M-M: Der Mythos von der Weltverbesserung


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M-M: Der Mythos von der Weltverbesserung

 
04.02.02 12:24
Von draußen sieht die Welt meist anders aus als von drinnen. Diese schlichte Erfahrung gilt auch für das World Economic Forum (WEF) - und ganz speziell für die diesjährige Tagung in New York.

New York - Da werden derzeit lauter Missverständnisse und Mythen kolportiert. Allein die Behauptung, die Gäste im Kongress-Hotel lebten wie Inhaftierte, sorgt für Irritation. Wahr ist: Das Hotel wird von Tausenden von Polizisten bewacht, die Straßen rundum gleichen leblosen Steinschluchten. Rein ins Waldorf darf nur, wer den begehrten "Badge" besitzt - ein Plastikschildchen mit Name, Bild und eingeschweißtem Chip. Die Presse gehört nicht zu diesem erlauchten Kreis, bis auf eine Handvoll Medienvertreter bleiben Kameras ausgesperrt.

Raus aus dem Hotel darf selbstverständlich jeder. Und jedermann kann sich problemlos in der Stadt bewegen. Kein Teilnehmer ist bislang von Demonstranten bedrängt worden. Ungemach bereitet den WEF-Teilnehmern vielmehr das Chaos innerhalb des Tagungshotels. Da warten die renommiertesten Unternehmenslenker fünf oder zehn Minuten im Pulk von einem Dutzend gleichsam Betroffener vor den Hotelaufzügen. Entnervt kapituliert so mancher und schleicht sich die schäbige Dienstbotentreppe hinunter, um den nächsten Termin nicht zu verpassen.

Das Waldorf ist dem Ansturm nicht gewachsen

Schlangen, wohin man sieht: bei der Leibesvisitation an den Hoteleingängen, dem Frühstücksbüfett, vor den Seminarräumen. Überall lungern Bodyguards, Polizisten, Sicherheitspersonal. Der Gipfel der Kontrolle, der Gipfel der Warteschlangen. Das Waldorf Astoria ist dem Ansturm der WEF-Teilnehmer und ihrer Entourage nicht gewachsen.

Dem Chaos entrinnt, wer eine Veranstaltung außerhalb des Kongresshotels besucht. Und deren gibt es zahllose. Eine Tatsache, in der das zweite, gravierende Missverständnis liegt: Nicht die im umfangreichen Programm ausgeschriebenen Workshops und Sessions locken die Hochmögenden zum Weltwirtschaftsgipfel - was zählt, sind die von den Firmen und Regierungen organisierten Mittag- und Abendessen, große Cocktail-Empfänge und traute Kamingespräche.

Man sieht sich und plaudert

Egal ob Davos oder New York - das Weltwirtschaftsforum ist im Kern eine gigantische Netzwerkparty, für die das offizielle Programm nur den Rahmen bildet. Beredtes Beispiel lieferte Bundeskanzler Gerhard Schröder, der am vergangenen Freitag im Ballsaal des Waldorf eine Ansprache hielt. "Bis morgens um 2 Uhr", so einer, der dabei war, habe der Kanzler mit Auserwählten geplauscht und getrunken. Am Freitag dann, nach seiner Rede, traf sich Schröder mit vorher selektierten Topmanagern zum Mittagessen.

Ähnlich hält es DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp. Er nutzte in den Vorjahren den WEF-Gipfel gerne zu exklusiven Zusammenkünften mit wichtigen Gesprächspartnern in einem abgelegenen Gasthof in den Davoser Bergen. Der Kongress selbst hat ihn nicht interessiert.

Manche Treffen werden vom WEF sorgsam vorbereitet und tauchen doch in keiner offiziellen Agenda auf. Dann tauschen sich internationale Unternehmens-Repräsentanten bedeutsamer Branchen aus, zum Beispiel der Auto-, Chemie- und der Luftfahrtindustrie.

Gerade die rein auf Geschäft- und Lobbyarbeit ausgerichteten Governors-Meetings belegen, dass WEF-Gründer Klaus Schwab an einer Legende strickt, wenn er seinen Kongress unermüdlich als philantropische Veranstaltung preist. Das Forum sei "verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern", sagt Schwab in beinahe jeder Rede. Er selbst glaubt wahrscheinlich auch an seine Mission. Der überwiegenden Mehrheit hier in New York aber geht es um etwas ganz anderes: sehen und gesehen werden, Beziehungen anbahnen und pflegen, Geschäfte machen.

Und was ist mit den zahlreichen Workshops, die sich um soziale, ethische und ethnische Probleme ranken? Wer nimmt an Diskussionen über "Frauen in der muslimischen Welt" teil? Wer setzt sich mit der Frage auseinander, wie "religiöse Gräben" überbrückt werden können? Viele.

Auch die Gattinnen kommen zu ihrem Recht

So manchen Stuhl belegen die mitgereisten Gattinnen. Und auch die meist männliche Elite findet sich zu solchen Veranstaltungen ein. Es kann ja nichts schaden, auch mal über die Wände des eigenen Büros hinauszublicken. So gesehen stören sich die wenigsten an der wachsenden Schar von Exoten, die seit zwei, drei Jahren den Kongress bevölkern. Religiöse Würdenträger im Ornat geben sich selbst bei der WEF-Gala Soiree in der New Yorker Börse ein Stelldichein. Vertreter von Friedensgruppen und Umweltschutzverbänden sind offiziell geladen, ebenso Gewerkschafter.

"Schau mal, da drüben steht Bischof Tutu", raunt eine Gattin ihrem Mann zu. Ist doch interessant, so jemanden von der Nähe zu sehen, ihm gar die Hand zu schütteln.

Globalisierungskritiker mit dabei

Tatsache aber ist: Klaus Schwab hat die Themen und Gästeliste als Rechtfertigung gegenüber den Globalisierungskritikern erweitert. Eine richtige und wichtige Geste, die dazu beitragen mag, das Bewusstsein von Managern und Politikern zu schärfen für das, was die Menschen bewegt, die vor dem Waldorf demonstrieren. Mehr kann das Forum nicht leisten. Wer glaubt, das WEF könne die Welt verbessern, sitzt einem Mythos auf.

Noch eine Nachbemerkung: Die Amerikaner, die schon in den zurückliegenden Jahren das Geschehen in Davos dominierten und jetzt in New York in der absoluten Übermacht sind, lassen sich auf das Brimborium um die heilbringende Wirkung des WEF gar nicht erst ein. Unverblümt forderten der neue Bürgermeister Michael Bloomberg und sein Vorgänger Rudolph Giuliani in ihren Reden die Teilnehmer auf, doch bitte schön "in New York einkaufen zu gehen" und möglichst viele Dollars in der Stadt zu lassen.

Jeder erhält eine Mastercard mit 100 Dollar

Um die Lust am Geldausgeben zu steigern, erhielt jeder WEF-Gast eine Mastercard mit 100 Dollar Guthaben - ohne jede Verpflichtung. Das Nobel-Kaufhaus Saks an der Fifth Avenue hinterließ einen Geschenkgutschein im Wert von 50 Dollar, gültig bei einem Einkauf von mehr als 100 Dollar.

Zumindest die Amerikaner haben erkannt, was sich hinter dem World Economic Forum verbirgt: Business, nichts als Business.

manager-magazin-Redakteurin Ursula Schwarzer

Quelle: www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,180651,00.html
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