Heul doch!


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Brummer:

Heul doch!

 
27.04.02 01:26
von Lars Weide

„Bill Gates vor Gericht.“ Ein dankbares Thema! Welcher Kolumnist, Satiriker oder Karikaturist hat noch nicht auf ihn eingeprügelt. Meist fängt das erste Semester in den Journalistenschulen der ganzen Welt mit einem Übungsartikel über Bill Gates an. Es ist ja auch so einfach, denn alle Zutaten stehen ständig griffbereit: Der reichste Mann der Welt / Softwaremonopol / Milchbubigesicht / globale kontinuierliche Systemabstürze mit unwiederbringlichen Datenverlusten / weinerliche Stimme / Kartellverfahren.

Vor allem die bockigen O-Töne von Gates wie: „...dann nehme ich Windows eben vom Markt“ oder „Sollten sich die Ankläger durchsetzen, findet sich die Welt technologisch in der Zeit von Windows 3.11 wieder...“, regen zu erfrischenden Kommentaren der Schreibzunft an. Der Mann, der Konkurrenten ohne Rücksicht auf Verluste entweder aus dem Markt drängt oder kauft, kann immer noch nicht verstehen, warum alle so böse mit ihm sind. Mit belegter Stimme und Flatterauge versucht er nun höchstpersönlich vor Gericht, sein Monopol vor der Zerschlagung zu retten. Beobachtet man ihn bei seiner Verteidigung, hat man immer das Gefühl, er würde jeden Moment in Tränen ausbrechen. Da kann ich nur sagen: „Heul doch!“

Wie viele Nächte habe ich leise weinend damit verbracht, verlorengegangene Texte neu einzutippen. Wie oft habe ich meinen PC rauf- und runtergefahren, in der Hoffnung, dass sich die Kompatibilität zu meinem brandneuen Bildverarbeitungsprogramm schon irgendwie ergeben wird. Von den Innovationen, die Gates durch sein Monopol verhindert hat, ganz zu schweigen. Ich habe kein Mitleid mehr. Und jetzt lügt er dem Richter auch noch ins Gesicht: „Windows XP kann man nicht spalten!“ ...von wegen: Bei TV-Settop-Geräten mit Windows XP Embedded geht es problemlos, berichtet das „Wall Street Journal.“ Na, das ist doch wieder ein Fressen für alle Kolumnisten – und solche, die es werden wollen...  
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Brummer:

Der Markt-Forscher: Dr. Jekyll und Mr. Gates

 
27.04.02 01:53
Von Carsten Matthäus

Bill Gates hat bei seinem zweiten Auftritt vor Gericht gezeigt, dass er die Rolle des lieben Jungen beherrscht. Hoffentlich hat er nicht alle überzeugt.

Einige im Gerichtsaal sind einfach weggenickt. "Sie hatten ein zu schweres Mittagessen. So was macht dich fertig", sagt Jack Krupansky, der den Microsoft-Prozess von Anfang an im Gerichtssaal verfolgt. Sogar Richterin Colleen Kollar-Kotelly war nicht ganz bei der Sache. Um ein Haar hätte sie ihren Zeugen am zweiten der drei Vernehmungstage eine Stunde zu früh entlassen.

Wahrscheinlich war Kollar-Kotelly unheimlich fasziniert von ihrem Zeugen. Bill kam, sah und lächelte. Er kam im blauen Anzug mit seiner schwangeren Frau. Er sah der Richterin in die Augen und nickte artig, wenn sie ihn belehrte. Und er lächelte immer wieder und antwortete auch dann noch brav, wenn ihm Staatsanwalt Steve Kuney unangenehme Fragen gestellt hatte.
 
Das angereiste Publikum wartete vergebens auf irgendeine neue Entgleisung des reichsten Mannes der Welt. 1998 hatte er in einer auf Video aufgezeichneten Aussage ein ziemlich peinliches Bild abgegeben: schlecht gekleidet, schlecht informiert, fahrig und arrogant. Jetzt gab Bill fehlerlos den netten Musterschüler von nebenan. Mit den fast staatsmännischen Worten: "Ich bin froh, dass ich meine Geschichte vor Gericht erzählen konnte", verabschiedete er sich nach dreitägiger Befragung gegenüber Journalisten - wieder mit seiner Frau im Arm und wieder mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Prozesstaktisch war die Gates-vor-Gericht-Version 2.0 ein Volltreffer. Gut möglich, dass Richterin Kollar-Kotelly nach dieser Aussage eine wachsweiche außergerichtliche Einigung ermöglicht, mit der alle Versuche, das Monopol von Microsoft zu beschneiden, gescheitert wären. Und Bill Gates stünde wieder einmal als Triumphator da.

Überhaupt beherrscht Gates momentan die Kunst des Weichspülens. Im "Handelsblatt" erschien am Dienstag ein Gastkommentar von dem Microsoft-Gründer, für den man ihn knuddeln möchte. Unter dem Titel "So selbstverständlich wie Strom aus der Steckdose" räsoniert Gates über sein derzeitiges Lieblingsthema, die Sicherheit von Computern. Seine Kernthese: Wenn sich Microsoft und der ganze Rest kräftig anstrengen, müssen die Menschen den Computern nicht mehr misstrauen, und das "volle Potenzial dieser faszinierenden Errungenschaft" wird sich entfalten. Um die liebenswerten Worte zu unterstreichen, bebilderte das "Handelsblatt" den Kommentar noch mit einem vierspaltigen Bild von Babys, die vor dem Bildschirm sitzen - selbstverständlich.

Zu dumm, dass diese schöne neue Welt des Herrn Gates ein Märchen ist.

Microsoft ist nämlich ganz und gar nicht daran interessiert, dass alle gemeinsam an besseren und sichereren Computersystemen arbeiten. Und Bill Gates - so nett er sich auch vor Gericht gerierte - tat nichts anderes, als sein liebstes Kind namens Windows mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. In seiner 156-seitigen Zeugenaussage, die er zu seinem Gerichtstermin mitbrachte, stellte sich der Microsoft-Gründer als Computerpionier dar, dem es allein darum geht, die Funktionsfähigkeit seiner großartigen Windows-Plattform zu retten. Mit einer Powerpoint-Präsentation (was sonst?) warf er eine wahre Horrorvision an die Wand: Hätte die Gegenseite Erfolg, so würde das die Konsumenten verwirren, Innovationen verhindern und das weltweite Wachstum bremsen. Weil Windows so genial zusammengebastelt sei, wäre es schlicht unmöglich, Teile wie den Internet Explorer aus dem Programm herauszulösen. Genau das wollen seine Gegner, die Anwälte von neun US-Staaten, vor Gericht erreichen.

"Wenn Windows auf ein nicht definiertes 'Kernbetriebssystem' reduziert wird, würde die Uhr der Windows-Entwicklung um etwa zehn Jahre zurückgedreht, und dort stehen bleiben", sagte Gates vor Gericht aus. Dass es ganz so schlimm nicht sein kann, das musste auch Gates zugeben. Die Gegenseite hielt ihm nämlich vor, dass es längst eine Windows-Version (Windows XP Embedded) gibt, bei der man sich die Einzelteile selbst zusammenstellen kann.

Noch wirklichkeitsferner ist Gates' angebliches Bemühen um sichere und vertrauenswürdige Computertechnologie. Microsoft selbst lieferte so viele peinliche Beweise für Programmierfehler und einfache Hackbarkeit, dass Gates in einer Rundmail an seine Mitarbeiter dazu aufrufen musste, die Sicherheit der Programme an erste Stelle zu setzen. Ob das fruchtet, darauf können wir Windows-Abhängigen in aller Welt nur hoffen. Nach Angaben der US-Marktforschungsfirma Standish Group sorgten Computerfehler bei US-Firmen im letzten Jahr für einen Gesamtschaden von rund hundert Milliarden Dollar.

Aber warum eigentlich sollen Verbraucher nur hoffen dürfen, dass Microsoft weniger Fehler im System hat? Wenn eine A-Klasse bei einem Elchtest umkippt oder ein Medikament gefährliche Nebenwirkungen hat, dann bekommt der Hersteller sofort die große Keule des Marktes zu spüren. Und es gibt sehr unangenehme und teure Schadenersatzprozesse, wenn man vergisst, auf Gefahren hinzuweisen, die von den eigenen Produkten ausgehen. Nur bei fehlerhaften Computerprogrammen funktioniert der Verbraucherschutz nicht. Nutzer, die von ihrem Windows-Rechner in den Wahnsinn getrieben werden, haben vor Gericht schlechte Karten. Das liegt vor allem daran, dass man mit einer Softwarelizenz ja nur ein Nutzungsrecht erwirbt und nicht das ganze Produkt. Und bei der ersten Installation sind die detaillierten Haftungsbeschränkungen des Herstellers mit dem Klick auf "I accept" auch schon drin. Gut für die Hersteller - schlecht für die Verbraucher.

Der Uniform Computer Information Transactions Act (UCITA) soll für einen einheitlichen Umgang mit Software-
Nutzungsrechten in den USA sorgen. Ziel der Software-Industrie ist es, ihre Programme besser vor Raubkopierern zu schützen. Bisher waren Computerprogramme vor allem urheberrechtlich geschützt (Copyright). Mit dem Kauf wurden dem Käufer die Nutzungsrechte übertragen. In der Regel wurde eine unentgeltliche Nutzung - wenn nicht erlaubt - so doch toleriert. Nach dem neuen Gesetz schließt der Nutzer mit dem Software-Verkäufer einen Vertrag ab, der eine Nutzung des Programms durch Dritte unmittelbar sanktioniert. So darf der Verkäufer bei allen Verletzungen der Vereinbarungen im Lizenzvertrag in das Programm eingreifen und es unbenutzbar machen. Außerdem muss der Käufer erst nach dem Kauf über die Lizenzbedingungen informiert werden. Die Gegner des Gesetzes sehen darin eine Beschneidung der Informationsfreiheit.
 
Und es kommt noch schlimmer. Microsoft und andere Softwarehersteller sind nämlich gerade dabei, dem Verbraucherschutz bei Computerprogrammen vollständig den Boden zu entziehen. Das Gesetz heißt "Uniform Computer Information Transactions Act" (UCITA). Nach diesem Gesetz können die Lizenzgeber (also die Softwarehersteller) in die lizenzierten Programme eingreifen und sie unbenutzbar machen, wenn gegen die Lizenzvereinbarung verstoßen wird. Ein solcher Verstoß könnte auch die öffentliche Kritik an dem gekauften Produkt sein oder das Verschenken des Programms für einen guten Zweck.

Gegen das UCITA hat sich eine Allianz von Verbraucherschützern, Software-Entwicklern und Bibliothekaren gebildet. Sogar die Federal Trade Commission (FTC) hat sich bereits mit harten Worten gegen das Gesetz gewendet - ohne Erfolg. In den US-Staaten Maryland und Virginia ist es bereits in Kraft, in acht weiteren wird gerade darüber abgestimmt.

Man sollte nie vergessen, dass Microsoft mit Windows mehr als 90 Prozent des Marktes für Computerbetriebssysteme beherrscht und Konkurrenten wie Netscape gnadenlos erwürgte. Auch wenn Gates so schön gekämmt aufgetreten ist - er ist eben nicht der nette Junge von nebenan, sondern einer der gefährlichsten Marktmächtigen weltweit.



Quelle: SPIEGEL ONLINE 2002
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