Helau und Alaaf
Predigt
(Pastor Gert Kelter am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 2002)
Ein gelassener Apfelbaumpflanzer.
Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. (2. Korinther 3, 1-6)
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,
in der Nacht zum 22. Oktober 1844 warteten hunderttausende von Amerikanern, die sich um den Prediger William Miller geschart hatten darauf, dass Christus wiederkäme.
Der Farmer hatte die Ankunft Christi, den Advent, bereits für 1843 vorhergesagt, ohne dass bekanntlich etwas derartiges geschehen war. Aber Miller ließ sich nicht beirren. Weder durch die eindeutige Aussage Jesu Christi selbst, dass niemand außer dem Vater, nicht einmal der Sohn den Tag des Gerichtes kenne, noch durch die erlebte Enttäuschung. Er rechnete also weiter, nahm einen prophetischen Tag für ein irdisches Jahr, fügte noch ein halbes Jahr hinzu, das er ermittelte, indem er das Gleichnis Jesu von den zehn Jungfrauen, in dem der Bräutigam, wie es dort heißt, „bis Mitternacht verzog" so verstand, dass er aus diesem halben Tag Verzug ein halbes Jahr konstruierte und damit auf den 22. Oktober 1844 kam.
Aufgrund dieser Adventbotschaft wurde eine hysterische Wiederkunftsbewegung ausgelöst: Viele verkauften ihren Besitz, schlossen ihre Geschäfte, beglichen ihre Schulden, zahlten hinterzogene Steuern nach; zerrüttete Ehen wurden geheilt und die Farmer brachten die Ernten nicht mehr ein.
Aber die Nacht verging und nichts geschah. Am Morgen nach der durchwachten Nacht brach nun aber die Adventbewegung nicht in sich zusammen, wie man das vielleicht annehmen würde. Sie besteht, genau genommen, in Form der sog. Siebenten-Tages-Adventisten bis heute fort. Nein, ein Farmer namens Hiram Edson erhielt am frühen Morgen des 23.10.1844, wie auch immer, aber jedenfalls die Gewissheit, dass Christus am 22.10.1844 „die Reinigung des himmlischen Heiligtums" vollzogen habe. Mit dieser lapidaren Erklärung, die niemand hinterfragen konnte, weil sie ja direkte göttliche Offenbarungsqualität beanspruchte, war William Miller als Prophet bestätigt, die Bewegung gerettet und die Hoffnung auf die dennoch in nächster Zeit erwartete sichtbare Wiederkunft Christi nicht völlig dahin.
Liebe Gemeinde, das ist nur eine aus unzähligen ähnlichen Geschichten aus den vergangenen knapp 200 Jahren, in denen –übrigens mehrheitlich amerikanische- Propheten, Visionäre und auch Scharlatane den Tag der Wiederkunft Christi zu berechnen versuchten, damit scheiterten aber es fast immer schafften, ihren Irrtum als Änderung des göttlichen Planes zu verkaufen und aus einer Bewegung eine durchaus sehr weltliche Institution in Form irgendeiner Sekte zu machen, von der sie in vielen Fällen danach ganz gut leben konnten.
Und weil solche Endzeitberechnungen mit schöner Regelmäßigkeit aufkommen und ebenso regelmäßig scheitern, haben wir uns daran gewöhnt, belächeln solche Vorkommnisse, aber laufen dadurch Gefahr, die Tatsache, dass Christus am letzten Tag dieser Erdzeit zu Gericht und Vollendung wiederkommen wird, oder wie man früher sagte, am „jüngsten Tag", zu verdrängen und aus unserem eigenen Leben auszublenden. Wenn zehn mal hintereinander bei einer Feuerwache Fehlalarm geschlagen wird, ist die Gefahr groß, dass die Mannschaft beim elften Mal nur noch müde gähnt und nicht mehr ausrückt, selbst wenn es dann tatsächlich brennt. Man sagt, Sekten seien In-Sekten auf den Wunden am Leib Christi. Also: In jeder Sekte zeigt sich eine von der Kirche zu wenig beachtete oder ganz vernachlässigte Glaubenswahrheit, die nur in sektiererischer Weise absolut gesetzt und ungebührlich oder auch entstellt ins Zentrum gerückt wird.
Luther konnte noch seine tief empfundene Sehnsucht nach dem Ende dieses Universums und der Neuschöpfung Gottes dadurch ausdrücken, dass er gerne vom „lieben jüngsten Tag" sprach. Wir haben eben alle gesungen: „Wir warten dein, o Gottes Sohn und lieben dein Erscheinen." Nun ja, es stand eben im Gesangbuch und hat eine gefällige Melodie. Aber ist das unser eigenes Empfinden? Warten wir mit einer gewissen Spannung und Ungeduld auf die Wiederkunft Christi? Freuen wir uns darauf, lieben wir also wirklich sein verheißenes Erscheinen? Ich vermute, dass da viele vorhin eine fromme Lüge gesungen haben und nicht wirklich meinen, was sie sangen, wenn sie darüber nachdenken, was da eigentlich stand.
Wir sind innerlich und geistlich meist meilenweit entfernt von den Denkmustern der Miller-Anhänger des 19. Jahrhunderts, und das ist kein wirklicher Fehler. Aber wir sind eben auch oder noch weiter entfernt von den Vorstellungen der ersten Christen, beispielsweise in Thessaloniki, an die sich der Apostel Paulus in unserem Abschnitt wendet.
Der 1. Thessalonicherbrief ist wohl der älteste Brief des Neuen Testamentes. Da gab es vielleicht noch Menschen, die die Himmelfahrt Christi erlebt hatten und bezeugen konnten, die Empfänger der Verheißung waren: Ich werde sichtbar wiederkommen.
Man kann es nachvollziehen, auch wenn solche Menschen ganz demütig darauf verzichteten, den genauen Tag und die Stunde in irgendeiner Weise zu „errechnen", dass sie davon ausgingen, das Ende der Zeit noch selbst mitzuerleben. Aber nun waren die ersten Christen bereits gestorben und der liebe jüngste Tag ließ auf sich warten. Wie sollte man damit umgehen? Auf der einen Seite wurde vielleicht höhnisch gespottet: Na, wo bleibt denn euer Messias?! Auf der anderen Seite musste man sich damit auseinandersetzen und abfinden, dass die Welt sich einfach weiter drehte, alles seinen gewohnten Gang nahm und der Alltag mit seinen Anforderungen auch die Christen fest im Griff hatte.
Der Apostel muss trösten ohne in falscher Weise nur zu ver-trösten: Es ist nicht nötig, schreibt er, von irgendwelchen genauen Stunden und Zeiten zu schreiben. Ihr wisst doch, was Jesus Christus selbst in seinen Gleichnissen immer wieder gesagt hat: Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Damit will Paulus keine Angst machen; es geht nicht darum, dass ein Dieb ein Verbrecher ist und, wenn er beim Einbruch ertappt wird, vielleicht zum Totschläger wird. Das Sprachbild will nur auf einen Punkt hinaus: Diebe melden sich nicht an und bitten die zu Bestehlenden, sich doch freundlicherweise heute nacht zwischen 22.30 Uhr und 0.00 Uhr zur Einbruchsaktion bereitzuhalten. Das heißt: Christus wird wiederkommen, aber für alle zu einem Zeitpunkt, der nicht zu berechnen ist, der genau dann eintritt, wenn man es nach menschlichem Ermessen vielleicht am allerwenigsten erwarten würde und alles nach Frieden und Gefahrlosigkeit aussieht. Und das gilt für alle Menschen, auch für die Christen. Die werden also keine geheime Vorabinformation erhalten, wie es sich die Sektierer vorstellen und natürlich immer annehmen, sie seien die auserwählten Sonderinformationsempfänger.
Auch das zweite, von Paulus verwendete Sprachbild von den Wehenschmerzen einer schwangeren Frau, die unkalkulierbar und plötzlich einsetzen, will keine Ängste schüren und den Tag des Herrn als böse oder schmerzhaft kennzeichnen, sondern nur sagen: Die Plötzlichkeit, die unangekündigte Unplanbarkeit des Advents ist der Vergleichspunkt.
Allerdings: Eine schwangere Frau weiß durchaus, dass irgendwann und zwar ziemlich unentrinnbar, die Wehen einsetzen werden. Wann genau, das weiß sie nicht.
Sie könnte nun in dieser Lage alles stehen und liegen lassen und neun Monate lang gespannt auf den Moment warten, zu dem die erste Wehe sich bemerkbar macht. Sie könnte ihren Alltag Alltag sein lassen und an nichts anderes mehr denken, als an diesen, unausweichlich aber auch unberechenbar kommenden Augenblick. Sie könnte jedes körperliche Ziepen und Zucken registrieren und einzuordnen versuchen und es als erste Anzeichen der Wehen deuten.
Sie könnte 24 Stunden am Tag Bücher über Schwangerschaft und Geburt lesen und dabei das Essen und Schlafen vergessen. Und genau das wäre falsch, und wenn die Gute einigermaßen bei Verstand ist, wird sie es auch so nicht treiben.
Ich denke, dieses Beispiel mach ohne weitere Erläuterungen deutlich, wie wir Christen nicht mit der Erwartung des nahenden Endes dieser vergehenden Schöpfung umgehen sollten.
Wie aber dann? Der Trost des Apostel hat noch eine Fortsetzung: <Ihr seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages, keine finsteren Nachtgestalten mehr. Darum lasst uns nicht schlafen wie die anderen, sondern wachen und nüchtern sein.> Das ist das geistliche Regularium, aber auch das Evangelium, die tröstende, aufrichtende Botschaft des Apostels an die Thessalonicher.
Folgende Gesichtspunkte sind dabei herauszuheben:
Ihr seid Kinder des Lichtes. Wer getauft ist und an Jesus Christus als seinen Herrn und Erlöser glaubt, steht immer im hellen Licht; da kann die Nacht so dunkel sein, wie sie will.
Es gibt nicht den geringsten Grund für uns Christen, den Tag des Endes dieser Zeit und Welt zu fürchten. Wenn er da ist, werden wir’s merken und ihn wie selbstverständlich als die Erfüllung unserer Sehnsüchte erkennen und erleben. Das müssen wir nicht hier und jetzt in irgendeiner psychisch überspannten Weise „fühlen", es muss da nicht ständig irgend etwas in uns „kribbeln". Aber es könnte ja sein, dass wir z.B. bei der allabendlichen Tagesschau von kaltem Grausen überfallen werden und das Gefühl bekommen: Das kann doch alles nicht gutgehen. Wie soll das noch enden? So etwas kann lähmen, depressiv machen, in Verzweiflung stürzen. Aber nicht für Kinder des Lichtes, die wissen, dass alles, was hier ist und geschieht, nur Vorletztes ist. Und wer nicht verzweifelt und gelähmt ist, sondern in wachsamer Nüchternheit jegliches irdische Geschehen zur Kenntnis nimmt, weil er’s als Kind des Lichtes so zur Kenntnis nehmen kann, der wird ein heiterer, gelassener, verantwortungsbewusster Apfelbaumpflanzer und kein resignierter Hände-in-den-Schoß-Leger, solange diese Welt noch steht.
Apfelbaumpflanzer, das sind die, die mit Luther sprechen: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Schade eigentlich, dass es unsere alten 50-Pfennig-Stücke nicht mehr gibt, die auf der Rückseite eine Frau zeigten, die zwar kein Apfel- aber ein Eichbäumchen pflanzte und mich oft an diesen gelassenen und tief frommen Lutherspruch erinnerte.
Wachsamkeit, aber gepaart mit Nüchternheit heißt das Geheimnis und ist der Kern des apostolischen Trostwortes.
Und dabei gibt die Nüchternheit der Wachsamkeit ihr Gefälle. Das Beispiel vom Dieb in der Nacht zeigt, wie es gemeint ist. Da man eben nicht wissen kann, wann der Dieb kommt, nur, dass es meistens in der Nacht geschieht, kann man sinnvollerweise dagegen nur eines tun: Man kann tagsüber dafür sorgen, dass das Haus bestellt ist, man kann sich vielleicht gegen Diebstahl versichern und nicht fahrlässig Fenster und Türen offen stehen lassen. Aber dann kann und muss man auch schlafen gehen können, damit man am nächsten Tag wieder ausgeruht die Dinge erledigen kann, die zu erledigen sind. So lange, aber solange auch in großer Ernsthaftigkeit und Verantwortlichkeit, bis der Tag des Herrn dann wirklich kommt, sei es heute abend oder in tausend Jahren.
Die Adventisten William Millers, die ihre Schulden bezahlten, hinterzogene Steuern beglichen und sich mit ihren Ehepartnern versöhnten, nötigen uns vielleicht eine gewisse Bewunderung ab, zumal alle genannten Dinge ja durchaus respektabel uns für Christen zu empfehlen sind. Aber die Ironie der Heilsgeschichte könnte und wird wohl in manchen Fällen auch so ausgesehen haben, dass die Farmer spätestens im Januar 1845 zwar ihre alten Schulden beglichen hatten, aber nun ohne Haus und Hof, den sie ja verkauft hatten, ohne Ernteerlös, die sie ja nicht eingebracht hatten und mit inzwischen wieder richtig zänkischen Eheweibern dastanden, die behaupteten, es ja gleich und immer schon gewusst zu haben, dass dieser Miller ein Spinner sei.
Die Gewssheit, dass Jesus Christus wiederkommen wird zum Gericht und zu Vollendung und Neuschöpfung, ist ein Trost und Kraftwort für unser Leben als Christen in wachsamer Nüchternheit und nüchterner Wachsamkeit. Es ist kein Chaoswort, das es uns gestattet, uns aus diesem Leben schon jetzt innerlich zu verabschieden. Amen.
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