Duisenberg bereitet Weg für Zinssenkungen


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first-henri:

Duisenberg bereitet Weg für Zinssenkungen

 
06.02.03 23:51
Aus der FTD vom 7.2.2003  
Duisenberg bereitet Weg für Zinssenkungen
Von Sebastian Dullien, Berlin, und Andreas Krosta, Frankfurt

Der dramatische Absturz der deutschen Wirtschaft setzt sich fort. Die Bundesbank teilte am Donnerstag mit, dass die Auftragseingänge der deutschen Industrie im Dezember eingebrochen sind.

Nach einer Studie des Informationsdienstes Creditreform sind 2002 zudem 16,4 Prozent mehr deutsche Unternehmen bankrott gegangen als noch 2001. Die Europäische Zentralbank (EZB) signalisierte am Donnerstag, dass sie schon bald mit einer weiteren Zinssenkung auf die anhaltende Konjunkturflaute antworten könnte.

In den vergangenen Wochen deuteten Konjunkturindikatoren darauf hin, dass die Erholung in der Euro-Zone ins Stocken geraten ist. EZB-Präsident Wim Duisenberg sagte am Donnerstag, die Abschwungrisiken hätten sich verschärft. Die Äußerung signalisiert die Bereitschaft der EZB, ihre Geldpolitik zu lockern, falls sich die Konjunktur weiter abschwächen sollte. Derzeit liegt der EZB-Leitzins bei 2,75 Prozent.



Briten senken Zinsen


Duisenberg räumte ein, dass die Bank ihre interne Wachstumsprognose im Frühjahr revidieren könnte. Ökonomen nannten die Kommentare "bemerkenswert". Sie seien "deutlicher als erwartet" ausgefallen, sagte Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt der Investmentbank UBS Warburg. Die Bank of England reagierte bereits am Donnerstag auf die Wirtschaftsflaute. Sie senkte ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,75 Prozent.


Die Entwicklung der deutschen Auftragseingänge deutet nach Einschätzung von Experten auf neue Konjunkturrisiken hin. Nach Angaben der Bundesbank verbuchte die deutsche Industrie im Dezember preis- und saisonbereinigt 4,1 Prozent weniger Aufträge als im Vormonat. Besonders dramatisch brachen die Aufträge aus dem Ausland ein. Sie sanken um 8,7 Prozent.



Pessimistische Prognosen


Laut Jörg Krämer, Chefvolkswirt von Invesco Asset Management, ist die Exportschwäche nicht auf die jüngste Aufwertung des Euro zurückzuführen. Vielmehr habe es im Dezember weniger Großaufträge als in den Vormonaten gegeben. Laut Krämer reagieren Exporte mit einer Verzögerung von rund sechs Monaten auf Wechselkursbewegungen. Der Euro habe vor allem seit Anfang Dezember an Wert gewonnen. "Der negative Effekt der Euro-Stärke steht uns noch bevor", sagte Krämer.


Auch in der Zahl der Unternehmenspleiten spiegelt sich die Wirtschaftsschwäche wider. Nach der Studie des Informationsdienstes Creditreform stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Europa im vergangenen Jahr gegenüber 2001 um 10,7 Prozent auf 150.275. Die Zahl der deutschen Firmenpleiten wuchs um 16,4 Prozent auf 37.000 Fälle.



© 2003 Financial Times Deutschland
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first-henri:

Die EZB wird noch einen mächtigen Zahn zulegen

 
06.02.03 23:53
Aus der FTD vom 7.2.2003 www.ftd.de/kapital
Das Kapital: Die EZB wird noch einen mächtigen Zahn zulegen

In der Haut der EZB-Räte will man nicht stecken. Die Fed druckt Geld, die Bank von Japan (BoJ) druckt Geld. Allein seit Ende 2000 hat die Fed die monetäre Basis - das direkt von ihr kontrollierte Geldangebot - um zehn Prozent heftiger ausgeweitet, als das nominale BIP gewachsen ist.

 

Geld und Währung


In Japan ist die monetäre Basis sogar um 46 Prozent schneller gestiegen. Und beide Notenbanken drücken schon seit den 90er Jahren auf die Tube. Japan brauchte dringend eine Abwertung des Yen auch gegenüber dem Dollar, wie nicht zuletzt die fallenden Nominallöhne zeigen. Um das zu erreichen, müsste die BoJ (ihr nächster Chef) die monetäre Basis zweifellos wieder schneller ausweiten als die Fed, was sie seit einem Dreivierteljahr nicht mehr tut. Schon wenn der Euro-Dollar-Wechselkurs ab jetzt unverändert bliebe, würde der Yen dann gegenüber dem Euro weiter abwerten. Seit Ende 2000 ist er bereits von rund 90 auf 130 Yen je Euro gefallen.

Natürlich zeugt die Geldpolitik auf beiden Seiten des Pazifiks von kranken Wirtschaften. Aber was soll die EZB machen: Auch noch Geld drucken auf Teufel komm raus? Am Ende ist Inflation ein monetäres Phänomen, wiewohl wir das angesichts der Deflationsfurcht derzeit nicht wahrhaben wollen.


Dennoch wird die EZB um weitere Zinsschritte nicht herumkommen, weswegen Wim Duisenberg sie am Donnerstag vorbereitet hat. Und es wird weder bei 25 noch bei 50 Basispunkten bleiben. Seit Oktober 2000 hat der Euro handelsgewichtet um 17,4 Prozent aufgewertet. Die deutschen Importpreise sind seitdem kumuliert um 5,4 Prozent gefallen, bei quasi unverändertem Ölpreis. Die Euro-Kerninflationsrate ist ohnehin schon auf dem Rückzug. Aber sie wird noch viel deutlicher nachgeben. Nicht nur, dass die Preiserwartungen der europäischen Konsumenten seit Monaten nach unten weisen, wobei die Erfahrung lehrt, dass sie ein sehr genaues Gespür haben. Helfen wird auch ein schlichter Basiseffekt. Denn 2002 ist der Kernkonsumentenpreisindex allein zwischen Januar und Mai um knapp 1,5 Prozent gesprungen, was heuer eindeutig ausbleiben wird.


Derweil ist die Kreditnachfrage schwach, und trotz des Börsenkrachs geht auch das M3-Wachstum langsam zurück. Indes ist schwach kein Ausdruck für die deutsche Wirtschaft, wie die Aufträge und die erschütternden Januar-Arbeitsmarktzahlen belegen. Nicht minder schauerlich ist, dass der Beschäftigungsindex der jüngsten Euro-Einkaufsmanagerumfrage für das Dienstleistungsgewerbe auf den niedrigsten Stand seit Ersterhebung gefallen ist, während auch die Industrie weiter entlässt. Die Schreckensliste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen.


Die EZB wird daher noch viel weiter lockern, als wir uns das heute vorstellen. Ihr bleibt nichts anderes übrig. Und solange sie die Zügel wieder straffer zieht, sobald Kredit- und Geldnachfrage aus dem Ruder zu laufen drohen, ist das auch ökonomisch vertretbar.



Royal Dutch/Shell


So wachstumsschädlich ist ein hoher Ölpreis nun doch nicht - wenigstens nicht für Royal Dutch/Shell, deren Nettogewinn im vierten Quartal um 46 Prozent zulegte. Insgesamt sprudelte aus dem Ölmulti 2002 ein Überschuss von 9,2 Mrd. $, mehr als aus jedem anderen europäischen Unternehmen.


Aber bei den Anlegern will keine richtige Freude aufkommen: Der Aktienkurs ist im vergangenen Jahr um ein knappes Drittel gefallen, trotz der ansehnlichen Preise für das schwarze Gold. Schuld ist der Spagat zwischen zukünftigem Wachstum und kurzfristiger Rendite, den die "super majors" - Exxon Mobil, BP und Shell - seit Jahren zu vollziehen versuchen. Exxon war schon stets eher der Rendite zugeneigt. BP hat sich vor wenigen Tagen von den überambitionierten Produktionszielen verabschiedet, um sich auf den Profit zu konzentrieren. Shell ist wieder mal zwischen beide Stühle gefallen.


Einerseits haben die Anglo-Holländer vergangenes Jahr für 16 Mrd. $ kleinere, weniger effiziente Rivalen wie Enterprise Oil teuer zugekauft. Dadurch ist die Eigenkapitalrendite auf 12,5 Prozent gerutscht, also unter das Ziel von 13 bis 15 Prozent. Andererseits will Shell die Produktion jährlich um drei Prozent steigern - obwohl es 2002 nur ein Prozent war und der Konzern nur halb so viel Öl entdeckt wie gefördert hat. Um die Reserven aufzustocken und wachsen zu können, muss Shell also mehr investieren und braucht vermutlich weitere Akquisitionen. Das wiederum wird erneut die Rendite belasten.


Bis Shell die Quadratur des Kreises schafft, können sich die Anleger mit einer sicheren Dividendenrendite von 4,2 Prozent vertrösten, vergleichbar mit zehnjährigen Staatsanleihen. Auch ist die Firma mit dem sechsfachen 2004er Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen bewertet um 30 Prozent billiger als Exxon und um ein Zehntel preiswerter als BP. Nur bleibt das Risiko eben erheblich, dass der Ölpreis nach einem schnellen Irak-Krieg letztlich wieder einbricht.



© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustration:  FTD
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