Aus der FTD vom 15.8.2000
Japan: Revolution auf Befehl des Staates
Von Torsten Engelhardt, Tokio
Japan müht sich um den verpassten Anschluss an das Zeitalter der Informationstechnologie. Doch Gesellschaft, Politiker und Unternehmer stehen sich dabei selbst im Wege.
Das neue Gebäude der Hosei-Universität im Zentrum Tokios beeindruckt. Über 40 Stockwerke reckt sich der lichtdurchflutete Turm in den Himmel, vollgepackt mit modernster Technik. Wie anderswo Mülleimer stehen in jeder Ecke Computer herum. An den Tischen der Cafeteria laden Telefonbuchsen zum kostenlosen Internet-Spaziergang ein. Und am Ausgabeschalter für Laptops herrscht nicht einmal Gedränge. Studenten können sich hier für die bevorstehenden Semesterferien superschlanke Sony-Geräte ausleihen.
Die 22-jährige Sumiko studiert an der Hosei interkulturelle Kommunikation. Weil ihr ein Auslandssemester in den USA bevorsteht, besucht sie derzeit einen Internet-Kurs. "Japan braucht eigentlich kein weltweites Netz", erklärt sie ihr spätes Interesse, "wir sind doch autark." Wie die meisten ihrer Kommilitonen hat sie noch nie eine ausländische Webpage besucht, noch nie etwas im Netz gekauft. Sie findet es zudem abwegig, via Computer mit Menschen in aller Welt zu kommunizieren. "Es entspricht nicht unserer Kultur, innere Angelegenheiten nach außen zu tragen", sagt sie.
Die frappierende Kluft zwischen IT-Angebot und Nachfrage will die japanische Regierung nun schließen. Bereits unter dem verstorbenen Premier Keizo Obuchi hat sie informationstechnologische Defizite im Land von Sony, Toshiba, Matsushita und Sharp konstatiert. Nachfolger Yoshiro Mori, der kürzlich zum ersten Mal die Tastatur eines Computers bediente, hat Japan jetzt eine IT-Revolution verordnet. In den kommenden Jahren soll das Land in eine Gesellschaft verwandelt werden, in der "Wissen und Information zur Hauptquelle von wirtschaftlichem Wachstum und unternehmerischem Gewinn werden." So hat Taichi Sakaiya, Minister für Wirtschaftsplanung, das Ziel formuliert.
Ganz abgesehen davon, dass sich Revolutionen nicht staatlich verordnen lassen, ist Japans IT-Offensive zum Scheitern verurteilt. Zu hoch sind die Erwartungen, zu gewaltig die Hindernisse. Dem gesellschaftlichen Umbruch stehen die Gesellschaft, ihre Politiker und die meisten ihrer Unternehmer im Wege.
Vom Segen des Aufbruchs
Eine vertane Chance: Denn nach Analysen des Wirtschaftsplanungsamtes wäre eine solche Radikalkur ein Segen für Japan. Ein Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent könnte sie dem Land bescheren, dass seit etwa zehn Jahren von Krise zu Krise strauchelt und sich dabei als reformresistent erweist. Knapp 3,7 Millionen neue Arbeitsplätze könnte sie schaffen, errechnete im Herbst 1999 eine Studie von Andersen Consulting und dem Ministerium für Industrie und Handel (MITI). Eine blühende Landschaft unabhängiger, mittelständischer Unternehmen könnte entstehen. Japans Konzernen würde der Aufbruch den überfälligen Strukturwandel aufnötigen: Rationalisierung, Abbau von Überkapazitäten, Umbau der Unternehmenskultur, Deregulierung und eine Bankenreform. Selbst die Probleme der kommenden Rentnerschwemme glaubt manch einer mit IT zu lösen - getreu dem Motto: Bringt die Alten ins Netz, und sie werden einen Teil ihrer Rente am Computer abarbeiten.
Doch so rosig die Prognosen auch sein mögen, bisher hat das Land der erfolgreichen Hardware-Produzenten die Entwicklungen der zurückliegenden zehn Jahre verschlafen. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hängt weit hinter dem Vorbild und gleichzeitig schärfsten Konkurrenten USA hinterher. Nach einer Untersuchung der Economist Intelligence Unit rangiert Japan im elektronischen Handel auf Platz 21 im internationalen Vergleich - als Schlusslicht der G7-Staaten. Von den 225 im Nikkei-Index vertretenen Top-Unternehmen haben 77 keine Webpage, 31 lediglich eine in japanischer Sprache. Nur rund 15 Prozent der japanischen Vorstände haben schon einmal das Internet besucht, in den USA sind es 64 Prozent. Nur knapp die Hälfte aller Schullehrer wissen einen Computer zu nutzen.
"Es wird nicht leicht sein, dieses Defizit aufzuholen", stellte Notenbankgouverneur Masaru Hayami im Juni resigniert fest. An der Nullzins-politik festzuhalten sei deshalb notwendig, sagte er damals. Inzwischen hob die Notenbank die Zinsen für Tagesgeld auf 0,25 Prozent an.
Die Gründe für Japans Rückständigkeit im IT-Bereich sind vor allem struktureller Art. "Unser Erziehungswesen bildet geduldige Menschen mit minimaler Originalität und Phantasie aus; sie sind ideal für die Arbeit in der standardisierter Massenproduktion", analysiert der Planungsminister. Medien und andere Informationsquellen wurden zentralisiert, fährt Sakaiya fort, das sei zwar ideal für die nationale Verbreitung identischer Informationen, entspreche aber nicht den Bedürfnissen einer Informationsgesellschaft.
Vom Mangel an Ideen
Was im Land der Erfinder von Walkman und Mikrowelle fehlt, sind Software-Entwickler und Lieferanten von weltweit absetzbaren Inhalten. Und Unternehmer, die jenseits von lebenslanger Anstellung mit Risiko Firmen aufbauen. So leidet Japan wie Deutschland an einem reformbedürftigen Bildungssystem und am Mangel von Fachkräften.
Letztere rekrutiert Japan derzeit vor allem aus den USA, China, Korea und - in Konkurrenz mit Deutschland - aus Indien. Etwa 11.000 asiatische IT-Gastarbeiter arbeiten derzeit im Lande, und die meisten von ihnen haben dort bereits studiert. Mit einer Rekordquote von 97,3 Prozent aller Anträge wandelte die japanische Regierung in diesem Jahr den Studentenstatus von Ausländern in eine Arbeitserlaubnis um.
Nur in Ausnahmefällen gelingt, was die japanische Regierung am liebsten sähe: die Umwandlung japanischer Hardware-Produzenten in Software-Entwickler. Die Studie von Andersen Consulting und dem MITI hat errechnet, dass Japans IT-Revolution etwa 2,7 Millionen Arbeitsplätze vernichten und weitere 3,5 Millionen in Gefahr bringen könnte. Demnach würde bis zum Jahr 2004 die Arbeitslosenquote von heute 4,9 Prozent auf 8,7 Prozent ansteigen. Die Bestückung japanischer Konzerne mit Informationstechnologie und Netzwerkkommunikation muss zwangsläufig zu Personalabbau führen. Bislang pflegte man eher die zeitaufwändigeund personalintensive Kontaktpflege auf Golfplätzen und in Nachtbars.
Allein dem Sony-Konzern gelang es, mit Hilfe teurer Umschulungsaktionen aus den eigenen Hardware-Experten Software-Spezialisten zu machen. "Bis zu 200 Top-Mitarbeiter wechseln bei uns pro Jahr von der alten in die neue Wirtschaft", sagt Sony-Vize Masayoshi Morimoto. Trotzdem bleibe die traditionelle Unterhaltungselektronik der wichtigste Geschäftszweig.
"Die IT-Revolution droht in Japan zur schlichten Dosenaufrüstung zu verkommen", spottet die Journalisten Yaeko Mitsumori in der Internet-Zeitschrift "J@pan.Inc.". Das Einzige, was passiere, sei, dass jeder Kühlschrank, jede Mikrowelle und jedes Auto auf irgendeine Weise mit dem Internet vernetzt werde. Doch was in der neuen Wirtschaft für Wachstum sorge, seien die Informationen, die zwischen den Dosen hin- und herflössen und nicht der Verkauf von alten Dosen mit neuen Knöpfen.
So befürchten die wenigen großen Namen der japanischen IT-Zukunft, wie etwa Sofbank-Gründer Masayoshi Son oder die beiden Gottväter der Tokioter Internet-Unternehmensgründer-Szene Satoshi Koike und Kiyoshi Nishikawa, dass mögliche Förderprogramme der Regierung wieder nur etablierte Konzerne subventionieren. "Wahrscheinlich wird die Regierung fortfahren anachronistische Entscheidungen zu treffen, wie Hardware-Verkäufe zu fördern", befürchtet der Wirtschaftsprofessor Osamu Nariai.
Kiyoshi Nishikawa, Chef der NetAgeInc., der größten Startup-Schmiede des Landes, ist dennoch optimistisch: "Unsere Mission ist einfach: Zerlegt das alte System und schafft ein neues Japan. Ist das eine unmögliche Mission? Wir Revolutionäre sagen nein." Was den Barrikadenstürmern allerdings fehlt, ist Kapital. Das ist für Japans Jungunternehmer schwer zu finden. Der außerbörsliche Aktienhandel ist unterentwickelt, die einzige Kapitalquelle sind Bankkredite, deren Zinsen steigen. Japan fehlt eine Kultur des Risikos, stattdessen regiert ein fast neurotischer Sicherheits-Fetischismus.
Der äußert sich nicht zuletzt im Widerstand der Japaner, eine Sprache zu sprechen, die die Kommunikation mit der Welt erst ermöglicht. "Keine Nation hat größere Anstrengungen unternommen, Englisch zu lernen, mit weniger Erfolg", sagt der Ex-US-Diplomat John R. Malott. Nur zwei asiatische Länder schneiden beim "Test of Englisch as a Foreign Language" schlechter ab: Afghanistan und Kambodscha.
Von der Sprachverweigerung
Der Verweigerung liegt nicht etwa eine kulturelle Unfähigkeit beim Fremdsprachenerwerb zu Grunde. Vielmehr ist es die Angst vor der Öffnung einer geschlossenen Gesellschaft, die sich tief in den Köpfen vergraben hat. Weder Schülern noch Studenten wird erläutert, dass es über das Bestehen von Prüfungen hinaus eine Notwenigkeit gibt, Englisch zu sprechen. Die Autarkie-Illusion der Studentin Sumiko und ihre Abneigung, sich über Landesgrenzen hinweg mitzuteilen, fußt auf nationalem Konsens. Sie ist das Produkt eines Erziehungssystems, das noch aus den Zeiten des Kaisers Meiji (1868-1912)stammt.
Japan bleibt eine letzte Hoffnung: der Mobilfunkmarkt. Aufgrund der hohen Festnetzpreise des Quasi-Monopolisten NTT telefonieren über 50 Millionen Bürger mobil. Rund zehn Millionen greifen bereits über ihr Handy auf des Internet zu. In der Mobilfunktechnologie ist Japan führend. Doch auch hier stellt sich die Frage: Kann das Land die Welt mit Inhalten beglücken? Denn verdienen lässt sich künftig vor allem mit jenen Stoffen, die zwischen den Dosen hin- und herfließen werden: sei es der Transfer von Geld, Waren oder Information via Taschentelefon.
© 2000 Financial Times Deutschland
Japan: Revolution auf Befehl des Staates
Von Torsten Engelhardt, Tokio
Japan müht sich um den verpassten Anschluss an das Zeitalter der Informationstechnologie. Doch Gesellschaft, Politiker und Unternehmer stehen sich dabei selbst im Wege.
Das neue Gebäude der Hosei-Universität im Zentrum Tokios beeindruckt. Über 40 Stockwerke reckt sich der lichtdurchflutete Turm in den Himmel, vollgepackt mit modernster Technik. Wie anderswo Mülleimer stehen in jeder Ecke Computer herum. An den Tischen der Cafeteria laden Telefonbuchsen zum kostenlosen Internet-Spaziergang ein. Und am Ausgabeschalter für Laptops herrscht nicht einmal Gedränge. Studenten können sich hier für die bevorstehenden Semesterferien superschlanke Sony-Geräte ausleihen.
Die 22-jährige Sumiko studiert an der Hosei interkulturelle Kommunikation. Weil ihr ein Auslandssemester in den USA bevorsteht, besucht sie derzeit einen Internet-Kurs. "Japan braucht eigentlich kein weltweites Netz", erklärt sie ihr spätes Interesse, "wir sind doch autark." Wie die meisten ihrer Kommilitonen hat sie noch nie eine ausländische Webpage besucht, noch nie etwas im Netz gekauft. Sie findet es zudem abwegig, via Computer mit Menschen in aller Welt zu kommunizieren. "Es entspricht nicht unserer Kultur, innere Angelegenheiten nach außen zu tragen", sagt sie.
Die frappierende Kluft zwischen IT-Angebot und Nachfrage will die japanische Regierung nun schließen. Bereits unter dem verstorbenen Premier Keizo Obuchi hat sie informationstechnologische Defizite im Land von Sony, Toshiba, Matsushita und Sharp konstatiert. Nachfolger Yoshiro Mori, der kürzlich zum ersten Mal die Tastatur eines Computers bediente, hat Japan jetzt eine IT-Revolution verordnet. In den kommenden Jahren soll das Land in eine Gesellschaft verwandelt werden, in der "Wissen und Information zur Hauptquelle von wirtschaftlichem Wachstum und unternehmerischem Gewinn werden." So hat Taichi Sakaiya, Minister für Wirtschaftsplanung, das Ziel formuliert.
Ganz abgesehen davon, dass sich Revolutionen nicht staatlich verordnen lassen, ist Japans IT-Offensive zum Scheitern verurteilt. Zu hoch sind die Erwartungen, zu gewaltig die Hindernisse. Dem gesellschaftlichen Umbruch stehen die Gesellschaft, ihre Politiker und die meisten ihrer Unternehmer im Wege.
Vom Segen des Aufbruchs
Eine vertane Chance: Denn nach Analysen des Wirtschaftsplanungsamtes wäre eine solche Radikalkur ein Segen für Japan. Ein Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent könnte sie dem Land bescheren, dass seit etwa zehn Jahren von Krise zu Krise strauchelt und sich dabei als reformresistent erweist. Knapp 3,7 Millionen neue Arbeitsplätze könnte sie schaffen, errechnete im Herbst 1999 eine Studie von Andersen Consulting und dem Ministerium für Industrie und Handel (MITI). Eine blühende Landschaft unabhängiger, mittelständischer Unternehmen könnte entstehen. Japans Konzernen würde der Aufbruch den überfälligen Strukturwandel aufnötigen: Rationalisierung, Abbau von Überkapazitäten, Umbau der Unternehmenskultur, Deregulierung und eine Bankenreform. Selbst die Probleme der kommenden Rentnerschwemme glaubt manch einer mit IT zu lösen - getreu dem Motto: Bringt die Alten ins Netz, und sie werden einen Teil ihrer Rente am Computer abarbeiten.
Doch so rosig die Prognosen auch sein mögen, bisher hat das Land der erfolgreichen Hardware-Produzenten die Entwicklungen der zurückliegenden zehn Jahre verschlafen. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hängt weit hinter dem Vorbild und gleichzeitig schärfsten Konkurrenten USA hinterher. Nach einer Untersuchung der Economist Intelligence Unit rangiert Japan im elektronischen Handel auf Platz 21 im internationalen Vergleich - als Schlusslicht der G7-Staaten. Von den 225 im Nikkei-Index vertretenen Top-Unternehmen haben 77 keine Webpage, 31 lediglich eine in japanischer Sprache. Nur rund 15 Prozent der japanischen Vorstände haben schon einmal das Internet besucht, in den USA sind es 64 Prozent. Nur knapp die Hälfte aller Schullehrer wissen einen Computer zu nutzen.
"Es wird nicht leicht sein, dieses Defizit aufzuholen", stellte Notenbankgouverneur Masaru Hayami im Juni resigniert fest. An der Nullzins-politik festzuhalten sei deshalb notwendig, sagte er damals. Inzwischen hob die Notenbank die Zinsen für Tagesgeld auf 0,25 Prozent an.
Die Gründe für Japans Rückständigkeit im IT-Bereich sind vor allem struktureller Art. "Unser Erziehungswesen bildet geduldige Menschen mit minimaler Originalität und Phantasie aus; sie sind ideal für die Arbeit in der standardisierter Massenproduktion", analysiert der Planungsminister. Medien und andere Informationsquellen wurden zentralisiert, fährt Sakaiya fort, das sei zwar ideal für die nationale Verbreitung identischer Informationen, entspreche aber nicht den Bedürfnissen einer Informationsgesellschaft.
Vom Mangel an Ideen
Was im Land der Erfinder von Walkman und Mikrowelle fehlt, sind Software-Entwickler und Lieferanten von weltweit absetzbaren Inhalten. Und Unternehmer, die jenseits von lebenslanger Anstellung mit Risiko Firmen aufbauen. So leidet Japan wie Deutschland an einem reformbedürftigen Bildungssystem und am Mangel von Fachkräften.
Letztere rekrutiert Japan derzeit vor allem aus den USA, China, Korea und - in Konkurrenz mit Deutschland - aus Indien. Etwa 11.000 asiatische IT-Gastarbeiter arbeiten derzeit im Lande, und die meisten von ihnen haben dort bereits studiert. Mit einer Rekordquote von 97,3 Prozent aller Anträge wandelte die japanische Regierung in diesem Jahr den Studentenstatus von Ausländern in eine Arbeitserlaubnis um.
Nur in Ausnahmefällen gelingt, was die japanische Regierung am liebsten sähe: die Umwandlung japanischer Hardware-Produzenten in Software-Entwickler. Die Studie von Andersen Consulting und dem MITI hat errechnet, dass Japans IT-Revolution etwa 2,7 Millionen Arbeitsplätze vernichten und weitere 3,5 Millionen in Gefahr bringen könnte. Demnach würde bis zum Jahr 2004 die Arbeitslosenquote von heute 4,9 Prozent auf 8,7 Prozent ansteigen. Die Bestückung japanischer Konzerne mit Informationstechnologie und Netzwerkkommunikation muss zwangsläufig zu Personalabbau führen. Bislang pflegte man eher die zeitaufwändigeund personalintensive Kontaktpflege auf Golfplätzen und in Nachtbars.
Allein dem Sony-Konzern gelang es, mit Hilfe teurer Umschulungsaktionen aus den eigenen Hardware-Experten Software-Spezialisten zu machen. "Bis zu 200 Top-Mitarbeiter wechseln bei uns pro Jahr von der alten in die neue Wirtschaft", sagt Sony-Vize Masayoshi Morimoto. Trotzdem bleibe die traditionelle Unterhaltungselektronik der wichtigste Geschäftszweig.
"Die IT-Revolution droht in Japan zur schlichten Dosenaufrüstung zu verkommen", spottet die Journalisten Yaeko Mitsumori in der Internet-Zeitschrift "J@pan.Inc.". Das Einzige, was passiere, sei, dass jeder Kühlschrank, jede Mikrowelle und jedes Auto auf irgendeine Weise mit dem Internet vernetzt werde. Doch was in der neuen Wirtschaft für Wachstum sorge, seien die Informationen, die zwischen den Dosen hin- und herflössen und nicht der Verkauf von alten Dosen mit neuen Knöpfen.
So befürchten die wenigen großen Namen der japanischen IT-Zukunft, wie etwa Sofbank-Gründer Masayoshi Son oder die beiden Gottväter der Tokioter Internet-Unternehmensgründer-Szene Satoshi Koike und Kiyoshi Nishikawa, dass mögliche Förderprogramme der Regierung wieder nur etablierte Konzerne subventionieren. "Wahrscheinlich wird die Regierung fortfahren anachronistische Entscheidungen zu treffen, wie Hardware-Verkäufe zu fördern", befürchtet der Wirtschaftsprofessor Osamu Nariai.
Kiyoshi Nishikawa, Chef der NetAgeInc., der größten Startup-Schmiede des Landes, ist dennoch optimistisch: "Unsere Mission ist einfach: Zerlegt das alte System und schafft ein neues Japan. Ist das eine unmögliche Mission? Wir Revolutionäre sagen nein." Was den Barrikadenstürmern allerdings fehlt, ist Kapital. Das ist für Japans Jungunternehmer schwer zu finden. Der außerbörsliche Aktienhandel ist unterentwickelt, die einzige Kapitalquelle sind Bankkredite, deren Zinsen steigen. Japan fehlt eine Kultur des Risikos, stattdessen regiert ein fast neurotischer Sicherheits-Fetischismus.
Der äußert sich nicht zuletzt im Widerstand der Japaner, eine Sprache zu sprechen, die die Kommunikation mit der Welt erst ermöglicht. "Keine Nation hat größere Anstrengungen unternommen, Englisch zu lernen, mit weniger Erfolg", sagt der Ex-US-Diplomat John R. Malott. Nur zwei asiatische Länder schneiden beim "Test of Englisch as a Foreign Language" schlechter ab: Afghanistan und Kambodscha.
Von der Sprachverweigerung
Der Verweigerung liegt nicht etwa eine kulturelle Unfähigkeit beim Fremdsprachenerwerb zu Grunde. Vielmehr ist es die Angst vor der Öffnung einer geschlossenen Gesellschaft, die sich tief in den Köpfen vergraben hat. Weder Schülern noch Studenten wird erläutert, dass es über das Bestehen von Prüfungen hinaus eine Notwenigkeit gibt, Englisch zu sprechen. Die Autarkie-Illusion der Studentin Sumiko und ihre Abneigung, sich über Landesgrenzen hinweg mitzuteilen, fußt auf nationalem Konsens. Sie ist das Produkt eines Erziehungssystems, das noch aus den Zeiten des Kaisers Meiji (1868-1912)stammt.
Japan bleibt eine letzte Hoffnung: der Mobilfunkmarkt. Aufgrund der hohen Festnetzpreise des Quasi-Monopolisten NTT telefonieren über 50 Millionen Bürger mobil. Rund zehn Millionen greifen bereits über ihr Handy auf des Internet zu. In der Mobilfunktechnologie ist Japan führend. Doch auch hier stellt sich die Frage: Kann das Land die Welt mit Inhalten beglücken? Denn verdienen lässt sich künftig vor allem mit jenen Stoffen, die zwischen den Dosen hin- und herfließen werden: sei es der Transfer von Geld, Waren oder Information via Taschentelefon.
© 2000 Financial Times Deutschland