Jubelstimmung verdeckt Gefahren


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Jubelstimmung verdeckt Gefahren

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19.02.06 09:00
Jubelstimmung verdeckt Gefahren

Die meisten Finanzexperten bleiben optimistisch für den Dax, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Gleichzeitig wachsen aber die Bedenken vor zu viel Euphorie
von Frank Stocker

Die deutsche Wirtschaft stagnierte im vierten Quartal des vergangenen Jahres. 0,0 Prozent betrug das "Wachstum" gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche mitteilte. Doch den Aktienmarkt interessierte das nicht. Der Dax hielt sich über 5700 Punkten. Seit Jahresanfang hat er schon fast sieben Prozent zugelegt.


Woher nehmen die Börsianer diese Zuversicht? "Alle übrigen Indikatoren deuten darauf hin, daß die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr deutlich wachsen wird", sagt Harald Jörg, Volkswirt bei der Dresdner Bank. Die Gewinne der 30 Dax-Unternehmen dürften ebenfalls deutlich ansteigen. "Hierzu paßt das Bild an der Börse recht gut", so Jörg.


Die meisten seiner Kollegen sehen das ähnlich, wie die monatliche Umfrage der "Welt am Sonntag" und der Münchener Forschungsgruppe "Südprojekt" unter 13 Experten aus den großen Banken ergab. Im Schnitt prognostizieren sie einen anhaltenden Aufwärtstrend an den Börsen, wenn auch leicht abgeschwächt. So sehen sie den Dax binnen sechs Monaten auf 5870 Punkte steigen.


"Die Bewertungen für deutsche Aktien sind immer noch vernünftig, und bei den Unternehmensgewinnen gibt es durchaus noch Raum für positive Überraschungen", sagt auch Hendrik Garz, Chefstratege für deutsche Aktien bei der WestLB in Düsseldorf. "Wir raten daher dazu, Papiere aus Euroland überzugewichten."


Das klingt sehr technisch. Was es bedeutet, wird klarer, wenn er die Zahlen dahinter nennt. So empfiehlt die WestLB konkret einen Anteil von 20 Prozent Aktien aus Euroland am Gesamtportfolio. Der Marktkapitalisierung dieses Anlagesektors entspreche nur ein Gewicht von 15 Prozent.


Auch dies sagt dem Kleinanleger, der zwei oder drei Titel in seinem Depot hat, noch wenig. Für institutionelle Großanleger hat solch ein Rat jedoch Konsequenzen. Sie schichten dann viele Millionen Euro um, meist raus aus amerikanischen, rein in deutsche Aktien. Wenn zudem gleichzeitig fast alle Analysten weltweit zu derartigen Umschichtungen raten, dann bewegt das Milliarden und Abermilliarden an Anlagegeldern rund um den Erdball.


"Schon seit Mai beobachten wir eine deutliche Beschleunigung der Zuflüsse in den deutschen Aktienmarkt", so Garz. In letzter Zeit kommen zudem auch vermehrt private Investoren wieder hinzu." Und so scheint inzwischen ein Niveau erreicht, auf dem sich der Trend selbst verstärkt. Alle kaufen deutsche Aktien, weil sie erwarten, daß alle deutsche Aktien kaufen. Die aktuellen Wirtschaftsdaten haben dann nur noch eine nachrangige Bedeutung.


Dies erklärt auch, warum gleichzeitig der amerikanische Leitindex Dow Jones auf der Stelle tritt. Vor genau zwölf Monaten stand er bei etwa 10 800 Zählern. Heute sind es auch nur knapp über 11 000. Und die Experten gehen davon aus, daß sich daran in den kommenden Monaten nicht viel ändert. Bis Ende August sagen sie im Schnitt 11 240 Punkte voraus. Das wäre eine Steigerung, die kaum der Rede wert ist.


So findet die Börsenparty also zur Zeit auf dieser Seite des Atlantiks statt. Und die meisten Experten glauben daran, daß es noch einige Zeit so weiter geht.


Doch es gibt auch warnende Stimmen. "Die starke konjunkturelle Euphorie im Euroraum scheint mir etwas übertrieben", sagt Christoph Balz, Volkswirt bei der Commerzbank. "Es mag zwar ein solides Wachstum geben, aber viele sind zu optimistisch."

Auch Harald Jörg gibt zu bedenken, daß die Stimmung bald wieder drehen könnte. "Spätestens im zweiten Halbjahr werden sich viele daran erinnern, daß ab 2007 bei uns durch die Mehrwertsteuererhöhung alles teurer wird", sagt er. Dann könnte der Binnenkonsum, der ohnehin noch nicht richtig zugelegt hat, erneut einbrechen - mit allen Folgen für Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne.


Zudem könnte sich das Bild der USA wandeln. "Am Ende könnte die amerikanische Wirtschaft mal wieder alle überraschen", sagt Christoph Balz. Wächst sie deutlich stärker als bisher erwartet, müßte der neue Notenbankchef Benjamin Bernanke die Zinsen wesentlich stärker erhöhen als erwartet. Derzeit liegt der Leitzins bei 4,5 Prozent. "Dann wären auch 5,5 Prozent drin", so Balz. Dadurch wiederum würden Anlagen in den USA noch interessanter, zumal dann auch der Dollarkurs wieder steigen dürfte.


Die deutsche Mehrwertsteuererhöhung und eine US-Wirtschaft, die stärker wächst als erwartet, könnten daher schnell zu einem Stimmungsumschwung führen. Dann würden plötzlich wieder Milliarden in die andere Richtung bewegt. Wann das genau passiert, kann niemand beantworten. Aber die Gefahr wird mit jedem Tag größer, an dem der Dax neue Höchstmarken erklimmt.


Welt am Sonntag
Artikel erschienen am 19. Februar 2006
  
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