Europa leidet unter Konjunkturflaute
Hamburg (dpa) - Deutschland ist mit seiner Konjunkturdelle nicht allein. Nach unten revidierte Wachstumsprognosen, sinkende Nachfrage, steigende Arbeitslosigkeit - in vielen europäischen Staaten ist die Schwäche der Weltwirtschaft zu spüren.
Die EU-Kommission reduzierte bereits im Sommer ihre Wachstumserwartung 2001 für Euroland von 2,8 auf 2,0 bis 2,5 Prozent. Nach den Terroranschlägen in den USA rechnet sie noch mit rund 1,5 Prozent, und nächstes Jahr soll es nicht viel besser aussehen.
Mit den Folgen der Attentate hat vor allem Griechenland zu kämpfen - dort macht sich das Ausbleiben amerikanischer Touristen besonders bitter bemerkbar. Die Übernachtungszahlen gingen im September um 30 Prozent zurück, der Bereich Kreuzfahrten ist nach Angaben des Reederverbands «ruiniert» - bislang kamen 90 Prozent der Passagiere aus den USA.
14 Schiffe haben endgültig für dieses Jahr in Piräus angelegt und ihr Personal entlassen. Die Krise trifft die gesamte Wirtschaft: Während die Regierung zunächst von 4,5 Prozent Wachstum für 2002 ausging, erwartet sie jetzt bestenfalls 3,1 bis 3,2 Prozent.
Den Appetit nicht verderben ließen sich die Franzosen: Wie Anfang der Woche bekannt wurde, stieg der private Konsum im September um 0,2 Prozent. Experten hatten mit einem deutlichen Rückgang gerechnet und sprachen von einer «schönen Überraschung». Dazu bleibt die Inflation schwächer als sonst in Europa.
Anfang Oktober war die Wachstumsprognose 2001 für das Land vom staatlichen Statistikamt leicht von 2,3 auf 2,1 Prozent abgesenkt worden. Dabei waren allerdings mögliche Auswirkungen der Anschläge vom 11. September noch nicht berücksichtigt. Ursprünglich waren die Statistiker von 3 Prozent Wachstum ausgegangen, nach 3,4 Prozent im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote steigt in Frankreich wieder leicht an und erreichte im August 9,0 Prozent.
Zurückhaltung der Verbraucher, Abschwächung des Wachstums und die höchste Inflationsrate im EU-Vergleich kennzeichnen die Situation in den Niederlanden. Die Regierung geht davon aus, dass das noch im September prognostizierte Wachstum von 2 Prozent im kommenden Jahr nicht erreicht wird. Erwartungen bewegen sich zwischen 0,5 und 1,4 Prozent. Finanzminister Gerrit Zalm zeigte sich kaum beunruhigt: Die Niederlande könnten es sich erlauben, wenn der Staatshaushalt nach Jahren des Überschusses mal ein Defizit zeigen sollte, sagte er Mitte Oktober im Parlament.
Auch in Österreich haben die Wirtschaftsforscher ihre Prognosen gesenkt. Die Gefahr einer Rezession sehen sie aber nicht. Für das laufende Jahr erwarten sie ein Wachstum von 1,3 bis 1,4 Prozent; im Juni lag die Prognose noch bei 1,8 Prozent. Optimistischer sehen die Forscher in Wien den privaten Konsum. Dennoch befürchtet der Handel für das Weihnachtsgeschäft massive Einbußen.
In Spanien ging das Wirtschaftswachstum im 2. Quartal von 3,3 auf 3,0 Prozent zurück. Die Regierung musste im Laufe des Jahres ihre Prognose mehrfach nach unten korrigieren. Für das kommende Jahr geht sie in ihrem Haushaltsentwurf von 2,9 Prozent Wachstum aus. Viele Experten halten diese Annahme für wenig realistisch und erwarten im günstigsten Fall 2,5 Prozent.
Die Flaute macht an den Grenzen der Eurozone nicht halt - ziemlich heftig erwischte es die Schweiz. Dort wird bereits von einem «schwarzen September» für den Schweizer Außenhandel gesprochen: Die Exporte gingen um 9,3 Prozent zurück. Schweizer Großbanken haben ihre Wachstumsprognosen ohnehin nach unten geschraubt: Sie rechnen mit 1,7 Prozent in diesem und 1,5 Prozent im nächsten Jahr. Die Arbeitslosenquote soll im Winter auf deutlich über 2 Prozent steigen.
17:19 am 24.10.2001 - Ressort: Wirtschaft