheiderposten. Zuletzt nahm COO Bob Pittmann seinen Hut. Pittmans Name wird allgemein mit hochfliegenden Wachstumsprognosen für die Zeit nach der Fusion des New-Economy-Stars AOL mit dem Old-Economy-Konzern Time Warner in Verbindung gebracht. Allerdings sind diese Ziele nie erreicht worden. Zuletzt wurde Pittman im April zur Rettung der erlahmenden AOL-Sparte abgestellt, die den Aktienkurs nach unten gezogen hat.
Auch dort konnte das "Internet-Wunderkind" ("Die Welt") nichts bewirken. Schon werden Stimmen laut, die die defizitäre Internetsparte abstoßen wollen. Für Pittman war in dieser Situation kein Platz mehr. Da weder die Sanierung von AOL klappte noch sich der erhoffte Fusionserfolg einstellte, musste er das Unternehmen verlassen.
Besonders deutlich wird das Ende der Visionärskultur bei einem Blick auf die Nachfolger der gescheiterten Vordenker. Bei AOL Time Warner etwa sitzen jetzt die Old-Economy-Vertreter der Time-Warner-Gruppe an den Schalthebeln. Bei Kirch haben die Insolvenzverwalter das Sagen, die den Konzern fit für den Verkauf machen wollen. Vivendi Universal leitet jetzt der ehemalige Vize-Aufsichtsratschef des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis Jean-René Fourtou. Die Geschicke bei Bertelsmann lenkt der weithin unbekannte Manager Gunter Thielen.
Ob die Neuen es besser machen, erscheint fraglich. Gerade bei Bertelsmann und bei Vivendi drängt sich der Verdacht auf, dass hier Notlösungen installiert wurden.
Die Visionäre gehen, die Sanierer kommen. In Krisenzeiten igeln sich die Konzerne ein. "Bewahren des Bestandes", "Keine Experimente" oder "Retten, was zu retten ist" lauten die Devisen. Für ehrgeizige Zukunftspläne von integrierten Medienkonzernen gibt es wenig Raum. Die Beispiele zeigen, dass es nur eine Alternative gibt, wenn der Rollentausch der Manager vom Visionär zum Sanierer nicht gelingt: den vorzeitigen Abgang.
mm.de
Hamburg – Als Thomas Middelhoff 1998 Bertelsmann-Chef wurde, verordnete er dem angestaubten Medienunternehmen eine Kulturrevolution. Die Kommunikation sollte fortan via E-Mail laufen. Auf akademische Titel wurde verzichtet. Statt in der obersten Etage des New Yorker Bertelsmann-Towers residierte der neue Konzernlenker in der Mitte des Gebäudes.
Die Neuausrichtung beschränkte sich nicht auf die internen Umgangsformen. Das gesamte Unternehmen bekam einen Kurswechsel verordnet. Middelhoff hatte die Vision vom weltweit agierenden integrierten Medienkonzern, der noch die kleinsten Synergien nutzen sollte. Ins Zentrum rückte das damals noch begeistert gefeierte Internet. Folglich expandierte Bertelsmann unter Middelhoff vor allem in der "Neuen Wirtschaft". Pixelpark, Napster, BOL, und Handy.de sind einst stolze Namen aus dieser Ära.
Heute stehen die Internetbeteiligungen nicht mehr für Aufbruch, sondern für Zusammenbruch. Sie sind für Bertelsmann zur Dauerbaustelle geworden. Das Jahr 2001 schloss Pixelpark mit einem Rekordverlust von 86 Millionen Euro ab.
Napster musste Anfang Juni Insolvenz anmelden, um sich vor weiteren Forderungen der klagenden Musikindustrie zu schützen. Im vergangenen Geschäftsjahr betrugen die Internetverluste im Gesamtkonzern rund 880 Millionen Euro. Mit dem Ende des Internetbooms erhielt auch Middelhoffs Traum von der totalen Integration einen Dämpfer.
Rotstift statt Expansion
Da zauberte der stets jugendlich wirkende Medienmanager jedoch seine nächste Version aus dem Hut. Bis 2005 sollte Bertelsmann reif für den Börsengang gemacht werden. Middelhoff verfolgte diesen Plan genauso offensiv, wie er zuvor die Modernisierung und die Neuausrichtung vorangetrieben hatte – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.
Statt zu expandieren griff er jetzt zum Rotstift. "Wir müssen unsere Kräfte bündeln", sagte er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Was nicht passt, wird seitdem passend gemacht - oder abgestoßen. Dabei verordnete er dem Konzern die zweite Radikalkur innerhalb weniger Jahre, da eben nicht nur die defizitären Dotcom-Buden veräußert werden sollten. So kam auch die bis dahin profitable Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer auf die Verkaufsliste.
Aufstand der alten Garde
Mit diesem Manöver brachte Middelhoff die alte Garde gegen sich auf. Bertelsmann-Manager Jürgen Richter verließ erbost das Unternehmen. Letztendlich stolperte Middelhoff aber wohl über die ablehnende Haltung der Familie Mohn.
Während der Konzernchef den Einfluss der Mehrheitseigentümer im Rahmen des Börsengangs beschneiden wollte, beharrte der Clan um Firmenpatriarch Reinhard Mohn auf seine Machtposition. Am Ende soll Middelhoff von Mohn-Gattin Liz persönlich erfahren haben, dass es um seine Kapitalmarktpläne schlecht bestellt sei.
Die tiefen Stürze der Spitzenkräfte
Der Fall des Thomas Middelhoff ist symptomatisch für die krisengeschüttelte Medienbranche. Manager, die in den Boomzeiten ihre Unternehmen mit ehrgeizigen Plänen zu neuen Höhen führen wollten, geraten jetzt zunehmend auf die Verliererstraße. Nicht nur Bertelsmann-Manager Middelhoff, der dem Unternehmen zwischenzeitlich Umsätze und Gewinne in Rekordhöhe bescherte, wurde am Ende ein Opfer der eigenen Visionen. Das Jahr 2002 hat einige tiefe Stürze der ehemals wegen ihrer Weitsicht gepriesenen Spitzenkräfte gesehen.
Zum Beispiel den von Jean-Marie Messier. Der ehemalige Vivendi-Universal-Chef wird derzeit oft mit Middelhoff in einem Atemzug genannt. Nicht nur, weil Messier genau wie sein deutscher Kollege einem Medienkonzern vorstand und diesen mittlerweile verlassen musste. Auch persönlich liegen beide auf einer Linie. "Er ist ein hochintelligenter Manager und er hatte eine Vision", sagte der Bertelsmann-Chef über seinen französischen Kollegen Mitte Juni.
Warnung an Middelhoff
Dessen Schicksal hätte Middelhoff indes eine Warnung sein müssen. Denn auch Messier scheiterte an seinen eigenen hochgesteckten Vorgaben. Aus dem kleinen französischen Wasserversorger hatte er innerhalb weniger Jahre durch aggressive Zukaufspolitik in der Film-, Musik-, Fernseh-, und Telekommunikationsbranche den zweitgrößten Medienkonzern der Welt geschmiedet.
Das Wachstum war teuer erkauft. Am Ende saß der Konzernlenker auf 19 Milliarden Euro Schulden. Als Vivendi dann auch noch ein Rekordverlust von 13,6 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr anfiel, verloren die Aktionäre endgültig das Vertrauen und flüchteten in Scharen. Alarmiert von den Kursverlusten zog der Aufsichtsrat die Notbremse und trieb Messier aus dem Amt.
Der Traum vom Monopol
Ähnlich spektakulär wie der Abgang des Franzosen war auch der Fall des wohl bekanntesten deutschen Medienvisionärs Leo Kirch. Der legte im April eine der größten Unternehmenspleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte hin. Auch er hatte sich an seinen eigenen Plänen verhoben.
Kirch nannte es einmal seinen schönsten Traum, "ein Monopol zu haben". Im Bereich Pay-TV hätte er seine Vision auch beinahe umsetzen können. Aber nur beinahe, denn der Traum war ausgesprochen teuer. Das Geld lieh er sich vor allem bei den Banken. So lange es in der Medienbranche bergauf ging, spielten die Kreditgeber sein defizitäres Spiel mit. Doch nachdem der Konjunkturmotor ins Stottern geriet, flossen auch die Geldströme langsamer, um schließlich gänzlich zu versiegen. Der Traum vom Monopol wurde zum Alptraum der Insolvenz.
Auch beim weltweit größten Medienkonzern AOL Time Warner verschwinden die Visionäre von den Entscheiderposten. Zuletzt nahm COO Bob Pittmann seinen Hut. Pittmans Name wird allgemein mit hochfliegenden Wachstumsprognosen für die Zeit nach der Fusion des New-Economy-Stars AOL mit dem Old-Economy-Konzern Time Warner in Verbindung gebracht. Allerdings sind diese Ziele nie erreicht worden. Zuletzt wurde Pittman im April zur Rettung der erlahmenden AOL-Sparte abgestellt, die den Aktienkurs nach unten gezogen hat.
Auch dort konnte das "Internet-Wunderkind" ("Die Welt") nichts bewirken. Schon werden Stimmen laut, die die defizitäre Internetsparte abstoßen wollen. Für Pittman war in dieser Situation kein Platz mehr. Da weder die Sanierung von AOL klappte noch sich der erhoffte Fusionserfolg einstellte, musste er das Unternehmen verlassen.
Sanierer statt Visonäre
Besonders deutlich wird das Ende der Visionärskultur bei einem Blick auf die Nachfolger der gescheiterten Vordenker. Bei AOL Time Warner etwa sitzen jetzt die Old-Economy-Vertreter der Time-Warner-Gruppe an den Schalthebeln. Bei Kirch haben die Insolvenzverwalter das Sagen, die den Konzern fit für den Verkauf machen wollen. Vivendi Universal leitet jetzt der ehemalige Vize-Aufsichtsratschef des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis Jean-René Fourtou. Die Geschicke bei Bertelsmann lenkt der weithin unbekannte Manager Gunter Thielen.
Ob die Neuen es besser machen, erscheint fraglich. Gerade bei Bertelsmann und bei Vivendi drängt sich der Verdacht auf, dass hier Notlösungen installiert wurden.
Die Visionäre gehen, die Sanierer kommen. In Krisenzeiten igeln sich die Konzerne ein. "Bewahren des Bestandes", "Keine Experimente" oder "Retten, was zu retten ist" lauten die Devisen. Für ehrgeizige Zukunftspläne von integrierten Medienkonzernen gibt es wenig Raum. Die Beispiele zeigen, dass es nur eine Alternative gibt, wenn der Rollentausch der Manager vom Visionär zum Sanierer nicht gelingt: den vorzeitigen Abgang.
mm.de