Geldpolitik
Leitzinssenkung im zweiten Quartal erwartet
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihren Leitzins noch in diesem Quartal senken. Auf ihrer Sitzung am morgigen Donnerstag wird sie diesen wichtigen Zins aber unverändert bei 2,50 Prozent belassen. Davon geht die große Mehrheit der europäischen Bankenvolkswirte aus. Mit Spannung wird jedoch erwartet, wie sich EZB-Präsident Wim Duisenberg nach der Sitzung des EZB-Rats zur wirtschaftlichen Lage im Euroraum äußert. Die Banken erhoffen sich davon Aufschluß, ob der nächste Zinsschritt um 0,25 oder um 0,50 Prozentpunkte nach unten geht, um sich an den Zinsterminmärkten entsprechend zu positionieren.
Angesichts der Unsicherheit über die Auswirkungen des Irak-Krieges hat es Bundesbankpräsident und EZB-Rat Ernst Welteke als unwahrscheinlich bezeichnet, daß sich die EZB schon am Donnerstag zu einer Leitzinssenkung entschließt. Ähnlich haben sich vor der Sitzung, die diesmal in Rom stattfindet, auch mehrere seiner Ratskollegen geäußert. Abgesehen davon würde eine Zinssenkung am Donnerstag diejenigen Kritiker bestärken, die die EZB-Leitzinssenkung um 0,25 Prozentpunkte vor einem Monat als "faulen Kompromiß" bezeichnet haben, meint Holger Fahrinkrug. Der Volkswirt bei UBS Warburg hält angesichts der Stimmungsverschlechterung einen Zinsschritt schon am Donnerstag für angebracht, rechnet jedoch nicht damit.
Fahrinkrug erwartet allerdings noch im Mai oder Juni eine Zinssenkung auf 2,25 Prozent. Im dritten Quartal dürfte der Leitzins dann noch einmal um weitere 50 Basispunkte fallen. Daß die Jahresinflation im März wieder 2,4 Prozent betragen hat und damit den achten Monat in Folge oberhalb des EZB-Ziels von 2,0 Prozent lag, spricht für ihn nicht gegen eine Leitzinssenkung. Der Grund für die Teuerung liege vor allem im Anstieg der Energiepreise - gegen den die EZB machtlos sei. Sollten die Energiepreise hoch bleiben, dämpfe dies aber das Wirtschaftswachstum und damit den Spielraum der Unternehmen zu Preiserhöhungen.
Ähnlich wie Fahrinkrug schätzen derzeit viele Ökonomen die wirtschaftliche Lage und deren Auswirkungen auf die EZB-Leitzinsen ein. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters erwarten 43 von 55 befragten Fachleuten für Donnerstag keinen Zinsschritt. 49 rechnen allerdings für Mai oder Juni mit einer Zinssenkung.
Ulrich Beckmann, EZB-Beobachter bei der Deutschen Bank in Frankfurt, sagt einen Trippelschritt von 25 Basispunkten voraus, wenn sich die EZB schon im Mai zu einer Zinssenkung entschließen sollte. Warte sie bis Juni, dürfte dann ein Schritt von 50 Punkten kommen. Beckmann begründet diese Prognose so: Je länger der Krieg im Irak und damit die Unsicherheit von Verbrauchern und Unternehmen dauere, desto tiefer nach unten verschiebe sich die konjunkturelle Talsohle. Deshalb brauche die Wirtschaft im Juni eher mehr kräftigen Rückenwind in Form einer Zinssenkung als im Mai. Die Inflationsgefahr hält Beckmann angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums für begrenzt. Derzeit stehe für ihn eher das Risiko deflationärer Tendenzen in einigen Ländern des Euroraums im Vordergrund.
Indes favorisieren die Spekulanten an den Zinsterminmärkten derzeit ein eher optimistisches Szenario. Wie sich aus den Kursen ablesen läßt, wird bis Juni eine EZB-Leitzinssenkung um 0,25 Punkte auf 2,25 Prozent erwartet. Doch wird die Wahrscheinlichkeit, daß es im dritten Quartal mit dem Leitzins weiter nach unten geht, derzeit als sehr gering eingeschätzt.
bf. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2003, Nr. 78 / Seite 25
Europäische Zentralbank
Duisenberg geht in die Verlängerung
03. April 2003 Die Finanzminister der Europäischen Union werden Wim Duisenberg, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), wahrscheinlich bitten, länger im Amt zu bleiben. Das melden mehrere Zeitungen mit Verweis auf Brüsseler Kreise.
Die „Financial Times Deutschland“ berichtet, dass die Finanzminister Duisenberg um eine Verlängerung um sechs Monate bitten wollten. Dieser Beschluss solle am Wochenende gefasst werden, an dem der Rat der Wirtschafts- und Finanzminister (Ecofin) tagen wird. Auch Frankreich soll dem zugestimmt haben.
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Das französische Problem
Duisenberg wollte ursprünglich aus Altersgründen an seinem 68. Geburtstag am 9. Juli dieses Jahres zurücktreten. Problematisch ist freilich, dass sein informell vorbestimmter Nachfolger, der Franzose Jean-Claude Trichet, dann wahrscheinlich noch nicht zur Verfügung steht. Trichet, der Chef der französischen Notenbank, verantwortet sich in Paris vor Gericht wegen des Vorwurfs der Bilanzfälschung im Skandal um Crédit Lyonnais. Das Urteil wird erst am 18. Juni veröffentlicht. Das wäre zwei Tage vor dem Gipfel der EU-Staatschefs, aber doch zu spät, um Trichet offiziell zum Nachfolger Duisenbergs zu küren. Schließlich sind Anhörungen zu absolvieren und Stellungnahmen einzuholen, bevor ein EZB-Präsident ernannt werden kann.
Mit einer Verlängerung des Mandats von Duisenberg könnte Trichet nach einem überzeugenden Freispruch wohl doch noch EZB-Präsident werden. Bei einer Verurteilung und einer eventuellen Revisionsklage Trichets hätte Frankreich zumindest mehr Zeit gewonnen, nach einem geeigneten Ersatzkandidaten für Trichet zu suchen.
Die Absprachen von 1998
Bei der Ernennung Duisenbergs im Mai 1998 hatten die anderen EU-Staaten dem französischen Druck nachgegeben und Paris informell zugesichert, dass wenn schon nicht der erste EZB-Präsident, dann wenigstens der Nachfolger Duisenbergs ein Franzose sein werde. Zugleich hatte Duisenberg, um die damals verfahrene Situation zu retten, eine persönliche Erklärung abgegeben. Darin kündigte er einen Rücktritt nach seiner freien Entscheidung vor Ablauf seiner regulären Amtszeit 2006 an. Wie groß der politische Druck damals auf Duisenberg war, ist umstritten. Beteiligte streiten ab, dass Druck ausgeübt worden sei, oder aber sie schweigen.
Duisenberg hatte bei der Ankündigung seines Rücktritts im Februar 2002 schon gesagt, dass er im Interesse eines glatten Übergangs auch für einige Zeit länger im Amt bleiben werde, falls ihn die Staatschefs darum bitten würden.
Freie Bahn für Tumpel-Gugerell?
Den Zeitungsberichten folgend wollen die EU-Finanzminister am Wochenende auch beschließen, dass die Vizechefin der Oesterreichischen Nationalbank , Gertrude Tumpel-Gugerell, im Juni ins EZB-Direktorium aufrücken soll. Tumpel-Gugerell ist Favoritin für die Nachfolge der Finnin Sirkka Hämäläinen, die im Mai turnusgemäß ausscheidet. Widerstand gegen diese Personalentscheidung könnte noch aus Belgien kommen, das an seinem Kandidaten Paul de Grauwe festhält.
Leitzinssenkung im zweiten Quartal erwartet
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihren Leitzins noch in diesem Quartal senken. Auf ihrer Sitzung am morgigen Donnerstag wird sie diesen wichtigen Zins aber unverändert bei 2,50 Prozent belassen. Davon geht die große Mehrheit der europäischen Bankenvolkswirte aus. Mit Spannung wird jedoch erwartet, wie sich EZB-Präsident Wim Duisenberg nach der Sitzung des EZB-Rats zur wirtschaftlichen Lage im Euroraum äußert. Die Banken erhoffen sich davon Aufschluß, ob der nächste Zinsschritt um 0,25 oder um 0,50 Prozentpunkte nach unten geht, um sich an den Zinsterminmärkten entsprechend zu positionieren.
Angesichts der Unsicherheit über die Auswirkungen des Irak-Krieges hat es Bundesbankpräsident und EZB-Rat Ernst Welteke als unwahrscheinlich bezeichnet, daß sich die EZB schon am Donnerstag zu einer Leitzinssenkung entschließt. Ähnlich haben sich vor der Sitzung, die diesmal in Rom stattfindet, auch mehrere seiner Ratskollegen geäußert. Abgesehen davon würde eine Zinssenkung am Donnerstag diejenigen Kritiker bestärken, die die EZB-Leitzinssenkung um 0,25 Prozentpunkte vor einem Monat als "faulen Kompromiß" bezeichnet haben, meint Holger Fahrinkrug. Der Volkswirt bei UBS Warburg hält angesichts der Stimmungsverschlechterung einen Zinsschritt schon am Donnerstag für angebracht, rechnet jedoch nicht damit.
Fahrinkrug erwartet allerdings noch im Mai oder Juni eine Zinssenkung auf 2,25 Prozent. Im dritten Quartal dürfte der Leitzins dann noch einmal um weitere 50 Basispunkte fallen. Daß die Jahresinflation im März wieder 2,4 Prozent betragen hat und damit den achten Monat in Folge oberhalb des EZB-Ziels von 2,0 Prozent lag, spricht für ihn nicht gegen eine Leitzinssenkung. Der Grund für die Teuerung liege vor allem im Anstieg der Energiepreise - gegen den die EZB machtlos sei. Sollten die Energiepreise hoch bleiben, dämpfe dies aber das Wirtschaftswachstum und damit den Spielraum der Unternehmen zu Preiserhöhungen.
Ähnlich wie Fahrinkrug schätzen derzeit viele Ökonomen die wirtschaftliche Lage und deren Auswirkungen auf die EZB-Leitzinsen ein. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters erwarten 43 von 55 befragten Fachleuten für Donnerstag keinen Zinsschritt. 49 rechnen allerdings für Mai oder Juni mit einer Zinssenkung.
Ulrich Beckmann, EZB-Beobachter bei der Deutschen Bank in Frankfurt, sagt einen Trippelschritt von 25 Basispunkten voraus, wenn sich die EZB schon im Mai zu einer Zinssenkung entschließen sollte. Warte sie bis Juni, dürfte dann ein Schritt von 50 Punkten kommen. Beckmann begründet diese Prognose so: Je länger der Krieg im Irak und damit die Unsicherheit von Verbrauchern und Unternehmen dauere, desto tiefer nach unten verschiebe sich die konjunkturelle Talsohle. Deshalb brauche die Wirtschaft im Juni eher mehr kräftigen Rückenwind in Form einer Zinssenkung als im Mai. Die Inflationsgefahr hält Beckmann angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums für begrenzt. Derzeit stehe für ihn eher das Risiko deflationärer Tendenzen in einigen Ländern des Euroraums im Vordergrund.
Indes favorisieren die Spekulanten an den Zinsterminmärkten derzeit ein eher optimistisches Szenario. Wie sich aus den Kursen ablesen läßt, wird bis Juni eine EZB-Leitzinssenkung um 0,25 Punkte auf 2,25 Prozent erwartet. Doch wird die Wahrscheinlichkeit, daß es im dritten Quartal mit dem Leitzins weiter nach unten geht, derzeit als sehr gering eingeschätzt.
bf. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2003, Nr. 78 / Seite 25
Europäische Zentralbank
Duisenberg geht in die Verlängerung
03. April 2003 Die Finanzminister der Europäischen Union werden Wim Duisenberg, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), wahrscheinlich bitten, länger im Amt zu bleiben. Das melden mehrere Zeitungen mit Verweis auf Brüsseler Kreise.
Die „Financial Times Deutschland“ berichtet, dass die Finanzminister Duisenberg um eine Verlängerung um sechs Monate bitten wollten. Dieser Beschluss solle am Wochenende gefasst werden, an dem der Rat der Wirtschafts- und Finanzminister (Ecofin) tagen wird. Auch Frankreich soll dem zugestimmt haben.
Das französische Problem
Duisenberg wollte ursprünglich aus Altersgründen an seinem 68. Geburtstag am 9. Juli dieses Jahres zurücktreten. Problematisch ist freilich, dass sein informell vorbestimmter Nachfolger, der Franzose Jean-Claude Trichet, dann wahrscheinlich noch nicht zur Verfügung steht. Trichet, der Chef der französischen Notenbank, verantwortet sich in Paris vor Gericht wegen des Vorwurfs der Bilanzfälschung im Skandal um Crédit Lyonnais. Das Urteil wird erst am 18. Juni veröffentlicht. Das wäre zwei Tage vor dem Gipfel der EU-Staatschefs, aber doch zu spät, um Trichet offiziell zum Nachfolger Duisenbergs zu küren. Schließlich sind Anhörungen zu absolvieren und Stellungnahmen einzuholen, bevor ein EZB-Präsident ernannt werden kann.
Mit einer Verlängerung des Mandats von Duisenberg könnte Trichet nach einem überzeugenden Freispruch wohl doch noch EZB-Präsident werden. Bei einer Verurteilung und einer eventuellen Revisionsklage Trichets hätte Frankreich zumindest mehr Zeit gewonnen, nach einem geeigneten Ersatzkandidaten für Trichet zu suchen.
Die Absprachen von 1998
Bei der Ernennung Duisenbergs im Mai 1998 hatten die anderen EU-Staaten dem französischen Druck nachgegeben und Paris informell zugesichert, dass wenn schon nicht der erste EZB-Präsident, dann wenigstens der Nachfolger Duisenbergs ein Franzose sein werde. Zugleich hatte Duisenberg, um die damals verfahrene Situation zu retten, eine persönliche Erklärung abgegeben. Darin kündigte er einen Rücktritt nach seiner freien Entscheidung vor Ablauf seiner regulären Amtszeit 2006 an. Wie groß der politische Druck damals auf Duisenberg war, ist umstritten. Beteiligte streiten ab, dass Druck ausgeübt worden sei, oder aber sie schweigen.
Duisenberg hatte bei der Ankündigung seines Rücktritts im Februar 2002 schon gesagt, dass er im Interesse eines glatten Übergangs auch für einige Zeit länger im Amt bleiben werde, falls ihn die Staatschefs darum bitten würden.
Freie Bahn für Tumpel-Gugerell?
Den Zeitungsberichten folgend wollen die EU-Finanzminister am Wochenende auch beschließen, dass die Vizechefin der Oesterreichischen Nationalbank , Gertrude Tumpel-Gugerell, im Juni ins EZB-Direktorium aufrücken soll. Tumpel-Gugerell ist Favoritin für die Nachfolge der Finnin Sirkka Hämäläinen, die im Mai turnusgemäß ausscheidet. Widerstand gegen diese Personalentscheidung könnte noch aus Belgien kommen, das an seinem Kandidaten Paul de Grauwe festhält.