Friedens-Nobelpreis
Streit im Komitee
Gunnar Berge, Vorsitzender des norwegischen Nobelkomitees, will die Vergabe des Friedens-Nobelpreises an Jimmy Carter als Kritik an Bushs Irak-Politik verstanden wissen. Das sehen einige Mitglieder des Komitees ganz anders.
Die ausdrückliche Kritik an US-Präsident George W. Bush bei der Bekanntgabe des diesjährigen Friedens-Nobelpreises an Ex- Präsident Jimmy Carter hat zu einem Streit im Osloer Nobelkomitee geführt.
In Interviews distanzierten sich zwei der fünf Mitglieder von entsprechenden Äußerungen des Komitee-Vorsitzenden Gunnar Berge.
Dabei erklärten die linkssozialistische Politikerin Hanna Kvanmo und ihre rechtspopulistische Kollegin Inger Marie Ytterhorn übereinstimmend, Berge habe seine persönliche und nicht die Meinung Komitee zum Ausdruck gebracht.
Ytterhorn und Kvanmo bestritten, dass bei der Entscheidung des Gremiums für Carter die derzeitige Irak-Politik von Bush eine Rolle gespielt habe. Berge hatte genau dies bei der Bekanntgabe des Preises bestätigt und gesagt, man müsse mit Blick auf die Kritik Carters an den militärischen Plänen der Bush-Regierung den diesjährigen Nobelpreis „natürlich“ auch als Kritik an der Irak-Politik der US- Regierung verstehen.
Carter selbst wollte die in einem Interview mit dem TV-Sender CNN die Äußerungen Berges nicht kommentieren.
Die Mitglieder des Osloer Nobelkomitees werden von den im norwegischen Parlament vertretenen Parteien entsprechend ihrer jeweiligen Stärke nominiert.
Berge hat seinen Sitz für die Sozialdemokraten inne, während Ytterhorn von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei und Kvanmo von den Linkssozialisten kommt. Die Sozialdemokraten stellen ein weiteres Mitglied neben einem Sitz für das liberale Zentrum.
Bemühungen um friedliche Lösungen
Am Morgen hatte das Komitee seine Entscheidung bekannt gegeben, den 78-jährigen ehemaligen US-Präsidenten mit dem Friedens-Nobelpreis auszuzeichnen.
Carter habe sich nach seiner Präsidentschaft von 1976 bis 1980 jahrzehntelang unermüdlich bemüht, friedliche Lösungen für internationale Konflikte zu finden, erklärte das Preiskomitee.
"Ermutigung für die Zukunft"
Carter selbst hat die Zuerkennung des Preises in Georgia als „Ermutigung für den Einsatz vieler Menschen für den Frieden“ bezeichnet. In einem kurzen Interview mit dem norwegischen Rundfunk sagte er, er sei „dankbar und bewegt“.
Die Auszeichnung gelte vor allem dem Carter Center, in dem viele Menschen aktiv seien. „Es besteht kein Zweifel, dass dieser Preis eine Ermutigung für die Zukunft ist. Ich bin sehr dankbar.“
In der Begründung des Komitees heißt es weiter, der Ex-Präsident habe sich stets für Demokratie und Menschenrechte sowie für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Konfliktregionen eingesetzt.
„Carter hat über mehrere Jahrzehnte ein einzigartiges Engagement für Frieden und Menschenrechte gezeigt“, hieß es über das Wirken des Präsidenten nach seiner Amtszeit.
Gewürdigt wurde auch der „entscheidende Beitrag“ Carters für den Camp-David-Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten im Jahr 1978. Zu seinen Verdiensten gehört es außerdem, den früheren nordkoreanischen Machthaber Kim Il Sung davon überzeugt zu haben, in einen Dialog mit Südkorea einzutreten.
Carter handelte auch während des bosnischen Bürgerkrieges einen Waffenstillstand aus, der den Weg zum späteren Frieden ebnete.
Bereits 1978 galt Carter, damals noch Präsident der USA, als Kandidat für den Friedensnobelpreis. Damals entschied sich das Komitee jedoch für die Vergabe an Israels damaligen Ministerpräsidenten Menachem Begin und Ägyptens damaligen Staatspräsidenten Anwar el Sadat wegen des von Carter vermittelten Nahost-Friedensabkommens von Camp David.
Im vergangenen Jahr wurden die Vereinten Nationen und ihr Generalsekretär Kofi Annan ausgezeichnet. Der Preis ist mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert.
Süddeutsche Zeitung