Die Lage bei den Hedgefonds ist kompliziert. Klar haben sie in der Baisse bis 2003 sehr gut mit Shorten verdient, doch in der Folgezeit blieben sie meist hinter "dem Index" (SP-500) zurück. Dies stellte sie vor Probleme, weil sie 20 % ihrer Gewinne als Provision einbehalten. Wozu sollten Anleger halb so hohe Gewinne wie in einem passiven Indexfond (SPY) hinnehmen, der fast keine Gebühren kostet, und dafür auch noch 20 % extra blechen?
Deshalb mussten sich die Hedgefonds neue lukrative Spielwiesen suchen. Die Mehrzahl von ihnen macht in den letzten Jahren - unter Ausnutzung der anschwellenden globalen Liquidität - trendfolgende
Long-Geschäfte mit Futures in "Allem, was steigt" - Aktien, Bonds, Öl, Rohstoffe, Gold, Metalle, Immobilien, Euro usw. "Hedgefond" heißt daher heutzutage nicht mehr zwingend "short", sondern ist eher ein Synonym für "mit Derivaten" (meist long-Futures und Calls). Viele Hedgefonds shorten auch Puts als Stillhalter, wobei sie im steten Uptrend auf deren wertlosen Verfall setzen (nennt sich auch "Vola verkaufen" und ist einer der Gründe, warum der VIX nahe seinem historischen tiefen von 10 steht).
Der Gegenposition der Hedgefonds (auch "large Specs" genannt) bei den Future-Geschäften nehmen die Commercials ("Coms") ein (Chart unten). Bei Dollar- und Öl-Futures sind das z. B. Firmen wie Volkswagen, Porsche oder Lufthansa, die sich einen bestimmten Dollar- oder Kerosin-Kurs mit Futures "sichern" wollen. Die Interessen beider Gruppen sind gegenläufig. Hedgefonds setzen als Trendfolger auf charttechnische Fortsetzungen von Uptrends, während Commercials mit ihren Absicherungsgeschäften ein "reversal to the mean" im Auge haben.
Wenn laut COT-Daten eine starke Long-Orientierung der Hedgefonds zu erkennen ist (wie zurzeit in fast allen Assets), "siegen" am Ende meist die Commercials. Denn während etwa Volkswagen eine Future-Absicherung des EUR/USD-Kurses problemlos aussitzen kann, wenn der Euro weiter steigt und sie short sind (weil das Handelsvolumen von VW in USA als Underlying real dagegen steht), müssen Hedgefonds, die nur den Future und kleine Geldmittel haben (kein kommerzielles Handelsinteresse am "Underlying") aus ihren Position bei einer Kehrtwende (Dollar-Anstieg) zwingend raus (unbegrenzte Nachschusspflicht, die sie nicht erfüllen könnten).
Hier als Beispiel der Link zum aktuelle COT-Chart von EUR/USD:
www.wellenreiter-invest.de/CoT/web/ec.coms.price.htm
Besonders beliebt sind bei Hedgefonds zurzeit long-Trades mit Futures auf den SP-500, weil sie damit die beste Performance erzielen und garantiert "den Index schlagen" (wegen ihres größeren Hebels). Solche Trades sind, wie Antoine weiß, nur mit trendfolgender Charttechnik und striktem Risikomanagement machbar. Der Zeithorizont wird von Hedgefond zu Hedgefonds unterschiedlich sein - von intraday bis zu dem Zeitpunkt, wo es einen markanten charttechnischen Bruch gibt. Viele der "Big Boyz" halten ihre Futures auch overnight.
Geldmengenwachstum: Wenn immer mehr Geld ("globale Hyperliquidität" durch billige Schuldenaufnahmen in Yen oder Franken) ein begrenztes Volumen an physischen Assets jagt (Aktien, Bond, Gold, Rohstoffe, Tulpenzwiebeln), steigen die Kurse dieser Assets nachfragebedingt an. Mag sein, dass bei den Rohstoffen mal ein Argument wie "Schwellenländer brauchen immer mehr davon" eine Rolle gespielt hat. Doch wenn erst mal Momentum aufkommt und durch weiteres Momentum genährt wird - und dazu noch mit Riesensummen aus Future-leverage - , dann wird jede Rallye zur self-fulfilling prophecy, selbst dann, wenn die ursprüngliche These falsch war! Dann können die Märkte - charttechnisch getrieben - in der Tat länger "irrational" bleiben, als es vernünftig erscheint. Die Grenze setzt das vorhandene Geld.
Die Wende kommt meist überraschend durch einen externen Schock (Erdbeben in Tokio, Terror in NY, Krieg, Furz von Bernanke o. ä.), der zu einem plötzlichen Indexabfall und mithin zu Margin-Nachschussforderungen führt. Besonders stark wirkt ein Liquiditätsschock, wie ihn letzten Mai die Bank of Japan ausgelöst hatte (plötzlich starker Abzug von Geldmitteln aus dem jap. Finanzsystem). Dies war der Grund für den Mai-Abverkauf, bei dem die Indizes - typisch für die Auflösung von Futures - fast ohne Korrektur steil nach unten gingen. (Immerhin 50 % des täglich gehandelten Volumens in New York geht inzwischen auf das Konto von Hedgefonds.)
Ohne externe Anlässe haben Blasen - was wohl in der Natur des Menschen liegt - die Tendenz, quasi unendlich anzuschwellen. Und auch in der Unendlichkeit gilt die Charttechnik, weil (n + 1) IMMER größer ist als n. Allerdings fehlt mit wachsendem n immer stärker die fundamentale "Rechtfertigung" für die Anstiege. Es kommt zu einer Überbewertung. Märkte haben dafür aber keine "Selbsterkenntnis", wenn nur noch Raffen und Gier das Handeln bestimmen. Daher ist ein externer Event als Blasenstecher meist zwingend erforderlich. Entsprechend schwer lassen sich Wenden voraussehen, und daher ist es sicherlich klüger, sich am Chart zu orientieren als an fundamentalen Bewertungsmaßstäben, die Future-Zocker überhaupt nicht interessieren.
Allerdings wird mit steigenden Charts die Bewertung immer höher und das Risiko blasenhafter Überbewertung nimmt zu. Mag der DAX im Juli letzten Jahres vielleicht noch sein "Geld wert" gewesen sein, so kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Kursgewinn von 40 % seitdem (von 5000 auf 7000) nicht mit der realen Wertsteigerung der Firmen im selben Zeitraum übereinstimmt. [Bullen können freilich umgekehrt auch argumentieren, dass die damalige Unterbewertung nun kompensiert ist. Wie auch immer...]
Irgendwann kommt der Punkt, wo das Momentum versiegt. Dann müssen die vielen Future-Trader ZWANGSWEISE raus, was ein gewaltiges Abwärtsmomentum erzeugt. Dabei könnten die Kurse wieder "wie am Strich" fallen wie letzten Mai. In USA wird der Auslöser wohl keiner der jetzt schon bekannten Risikofaktoren sein (Housing-Krise, Wachstumsrückgang usw.), sondern eher etwas, mit dem jetzt noch NIEMAND rechnet - ein weiterer Accounting-Skandal a la Enron, eine spektakuläre Pleite, etwa von GM oder Fannie Mae, ein Mordanschlag auf Bush, ein plötzliches Hochschießen der Kerninflation oder eine eine unerwartet starke Zinserhöhung oder Liquiditätsverknappung in Japan, die Carry-Trader nervös macht (was Liquidität reduziert). Bei extremer Überbewertung reicht manchmal auch ein vergleichsweise nichtiger Anlass, z. B. der Kommentar eine chinesischen Politikers, dass es in China eine Aktienblase gibt.
All dies lässt sich zugegeben schlecht timen. Allerdings wird, wenn man sich z. B. den Kurs des Euro zum Yen ansieht, immer deutlicher, dass hier von Carry-Tradern immer maßloser übertrieben wird (obwohl es Japans Wirtschaft besser geht, fällt der Kurs des Yen weiter). Eine ähnliche Übertreibung gab es im letzten Frühjahr bei den Rohstoffen, deren Charts parabolische Anstiege zeigten (bis zum Mai-Abverkauf). Ebenso dürfte sich der jetzige parabolische Anstieg der Aktien-Indizes aller Voraussicht nach nicht als nachhaltig erweisen (für Charttechniker: fünfte E.-Welle?). Dreht jemand (die Fed, Japan) den Geldhahn ab, ist der Liquiditätstraum sofort dahin. Denn die Hausse beruht - bei einem Hedgefond-Anteil von 50 % - nicht auf natürlichen Käufern, die sich als Investoren langfristig unterbewertete Titel ins Depot legen (a la Buffett), sondern auf trendfolgenden Future-Zocker samt ihrer hohen Marktmacht.
Freilich wirken hohe Hebel in beide Richtungen. Fallen die Indizes plötzlich, kommt die hässliche Ära der Nachschussforderungen und Margin Calls. Das gilt übrigens auch für viele Kleinaktionäre: Die Beleihung der US-Aktiendepots (Käufe auf Kredit) ist bereits wieder auf dem gleichen Stand wie im März 2000. Wird zwangsliquidiert, nährt bis auf Weiteres die Baisse die Baisse.
COT-Chart von EUR/USD: Je "longer" die large Specs (Hedgefonds) sind, desto "shorter" sind die Coms (Commercials = Firmen wie VW).
(Verkleinert auf 82%)

