An Informationen fehlt es Anlegern generell nicht. Im Gegenteil, sie bekommen jede Menge Rohdaten und Prozentwerte, die ihnen bei Investmententscheidungen helfen sollen. Praktisch alle diese Informationen beziehen sich auf „historische" Ereignisse, etwa auf die Kursentwicklung eines Unternehmens in den vergangenen Jahren. Dennoch tätigt der Anleger seine Aktienkäufe auf der Basis seiner Erwartungen, also seiner Einschätzung der Zukunft, wobei das wichtigste Kriterium der erwartete Gewinn ist.
Das Dilemma besteht darin, dass gerade dieser Wert, an dem alles hängt, zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht bekannt ist. Der Anleger muss sich deshalb damit begnügen, die historischen Daten zu studieren und zu analysieren, in der Hoffnung, auf diese Weise die Dynamik zu verstehen, die den Aktienwert bis dahin beeinflusst hat und auf diese Weise die Zukunftsaussichten ableiten.
Immer wieder haben Anleger miterlebt, wie überraschende Gewinne den Kurswerten zu Höhenflügen verholfen haben - oder sie umgekehrt in den Keller haben rutschen lassen. Man stelle sich vor, wie viel häufiger dies passieren würde, wenn die Gewinnschätzungen stets nur einmal ausgegeben und niemals korrigiert würden. Wie viele zusätzliche Überraschungen hätten wir zu erwarten, wenn zum Beispiel ein Analyst im März 1999 eine Schätzung für das Jahr 2000 abgegeben und diese erst Ende Januar 2001 revidiert hätte, zu einer Zeit also, zu der das Unternehmen seine Geschäftsergebnisse für das Jahr 2000 vorlegt. Das wäre ein Zeitraum von fast zwei Jahren. Womit wir nicht behaupten wollen, dass es partout keine Gewinnschätzungen gibt, die zwei Jahre lang ihre Gültigkeit behalten. In der Praxis sollte man sich aber darauf nicht verlassen. Gehen Sie besser von einer laufenden Neubewertung der Gewinnerwartungen aus.
- Änderungen bei den Konjunkturerwartungen: Wenn die Ökonomen ihre Erwartungen über die wirtschaftliche Entwicklung höher schrauben, revidieren auch die Analysten ihre Gewinnschätzungen nach oben. Je zyklischer das Geschäft eines Unternehmens ist, desto stärker schlägt das Gewinnbarometer nach oben aus. Umgekehrt führt eine Verlangsamung der Wirtschaft dazu, dass auch die Gewinne bescheidener eingeschätzt werden. Auch Änderungen bei den Erwartungen für andere Aspekte des konjunkturellen Umfelds können die Gewinnerwartungen für bestimmte Unternehmen beeinflussen. So wirken sich beispielsweise bevorstehende Änderungen beim Zinsniveau auf die Unternehmen im Finanzsektor und andere zins-sensible Bereiche (Immobilienmarkt!) aus; die Ankündigung von Auf- oder Abbewegungen bei den Preisen von Agrarerzeugnissen beeinflussen die Gewinnschätzungen in der Lebensmittelindustrie und in der Gastwirtschaft.
- Änderungen der Erwartungen in Bezug auf die Märkte eines Unternehmens: Gegen Ende der 70er Jahre konzentrierten sich die Medien-Analysten auf Faktoren, die sich auf die Werbungsnachfrage auswirkten, da dies die Haupteinnahmequelle der Branche war (wobei die Rolle der Inflation auf die Werbekosten mitberücksichtigt werden musste). Heute müssten die Analysten - selbst wenn sie die Gewissheit hätten, die Werbeausgaben präzise voraussagen zu können - andere wichtige Faktoren mit in Betracht ziehen. Etwa: Welcher Anteil der Fernsehwerbung geht an die (öffentlich-rechtlichen) Fernsehgesellschaften und wie viel geht an die Kabelnetzbetreiber? Wie wertvoll ist ein Fernsehprogramm als Werbeträger angesichts der Tatsache, dass die Zuschauer heute ein sehr viel größeres Angebot zur Auswahl haben? Mit anderen Worten: Kann ein populäres Kabel-TV-Programm im Jahr 2001 auf vergleichbare Einschaltquoten hoffen wie eine Fernsehsendung im Jahr 1979? Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß das neueste Massenmedium, das Internet, Zuschauer und folglich Werbeeinnahmen umkanalisiert. Dieses Beispiel zeigt, dass auch ohne Änderungen im konjunkturellen Umfeld Veränderungen der Marktstruktur die Analysten zwingen, sich mit neuen Problemen auseinander zu setzen. Es zeigt, wie eine allmählich sich abzeichnende Entwicklung neue Probleme mit sich bringt. Doch Änderungen im Markt können sich durchaus auch auf die kurzfristigen (vierteljährlichen) Erwartungen der Analysten niederschlagen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Einzelhandelsanalysten sich heute ausgiebig mit der potenziellen Bedrohung des traditionellen Gewerbes durch den e-commerce auseinander setzen.
- Änderungen, die spezifisch für einzelne Unternehmen sind: Die Unternehmensstrategie kann sich ändern oder ihr Erfolg kann schwanken. Neue Informationen können Analysten dazu veranlassen, ihre Bewertungen zu ändern.
- Veränderte Bewertung von Unternehmensdaten: Vielleicht die wichtigste Ursache für Korrekturen ist die Gewinnankündigung (oder die „Vorankündigung") durch das Unternehmen selbst. So routiniert und kompetent die Börsenanalysten auch sein mögen, mit ihren Gewinnschätzungen begeben sie sich immer aufs Glatteis. Schließlich sind die Mitarbeiter der Geschäftsführung, die den Analysten bei ihren Schätzungen eine gewisse Hilfestellung leisten, genau so von Unsicherheit geplagt wie die Börsianer selbst. (Wie viele Bankfachleute wissen wirklich, wie sich die Zinssätze im nächsten Quartal bewegen werden? Wie viele Manager im Einzelhandel können im Juni eine exakte Aussage darüber machen, wie sich das Urlaubsgeschäft entwickeln wird? Interim-Gewinnmeldungen und Vorankündigungen sind wichtige Informationsquellen, die sowohl den Managern in der Industrie als auch den Investment-Analysten helfen, ihre Bewertungen der Konjunktur und der verschiedenen Märkte abzustimmen und ihre Gewinnerwartungen entsprechend anzusetzen.
Was bedeutet all das für den Anleger? Zunächst einmal die Einsicht: Korrekturen an Gewinnschätzungen sind normal. Es ist also nicht sinnvoll, anzunehmen, dass man ein ganzes Aktiendepot anlegen kann, das gegen Überraschungen gefeit ist. Stattdessen sollten Sie versuchen, Unternehmen auszuwählen, die eher mit positiven Überraschungen aufwarten, und jene ausklammern, bei denen böse Überraschungen wahrscheinlich sind.
Dabei kann es nützlich sein, sich die Trends bei den Gewinnschätzungen eines Unternehmens anzuschauen. Wenn sich die Schätzungen im Lauf der Zeit zum Besseren entwickeln, kann dies ein Hinweis dafür sein, dass die Analysten angenehm überrascht waren. In manchen Fällen tritt die Überraschung offen zu Tage, etwa durch eine offizielle Gewinnmeldung oder durch eine Vorankündigung, die die Analysen veranlassen soll, ihre Schätzungen zu revidieren. Daneben gibt es aber auch inoffizielle Überraschungen, etwa wenn ein Analyst durch das Management oder einen anderen Insider einen Hinweis bekommt, dass eine Revision angezeigt ist. Auf welchem Wege auch immer solche Revisionen zustande kommen, man kann sagen, dass positive Schätzungen in der letzten Zeit einen Trend zu angenehmen Überraschungen gezeigt haben, während umgekehrt pessimistische Schätzungen zu negativen Überraschungen tendiert haben (formell und/oder informell).
Denken Sie immer daran, dass alle Trendinformationen die Vergangenheit widerspiegeln. Man hat daher niemals die Gewissheit, dass die Zukunft entlang der gleichen abgesteckten Piste verlaufen wird. Deshalb muss man Risiko und Ertragschancen sorgfältig abwägen. Je länger ein bestimmter Trend anhält, desto stärker reagiert der Aktienkurs, falls die Entwicklung ins Gegenteil umschlägt. Mit anderen Worten: Eine negative Gewinnüberraschung wirkt sich wesentlich dramatischer auf ein Unternehmen aus, das auf eine lange Geschichte guter Überraschungen zurückblickt, als auf eines, bei dem die Analysten schon daran gewöhnt sind, ihre Einschätzungen gelegentlich nach unten revidieren zu müssen.