ftd.de, Sa, 4.8.2001, 7:00
Geldanlage: Bär möchte sich als Dauergast einquartieren
Von Barton Biggs
Amerika muss sich der Realität stellen: Die Weltwirtschaft steckt in einer Rezession.
Haben wir die viel beschworene Talsohle wirklich erreicht? Erholt sich die Wirtschaft bald wieder? Ich bin noch skeptisch. Dass eine so gigantische Spekulationsblase ohne größere Auswirkungen in sich zusammenfällt und alle nach einer gewissen Zeit wieder auf die Erfolgsspur einbiegen, erscheint kaum glaubhaft. So funktioniert die Welt nicht.
Was die amerikanische Wirtschaft angeht, so verleiht ihr die Geldpolitik zwar ein paar Impulse, aber der Wechselkurs wirkt sich ungewohnt restriktiv aus. Der nach dem Handel bewertete Dollar ist in diesem Jahr bis jetzt um zehn Prozent gestiegen. Hier lassen sich deflationäre Tendenzen erkennen, die sich auf die amerikanische Industrie verheerend auswirken und die Warenpreise sinken lassen. Da alle Fundamentaldaten für einen sinkenden Dollar sprechen, bleibt als einzig plausible Erklärung, dass sich die US-Währung für die übrige Welt zu einem sicheren Hafen entwickelt hat.
Auf den Dollarkurs kommt es an
Solange der Dollarkurs nicht fällt, werden die Verbraucher unruhigen Zeiten entgegengehen. Ein fallender Dollar hingegen würde die gesamte Investitionsgleichung verändern - mit neuen Gewinnern und Verlierern. Die in den letzten Tagen gezeigte Schwäche könnte bereits ein wichtiges Signal sein.
Dazu kommt die sich rapide verschlechternde Wirtschaftssituation in Europa und Asien. Während sich in Europa die amerikanische Entwicklung mit sechs Monaten Verspätung zu wiederholen scheint, hat sich Asien nach der Krise Ende der 90er Jahre nie wieder richtig erholt.
Können die Amerikaner es richten ?
Die Welt befindet sich offenkundig in einer Rezession. Da zudem zwei der wichtigsten Zentralbanken, die Europäische Zentralbank EZB und die Bank of Japan, unglücklicherweise immer noch nicht bereit sind, die notwendigen Gegenmaßnahmen einzuleiten, erhalten die zweit- und die drittgrößte Wirtschaftsregion der Welt nicht die Medizin, die sie eigentlich benötigen. Bleibt Amerika.
Der viel gerühmte amerikanische Verbraucher, auf den so viele Hoffnungen gesetzt werden, lebt auf Kredit, hat keine Ersparnisse und nur ein geringes Einkommen - will aber drohende Entlassungen oder sinkende Nettovermögen nicht zur Kenntnis nehmen. Falls er sich im Herbst doch noch den Realitäten stellt, könnte die Welt in die schwerste Rezession der Nachkriegszeit schlittern, mit einer Deflation, die sich gewaschen hat. Dann könnte auch das Vertrauen in Alan Greenspan, den Chef der Federal Reserve, schwinden.
Müssen wir wirklich mit einem Wirtschaftsdesaster und einem langwährenden Bärenmarkt rechnen? Nein. Weshalb nicht? Weil die Aktienkurse durch niedrigere langfristige Zinssätze abgefedert werden. Weitere Enttäuschungen und neue Tiefststände? Ja. Bärenmärkte hat es schon immer gegeben. Wer erst seit 1991 im Geschäft ist, ist verwöhnt. Bullenmärkte währen eben nicht ewig. Technik ändert weder die Natur des Menschen, noch dämpft sie Gefühle wie Angst und Gier. Im just zu Ende gegangenen Jahrhundert gab es meinen Berechnungen zufolge 30 Bärenmärkte, die die gängigsten Indizes (Popular Averages) um mindestens 20 Prozent fallen ließen.
Lang anhaltende Bärenmärkte sind definiert als ein Abfall der gängigsten Indizes um mindestens 40 Prozent. In den USA hat es seit dem Zweiten Weltkrieg erst einen solchen Bärenmarkt gegeben, und ich glaube nicht, dass wir vor einem weiteren stehen. Andererseits sind lange Bärenmärkte auch heute noch möglich, wenn Regierungen, wie etwa in Japan, einen schweren politischen Fehler nach dem anderen begehen. Greenspan ist sich dessen glücklicherweise bewusst und tut sein Bestes. Ob es ausreicht, wird sich im Herbst zeigen.
Star-Analyst Barton Biggs ist Managing Director bei Morgan Stanley Dean Witter
© 2001 Financial Times Deutschland
Geldanlage: Bär möchte sich als Dauergast einquartieren
Von Barton Biggs
Amerika muss sich der Realität stellen: Die Weltwirtschaft steckt in einer Rezession.
Haben wir die viel beschworene Talsohle wirklich erreicht? Erholt sich die Wirtschaft bald wieder? Ich bin noch skeptisch. Dass eine so gigantische Spekulationsblase ohne größere Auswirkungen in sich zusammenfällt und alle nach einer gewissen Zeit wieder auf die Erfolgsspur einbiegen, erscheint kaum glaubhaft. So funktioniert die Welt nicht.
Was die amerikanische Wirtschaft angeht, so verleiht ihr die Geldpolitik zwar ein paar Impulse, aber der Wechselkurs wirkt sich ungewohnt restriktiv aus. Der nach dem Handel bewertete Dollar ist in diesem Jahr bis jetzt um zehn Prozent gestiegen. Hier lassen sich deflationäre Tendenzen erkennen, die sich auf die amerikanische Industrie verheerend auswirken und die Warenpreise sinken lassen. Da alle Fundamentaldaten für einen sinkenden Dollar sprechen, bleibt als einzig plausible Erklärung, dass sich die US-Währung für die übrige Welt zu einem sicheren Hafen entwickelt hat.
Auf den Dollarkurs kommt es an
Solange der Dollarkurs nicht fällt, werden die Verbraucher unruhigen Zeiten entgegengehen. Ein fallender Dollar hingegen würde die gesamte Investitionsgleichung verändern - mit neuen Gewinnern und Verlierern. Die in den letzten Tagen gezeigte Schwäche könnte bereits ein wichtiges Signal sein.
Dazu kommt die sich rapide verschlechternde Wirtschaftssituation in Europa und Asien. Während sich in Europa die amerikanische Entwicklung mit sechs Monaten Verspätung zu wiederholen scheint, hat sich Asien nach der Krise Ende der 90er Jahre nie wieder richtig erholt.
Können die Amerikaner es richten ?
Die Welt befindet sich offenkundig in einer Rezession. Da zudem zwei der wichtigsten Zentralbanken, die Europäische Zentralbank EZB und die Bank of Japan, unglücklicherweise immer noch nicht bereit sind, die notwendigen Gegenmaßnahmen einzuleiten, erhalten die zweit- und die drittgrößte Wirtschaftsregion der Welt nicht die Medizin, die sie eigentlich benötigen. Bleibt Amerika.
Der viel gerühmte amerikanische Verbraucher, auf den so viele Hoffnungen gesetzt werden, lebt auf Kredit, hat keine Ersparnisse und nur ein geringes Einkommen - will aber drohende Entlassungen oder sinkende Nettovermögen nicht zur Kenntnis nehmen. Falls er sich im Herbst doch noch den Realitäten stellt, könnte die Welt in die schwerste Rezession der Nachkriegszeit schlittern, mit einer Deflation, die sich gewaschen hat. Dann könnte auch das Vertrauen in Alan Greenspan, den Chef der Federal Reserve, schwinden.
Müssen wir wirklich mit einem Wirtschaftsdesaster und einem langwährenden Bärenmarkt rechnen? Nein. Weshalb nicht? Weil die Aktienkurse durch niedrigere langfristige Zinssätze abgefedert werden. Weitere Enttäuschungen und neue Tiefststände? Ja. Bärenmärkte hat es schon immer gegeben. Wer erst seit 1991 im Geschäft ist, ist verwöhnt. Bullenmärkte währen eben nicht ewig. Technik ändert weder die Natur des Menschen, noch dämpft sie Gefühle wie Angst und Gier. Im just zu Ende gegangenen Jahrhundert gab es meinen Berechnungen zufolge 30 Bärenmärkte, die die gängigsten Indizes (Popular Averages) um mindestens 20 Prozent fallen ließen.
Lang anhaltende Bärenmärkte sind definiert als ein Abfall der gängigsten Indizes um mindestens 40 Prozent. In den USA hat es seit dem Zweiten Weltkrieg erst einen solchen Bärenmarkt gegeben, und ich glaube nicht, dass wir vor einem weiteren stehen. Andererseits sind lange Bärenmärkte auch heute noch möglich, wenn Regierungen, wie etwa in Japan, einen schweren politischen Fehler nach dem anderen begehen. Greenspan ist sich dessen glücklicherweise bewusst und tut sein Bestes. Ob es ausreicht, wird sich im Herbst zeigen.
Star-Analyst Barton Biggs ist Managing Director bei Morgan Stanley Dean Witter
© 2001 Financial Times Deutschland