Die Zukunft des Finanzplatzes Deutschland


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Die Zukunft des Finanzplatzes Deutschland

 
16.10.01 13:18
FTD-Special: Die Zukunft des Finanzplatzes Deutschland

Durch die Steuer- und Rentenreform brechen im nächsten Jahr goldene Zeiten für Banken und Versicherungen an. Wie die Konzerne diese Chance nutzen wollen, untersucht ein FTD-Special.

1.Chance durch drastischen Wandel

Die Unternehmens- und Aktienkultur hat sich verändert - eine neue Chance für die Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Nach einem Jahr mit enttäuschendem Wachstum, rückläufigen Unternehmensgewinnen und sinkenden Aktienkursen würde man es der deutschen Wirtschaft verzeihen, wenn sie für 2002 vor allem an Zurückhaltung und Ausgabenkürzungen denkt.

Aber 2002 ist für Deutschland alles andere als ein normales Jahr. Denn im kommenden Jahr wird nicht nur die D-Mark durch den Euro ersetzt und damit der letzte Schritt in eine neue Ära des Zusammenwachsens und des verschärften Wettbewerbs in Europa vollzogen. Im kommenden Jahr werden auch einige der bislang weitreichendsten Reformen im deutschen Steuersystem, bei den Aktienmarktbestimmungen und der privaten Altersvorsorge umgesetzt.

Mit diesen Veränderungen geht die Chance auf einen echten Wandel an den deutschen Finanzmärkten einher, auf eine Belebung der Unternehmenskultur und eine mittelfristige Verbesserung der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Da sich zudem im September 2002 Bundeskanzler Schröder und seine Mitte-links-Regierung zur Wiederwahl stellen müssen, dürfte sich das nächste Jahr als das spannendste für die deutsche Wirtschaft seit dem Fall der Mauer 1989 erweisen.

Auch Rezession kann Umbau der Wirtschaft nicht mehr aufhalten

Nach den Terroranschlägen auf die USA wird Deutschland derzeit wie der Rest der Welt von Unsicherheiten geplagt, die finanzielle und wirtschaftliche Auswirkungen haben. Aber selbst eine Rezession dürfte wohl kaum den Umbau der deutschen Wirtschaft und den Wandel zu einer echten Aktienkultur aufhalten - geschweige denn umkehren.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die bevorstehende Reform des Rentensystems. Sie sieht vor, dass deutsche Arbeitnehmer ab 2002 erstmals ein Prozent ihres Bruttoeinkommens in staatlich geförderte Instrumente zur privaten Altersvorsorge wie Versicherungen oder Aktien- und Rentenfonds anlegen können.

Dieser Betrag soll schrittweise alle zwei Jahre um einen Prozentpunkt bis auf vier Prozent des Bruttoeinkommens im Jahr 2008 angehoben werden. Gleichzeitig soll der gesetzliche Rentenanspruch von 70,7 Prozent des Nettoeinkommens, wo er im vergangenen Jahr lag, bis 2010 auf rund 69 Prozent gesenkt werden.

Reformen führen Investmentfonds Geld zu

Aus den Reihen der Sachverständigen war zu hören, die Reform gehe nicht weit genug. "Die staatlichen Leistungen im Rahmen des Umlagesystems müssen weiter zurückgefahren und die Attraktivität der privaten Altersvorsorge muss erhöht werden", meint Thomas Mayer, Volkswirt bei Goldman Sachs in Frankfurt.

Aber ungeachtet der Kritik dürfte das deutsche Rentensystem nach der Reform finanziell besser dastehen als viele der staatlichen Rentensysteme in anderen Ländern der Euro-Zone, beispielsweise in Italien und Griechenland. Und langfristig wird diese Entwicklung unweigerlich zu einem größeren Mittelzustrom in Investmentfonds und ähnliche Anlageprodukte führen.

Da die Aktie als Anlageform der breiten Masse in Deutschland ein noch recht neues Phänomen ist, das mit der Teilprivatisierung der Deutschen Telekom 1996 begann, ist der potenzielle Markt weiter riesig. Mit durchschnittlich 4780 Euro in Investmentfonds pro Kopf hinkt Deutschland Ländern wie Amerika mit 25.000 Euro, Frankreich mit 13.500 Euro und Großbritannien mit 7000 Euro deutlich hinterher.

Rentensystem nur mit Aktienkomponente möglich

Dem Deutschen Aktieninstitut zufolge, das sich die Förderung der Aktienkultur auf die Fahnen geschrieben hat, ist die Zahl der direkten und indirekten Aktienbesitzer im ersten Halbjahr 2001 auf 13,4 Millionen gestiegen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 11,3 Millionen.

Diese Zahl verschleiert, dass zwar die Zahl der Anteilinhaber bei Fonds um mehr als zwei Millionen gestiegen, die der direkten Aktionäre jedoch um 100.000 gefallen ist. Denn der drastische Kursrückgang in diesem Jahr - nicht zuletzt der der Deutschen Telekom, deren Kurs zwischenzeitlich unter den Emissionspreis fiel - hat zahlreiche Kleinanleger zum Rückzug bewegt.

Die Rentenreform wird dennoch den langfristigen Trend hin zu einer verstärkten Aktienanlage unumkehrbar machen. "Ein Rentensystem ohne Aktienkomponente ist praktisch undenkbar", heißt es in einer Untersuchung der Commerzbank.

Unreife Firmen führten zum Desaster

Viele der erstmals am Markt auftretenden Kleinanleger haben zweifellos herbe Verluste durch die Talfahrt des Neuen Marktes hinnehmen müssen. Das Börsensegment für kleine, schnell wachsende Unternehmen war einst der ganze Stolz der aufkommenden deutschen Aktienkultur. Von ihrem Höchststand im März 2000 sind die Kurse am Neuen Markt im Durchschnitt um mehr als 90 Prozent eingebrochen und haben die Kapitalisierung des Marktes auf unter 50 Mrd. Euro rutschen lassen.

Schwer zu verdauen war auch die Erkenntnis, dass die Bestimmungen des Neuen Marktes zu lasch waren und einige Banken Unternehmen an die Börse brachten, die dafür noch nicht reif waren.

"An dieser Misere trägt jeder eine Mitschuld", meint ein leitender Angestellter eines Private-Equity-Unternehmens. "Zahlreiche Unternehmen haben den Neuen Markt zur billigen Kapitalaufnahme genutzt, obwohl sie letztlich keine solide Geschäftsstrategie vorzuweisen hatten. Und Anleger wurden von Analysten mit Hochglanzstudien über den wahren Wert dieser Firmen getäuscht. Viele Anleger haben sich dabei die Finger verbrannt."

Deutsche Börse zieht Lehren

Aber man beginnt, Lehren aus dem Desaster zu ziehen. Als Betreiber des Neuen Marktes hat die Deutsche Börse in der Zwischenzeit die Vorschriften für das Marktsegment verschärft, um Betrug, Insiderhandel und offenem Missmanagement einen Riegel vorzuschieben.

Ein deutsches Gericht hat im September zwei Manager des börsennotierten Software-Unternehmens Infomatec dazu verurteilt, für Verluste eines Aktionärs aufzukommen, die er auf Grund einer irreführenden Unternehmensmeldung erlitten hatte. Das Gerichtsurteil könnte möglicherweise Präzedenzcharakter haben. Infomatec hat vor kurzem ein Insolvenzverfahren eingeleitet.

Aber 2002 wird auch für andere Segmente des deutschen Aktienmarktes ein wichtiges Jahr sein. So werden im kommenden Jahr zwei wesentliche Änderungen im Dax eingeführt, dem Index der dreißig größten deutschen Standardwerte.

Liquidität im Markt wird steigen

Ab Juli 2002 wird der Streubesitz eines Unternehmens für dessen Gewichtung im Index ausschlaggebend sein. Zudem werden nur stimmberechtigte Aktien bei der Gewichtung gezählt. Mit den Reformen dürften die Liquidität im Markt und die Transparenz auf Unternehmensebene steigen, da der Anreiz für Unternehmen wächst, ihren Streubesitz zu erhöhen. Zudem wird es so unattraktiver, wie bisher zwei Aktienklassen zu führen, nämlich Stamm- und Vorzugsaktien (ohne Stimmrecht).

Sollten Unternehmen wie Allianz, Deutsche Bank und Münchner Rück die im Januar in Kraft tretenden umwälzenden Änderungen der Besteuerung von Kapitalgewinnen nutzen (siehe Seite 7), könnten sich diese Prognosen freilich als falsch erweisen. Das im nächsten Jahr in Kraft tretende Gesetz ermöglicht den steuerfreien Verkauf von Beteiligungen an anderen Unternehmen. Es macht damit den Weg frei für eine umfassende Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft, da Banken, Versicherer und Versorger Beteiligungen zum Verkauf anbieten werden, die sich seit Jahrzehnten in ihren Portfolios befinden.

Die Reform ermöglicht aber auch eine Umstrukturierung innerhalb der führenden deutschen Finanz- und Industriekonzerne, die sich auf diese Weise auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und damit den Wert für ihre Aktionäre steigern können.

Allianz und Münchner Rück sind treibende Kräfte

Einen ersten Vorgeschmack auf die anstehenden Veränderungen gab es Anfang des Jahres, als die Allianz die Dresdner Bank übernahm, den einst schärfsten Rivalen der Deutschen Bank. Nichts scheint der Allianz ferner zu liegen, als die umfangreichen Beteiligungen der Dresdner Bank an Unternehmen wie BMW, Karstadt und Linde zu halten. Vielmehr dürften sie verkauft und lediglich das landesweite Filialnetz der Dresdner für den Vertrieb von Allianz-Versicherungsprodukten genutzt werden.

Das Geschäft hat aber auch einmal mehr gezeigt, dass die treibenden Kräfte der deutschen Finanzwelt die beiden in München ansässigen Versicherungskonzerne Allianz und Münchner Rück sind - und nicht die Banken. Einzige Ausnahme ist die Deutsche Bank, die sich gern als globale Investmentbank und Vermögensverwaltung präsentiert. Was die beiden anderen großen Geschäftsbanken, Commerzbank und HBV, anbelangt, so lassen ihre niedrigen Kurse Analysten zufolge darauf schließen, dass sie wohl eher zu den Übernahmekandidaten gehören dürften und kaum selbst die Konsolidierung in der Bankenlandschaft der Euro-Zone vorantreiben werden.

2.Großer Test für das Allfinanz-Konzept

Mit der Übernahme der Dresdner Bank schafft die Allianz eine gigantische Allfinanz-Gruppe - und will sich damit eine günstigste Ausgangsposition auf dem deutschen Privatanlegermarkt sichern.

Sie kann als erster Finanzdienstleister dem Kunden über zahlreiche Vertriebskanäle sämtliche Bank- und Versicherungsprodukte aus einer Hand anbieten. Außerdem ist sie ideal aufgestellt, um von der Riester’schen Rentenreform zu profitieren. Die Reform steigert die Anreize für das langfristige Sparen und dürfte dem Finanzsektor insgesamt erhebliche Zusatzeinnahmen bringen.

Die Übernahme der Dresdner Bank hat die Märkte überrascht. Analysten hatten eher eine grenzüberschreitende Bankenfusion erwartet, trotz vorhandener Kulturunterschiede und fehlender Kosten senkender Synergien.

Seit der ersten Ankündigung der Rentenreform im Sommer 1999 sind jedoch auch mehrere andere Versicherer Partnerschaften mit Banken eingegangen, um ihre Vertriebsmacht zu stärken.

Ein europaweiter Trend

Es sieht überhaupt so aus, als ob die Entwicklung bei Finanzdienstleistern in Europa bevorzugt in Richtung Allfinanzkonzern geht. Die Münchener Rück, größter Versicherer der Welt und zweitgrößter Primärversicherer Deutschlands, hat ihre Verbindungen zur HVB-Gruppe gestärkt, als im Zuge der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz einige Überkreuzbeteiligungen im deutschen Finanzsektor aufgelöst wurden.

Schon im vorigen Jahr schloss die italienische Versicherung Assicurazioni Generali, die die deutsche Lebensversicherungsgesellschaft AMB beherrscht, eine Exklusiv-Vertriebsvereinbarung mit der Commerzbank, der Nummer vier unter den deutschen Banken.

Erst vor zwei Wochen schloss überdies die Deutsche Bank ein Kooperationsabkommen mit Zurich Financial Services. Die Vereinbarung war Teil der 2,5 Mrd. Euro teuren Übernahme von Zurich Scudder Investments, Zurichs für Vermögensverwaltung in den USA zuständigen Tochterfirma.

Die einzige Chance für Versicherungen

Für Versicherungen werden derartige Vereinbarungen zwingend, weil die Banken im Vergleich mit den traditionellen Versicherungsvertretern über eine zunehmende Distributionskraft verfügen. Die Banken sind der Schlüssel für den Zugang zum entscheidenden Massenwohlstandsmarkt, also zu den 21 Millionen Deutschen, die intelligentere Aktienprodukte und Beratungsdienste nachfragen.

Goldman Sachs ist der Meinung, dass Versicherer ohne Zugang zu einem Bankvertriebsnetz es schwer haben werden, ihren Anteil am Kapitalmarkt zu vergrößern oder auch nur zu halten. Diejenigen Marktteilnehmer, die sich für das Modell der Vollintegration entschieden hätten, seien am besten positioniert, um von der deutschen Rentenreform zu profitieren.

Oliver Schmidt, Investor-Relations-Chef bei der Allianz, betont, dass die bloße Zusammenarbeit mit einer Partnerbank für den Versicherer nicht mehr ausgereicht hätte. Integrationsmodelle, sagt Schmidt, seien fünfmal produktiver als bloße Joint Ventures, wenn es um das Cross-Selling von Versicherungspolicen geht: "Wenn wir Eigentümer der Bank sind, vermeiden wir auch Konflikte zwischen den Vermögensverwaltungsaktivitäten der Bank und den Lebens- und Rentenversicherungsangeboten des Versicherers, die sonst durchaus in Konkurrenz zueinander stehen könnten."

Entscheidend: Die Kontrolle beim Vertrieb

Für eine vollständige Integration sprechen nach Auffassung von Schmidt aber auch noch andere Faktoren. Beim Vertrieb bleibe der größte Teil der Produktmargen hängen: "Wenn man das Geld selbst verdienen will, muss einem der Vertriebskanal gehören."

Die Kontrolle der Vertriebskanäle eröffnet auch die Chance, mit Banken auf anderen wichtigen Märkten Vertriebsabkommen auf Gegenseitigkeit zu schließen, zum Beispiel in den USA, wo die Allianz über kein eigenes Vertriebsnetz verfügt.

Nach Auffassung der Allianz kann nur ein vollständig integriertes Geschäftsmodell den gewünschten höheren Absatz, die Kosteneinsparungen und Erlössynergien erzielen. Die Allianz plant bis 2006 Einsparungen von jährlich 305 Mio. Euro sowie Erlössynergien von 55 Mio. Euro.

Analysten geteilter Meinung über Allfinanz-Konzept

Einige dieser Voraussagen wirken inzwischen angesichts des starken Rückgangs auf den Finanzmärkten infolge der Terroranschläge in den USA vielleicht zu optimistisch. Aber laut Schmidt ist die Allianz wenigstens in der Lage, klassische Lebensversicherungen anzubieten, sollten die Kunden beim Kauf von Aktien zurückhaltend bleiben.

Die Logik des Allfinanz-Konzepts sei sehr überzeugend, meint ein Londoner Investmentbanker. Die "große Vision" sieht so aus, dass man eine Vielzahl an Produkten und Vertriebskanälen benötigt, um am Markt bestehen zu können. "Bei der Vermögensverwaltung gibt es aber keine Freifahrtscheine", sagte Huw van Steenis, Finanzanalyst bei JP Morgan in London. "Nicht jede Lücke lässt sich mit einem Produkt füllen."

Andere Stimmen sind in ihrer Kritik gegenüber dem Allfinanz-Konzept fundamentaler. "In Wirklichkeit verstehen sich Versicherer und Banker doch gar nicht", meint ein Analyst aus Frankfurt. "Die einen verdienen Geld mit Risiken, die anderen konzentrieren sich darauf, Risiken zu vermeiden."

3.Investmentbanken entdecken den Heimatmarkt wieder

Die Erfolge im Ausland sollen auf das Inland übertragen werden - doch das Geschäft mit Neuemissionen birgt erhebliche Risiken.

Die Zeiten sind vorbei, in denen deutsche Investmentbanken im Schatten ihrer US-amerikanischen Wettbewerber standen. So spielt der Corporate-Finance-Arm der Deutschen Bank im Emissions-, Vertriebs- und Handelsgeschäft sowie in der Fusionsberatung mittlerweile in der globalen Oberliga mit.

Auf den Auslandsmärkten wurden enorme Fortschritte gemacht. Führungskräfte der Deutschen Bank räumen jedoch ein, dass man dabei den deutschen Markt aus dem Auge verloren hat. In den Jahren der Fokussierung auf das Auslandsgeschäft hat die Deutsche Bank ihren Heimatmarkt vernachlässigt und hinkt nun hier ihren US-amerikanischen Wettbewerbern hinterher.

In manchen heimischen Unternehmen glaubt man bereits, dass die Deutsche Bank nicht "deutsch genug" ist, meint Klaus Droste, stellvertretender Leiter der Corporate-Finance-Abteilung der Deutschen Bank in Europa und Bereichsleiter für Deutschland. Presseberichten des letzten Monats zufolge erwägt die Bank sogar eine Verlegung ihres Geschäftssitzes nach London.

Deutsche Bank: Starke Position aufgebaut

Anfang des Monats hat die Bank ihre lang geplante Börsennotierung in den USA unter Dach und Fach gebracht. Nun können US-Mitarbeiter einen Teil ihrer Vergütung in Form von Aktien erhalten, die zudem als Akquisitionswährung in den USA eingesetzt werden können.

In den letzten zwei Jahren hat sich die Deutsche Bank eine starke Position bei Aktienemissionen aufgebaut und stand hier im vergangenen Jahr an zweiter Stelle. In Deutschland liegt sie in diesem Jahr auf Platz eins. Unter den globalen Beratern bei Fusionen und Übernahmen (M&A) rangiert sie auf Platz sieben, in Europa auf Platz sechs, so der Informationsanbieter Dealogic. Nur im deutschen M&A-Geschäft nimmt sie keinen der oberen Plätze ein.

Banken mit Stärken in verschiedenen Bereichen leiden unter dem aktuellen Abschwung im Emissions- und Beratungsgeschäft noch am wenigsten. Wer besonders stark im Aktiengeschäft ist, dürfte schwierigen Zeiten entgegensehen, sollte sich die Marktlage weiter verschlechtern.

Seltenes Phänomen: Investmentbanker gesucht

Das Aktienemissionsgeschäft läuft zwar auch anderswo derzeit nicht gut, "in Deutschland ist die Lage aber besonders ernst", glaubt Ernst Fassbender, Leiter des Investmentbanking von Merrill Lynch in Deutschland. "Deutschland ist einer dieser typischen Schönwettermärkte. Wenn die Sonne scheint, ist alles möglich. Schlägt das Wetter jedoch um, geht nichts mehr", so sein Fazit.

Nachdem die Deutsche Bank nun in Europa verankert ist und global den Fuß in der Tür hat, richtet sich ihr Augenmerk zurück auf den Heimatmarkt. "Nach unserem Erfolg weltweit hoffen wir, dass die deutschen Unternehmen uns positiv gegenüberstehen", so Droste. Die Bank sei eines der wenigen Unternehmen, das noch leitende Mitarbeiter im Investmentbanking einstelle.

Beim Erzrivalen Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW) nutzen die Banker gezielt das Image der Bank in Deutschland. Mit der Anfang des Jahres erfolgten Übernahme des vor allem in den USA engagierten Beratungsunternehmens Wasserstein Perella wurde die Position von DrKW auch außerhalb Deutschlands gestärkt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stand Dresdner Kleinwort Wasserstein an erster Stelle unter den M&A-Beratern in Europa. Der Firmenname unterstreicht laut Raimund Herden ihre Internationalität. Herden ist bei DrKW zuständig für den deutschsprachigen Raum.

DrKW von Platz 1 auf Platz 5 abgerutscht

Die Dresdner ist eine der führenden Banken Deutschlands, Kleinwort ein altes britisches Bankhaus und Bruce Wasserstein eines der bekanntesten Corporate-Finance-Institute in den USA. Die Erfolgsbilanz von DrKW in Europa ist jedoch nicht ungetrübt. Während sie im ersten Halbjahr 2001 unter den europäischen Fusionsberatern an erster Stelle stand, rutschte sie drei Monate später auf den fünften Platz ab.

Wie ihre Wettbewerber operieren Deutsche und Dresdner Bank in einem schwierigen Markt, in dem das Fusionsvolumen um rund 50 Prozent zurückgegangen ist und Neuemissionen praktisch nicht stattfinden. Marktkennern zufolge sind die treibenden Kräfte für Fusionen und Akquisitionen in Deutschland aber stärker als auf anderen Märkten.

"Bricht der globale M&A-Markt um 50 Prozent ein, so gilt dies für Deutschland noch lange nicht. Ob ein Anstieg möglich ist, weiß ich zwar nicht, aber ein Rückgang um 50 Prozent wird sich aus deutschlandspezifischen Gründen nicht einstellen", lautet die Einschätzung von Hartmuth Jung, Chef von UBS Warburg Deutschland. Zu den speziellen Gründen gehört die Abschaffung der Kapitalgewinnsteuer aus dem Verkauf von Unternehmensbeteiligungen.

Großer Bedarf an Umstrukturierungen

Auch ist der Bedarf an Umstrukturierungen für deutsche Unternehmen größer als anderswo. Hinzu kommt die Liberalisierung der Telekommunikation und der Versorger. Da deutsche Unternehmen mit als Erste privatisiert wurden, kauften sie sich auch zuerst in die geöffneten Märkte ein.

Seine deutschen Wettbewerber hoffen, dass es ihnen mit Hilfe ihres Namens und der Kenntnis des deutschen Marktes gelingt, sich einen Teil des erwarteten Geschäfts zu sichern. "Wir sind entschlossen, die Führungsposition einzunehmen", bekräftigt Bereichsleiter Droste von der Deutschen Bank.

Globalisierungseffekte
Alte Fehler

Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer räumt ein, dass sein Institut bei der Konzentration auf das Auslandsgeschäft in den vergangenen Jahren das Inlandsgeschäft vernachlässigt hat. Mittlerweile
hinken hier zu Lande die Deutschen den ausländischen Konkurrenten in wichtigen Bereichen hinterher.

Neue Hoffnung
Investmentbanken internationaler und inzwischen auch nationaler Herkunft setzen nun auf den deutschen M&A-Markt. Ein Grund dafür ist unter anderem die Abschaffung der Kapitalgewinnsteuer auf den Verkauf von Unternehmensbeteiligungen.

4.Goldene Zeiten für Unternehmensverkäufer

Für die führenden deutschen Bankeninstitute, Versicherungsunternehmen und Energieversorger brechen im nächsten Jahr goldene Zeiten an. So eine Chance, wie sie sich ihnen dann bietet, gibt es in jeder Generation höchstens einmal.

Im Januar 2002 tritt ein lange erwarteter Teil der Steuerreform in Kraft: Gewinne aus dem Verkauf von Beteiligungen an anderen Unternehmen bleiben ab diesem Datum steuerfrei. Im Kern bedeutet das eine grundlegende Änderung dessen, wie die Deutschland AG seit dem Zweiten Weltkrieg funktioniert hat.

Nunmehr können nämlich die Allianz oder die Deutsche Bank, denen beträchtliche Teile der deutschen Wirtschaft gehören, ihre Beteiligungen steuerfrei verkaufen. Milliarden Euro, die bisher brachliegen, könnten dadurch frei werden und für die Neustrukturierung der Finanzkonzerne selbst eingesetzt werden.

Banken und Versicherungen, die es lange Zeit gewohnt waren, der deutschen Industrie strategisch die Richtung vorzugeben, werden sich wahrscheinlich zurückziehen und sich stärker auf ihr eigenes Geschäft konzentrieren. Der an den Börsen verfügbare Streubesitz an Anteilen wird zunehmen, und die Beteiligungsverhältnisse dürften durchsichtiger werden. Das wiederum sollte zu einer Verbesserung der Unternehmensführung und -kontrolle (Stichwort Corporate Governance) in Deutschland führen.

Verkrustete Strukturen werden aufgebrochen

"Der Wegfall der Besteuerung von Beteiligungsverkäufen wird erhebliche Auswirkungen haben. Jetzt ist der Anreiz da, überkommene, veraltete Strukturen in der Industrie aufzubrechen", sagt Stephan Römer von WestAM, einem institutionellen Vermögensverwalter.

Natürlich haben die schwachen Aktienkurse und die Terroranschläge in den USA erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich Terminierung und Größenordnung der erwarteten Beteiligungsverkäufe hinterlassen. Doch weiß man in den deutschen Vorstandsetagen, dass die Chancen durch die neuen Gesetze vielleicht nicht ewig bestehen bleiben. "Alle Beteiligungen der Bank stehen zum Verkauf. So schnell, wie der Gesetzgeber diese Möglichkeit eröffnet hat, kann er sie auch wieder abschaffen", warnte schon im Mai Axel Pfeil, Chef von DB Investor, dem Bereich der Deutschen Bank, der die Unternehmensbeteiligungen verwaltet.

Wenn Wirtschaft und Börse weiter schwach bleiben, könnte in den ersten Monaten des kommenden Jahres noch die Vorsicht regieren. Aber der Druck auf die Beteiligungsinhaber, die neuen gesetzlichen Möglichkeiten zu nutzen, wird bestehen bleiben. Denn nach den Bundestagswahlen in einem Jahr könnte eine neue Regierung die alte Besteuerung von Beteiligungsveräußerungen wieder einführen.

Beteiligungen im Wert von 100 Mrd. Euro

Daher überlegen Börsenanalysten fieberhaft, welche Beteiligungen wohl am ehesten verkauft werden. Die Hauptaufmerksamkeit richtet sich dabei auf die Finanzdienstleister - insbesondere die Allianz, die Deutsche Bank, die Münchener Rück, die HVB-Gruppe, die Commerzbank und die Westdeutsche Landesbank (WestLB) -, deren Beteiligungen Anfang September mehr als 100 Mrd. Euro wert waren.

Analysten der niederländischen Bank ABN Amro prognostizierten vor kurzem, dass etwa 30 bis 50 Prozent dieser Beteiligungen in den nächsten zwei bis vier Jahren auf den Markt kommen dürften.

Die Industriebeteiligungen der Allianz

Viel wird nun davon abhängen, wie sich der Versicherungskonzern Allianz verhält. Nach der Übernahme der Dresdner Bank im Frühjahr verfügt die Allianz derzeit über ein größeres Beteiligungsportefeuille als je zuvor. Darunter sind Anteile an nicht weniger als 17 der 30 im Dax vertretenen Unternehmen.

Blue Chips der deutschen Industrie stehen zum Verkauf

Laut ABN Amro könnte die Allianz die Hälfte ihres 10,6-Prozent-Anteils am Energieversorger Eon, etwa ein Drittel ihrer 29,8 Prozent an der Münchener Rück, ihre gesamten 4,6 Prozent an der Deutschen Bank und die gesamten 1,4 Prozent an Mannesmann (inzwischen mehrheitlich im Besitz des britischen Telekommunikationskonzerns Vodafone) verkaufen. Zusammen mit dem Verkauf verschiedener kleinerer Beteiligungen würde die Allianz damit nach Kursen von Anfang September etwa 15 bis 20 Mrd. E einnehmen.

Bei der Deutschen Bank sind die fünf wertvollsten Beteiligungen die an Münchener Rück, DaimlerChrysler, Allianz, Eon und Linde AG. Der Verkauf ihres 12,1-Prozent-Anteils an DaimlerChrysler wäre für die Deutsche Bank eine echte Wende, denn diese Beteiligung hatte die Bank seit vielen Jahren als ihre wertvollste angesehen. Die meisten Analysten erwarten denn auch, dass die Deutsche Bank nicht alle Anteile verkauft, sondern ein ausgesuchtes Portefeuille aus alten und neuen Beteiligungen unter der aktiven Verwaltung von DB Investor behält.

Bei der Münchener Rück und der HVB-Gruppe (früher HypoVereinsbank) hängt viel davon ab, ob die beiden Unternehmen ihre Überkreuzbeteiligungen und die umfangreichen Beteiligungen an der Allianz reduzieren wollen. Man geht davon aus, dass mindestens der 24,9-Prozent-Anteil der Münchener Rück an der Allianz zum Verkauf steht.

5.Deutsche Börse steht besser da als die Wettbewerber

In der Flaute erweist sich der Boom beim Terminhandel als unverzichtbarer Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Angesichts der anhaltenden Schwäche an den internationalen Börsen müsste man eigentlich annehmen, dass die Deutsche Börse AG in Frankfurt nicht viel Grund zum Optimismus hat. Seit Anfang dieses Jahres ist der Dax dramatisch gefallen, und der Nemax 50, der Index der Schwergewichte des Neuen Marktes - einst als Europas Antwort auf die Nasdaq gepriesen - ist von seinem Höchststand im März 2000 um 90 Prozent gefallen. Das Vertrauen der Anleger wurde durch Insolvenzen, Gewinnwarnungen und den Verdacht auf Insidergeschäfte erschüttert, sodass die Deutsche Börse zahlreiche Reformen ihres Regelwerks ankündigen musste.

Aber insgesamt gesehen war dieses Jahr bislang nicht übel für die deutsche Leitbörse in Frankfurt. Für den von vielen Experten als unvermeidlich angesehenen Konzentrationsprozess ist die Deutsche Börse in der zersplitterten europäischen Börsenlandschaft gut gerüstet.

Ein reibungsloser Börsengang

Der eigene Börsengang der Deutschen Börse - eine der größten deutschen Neuemissionen des Jahres - gelang erstaunlich reibungslos. Trotz ungünstiger Marktbedingungen war das Angebot 23fach überzeichnet und brachte fast 1 Mrd. Euro ein.

Außerdem hat die Terminbörse Eurex, ein Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Börse und der Schweizer Börse SWX, von der Volatilität an den weltweiten Aktienmärkten profitiert. Die starken Kursschwankungen haben zu einem Umsatzboom bei Derivaten als Absicherungs-Instrumente geführt, auf die sich die Terminbörsen spezialisiert haben.

Diese Stärke der Eurex hat den Rückgang der Aktienumsätze mehr als wettgemacht, sodass die Deutsche Börse in den letzten beiden Quartalen starke Gewinnsteigerungen melden konnte. Anders als die meisten anderen Börsen bekräftigte sie auch ihre Ziele für 2001, die ein Umsatzwachstum von zehn bis 15 Prozent und ein Gewinnwachstum von 15 bis 20 Prozent vorsehen.

Fusionen nur noch ein Rand-Thema

Aber auch wenn das Konzernergebnis von den guten Zahlen der Eurex gestützt wurde, bleibt doch der eigentliche Aktienhandel für die Strategie der Deutschen Börse zentral. Seit dem fehlgeschlagenen Fusionsversuch mit der London Stock Exchange (LSE) zu iX im vergangenen Jahr und dem Börsengang im Februar hat sich die Einstellung der Deutschen Börse zur Konsolidierung gewandelt.

Um die propagierten Fusionen und Übernahmen sei es bei der Deutschen Börse inzwischen doch etwas ruhiger geworden, sagt Harry Harutunian, Analyst bei der Commerzbank. "Inzwischen möchte man auf dem Weg über Partnerschaften den Aktienhandel mit dominieren, und nicht mehr durch direkte Übernahmen, denn bei diesen gibt es immer große behördliche und politische Hürden."

"Die Deutsche Börse wird das Geld aus dem Börsengang wohl eher zur Unterstützung der Deutschen Börse Systems AG verwenden und für kleinere Übernahmen", sagt Johannes Thormann, Analyst bei der WestLB Panmure. Einen großen Teil des Geldes wird die Börse nach eigenen Angaben auch in jene Software- und Technologieprojekte stecken, auf denen die marktbeherrschende Stellung der Deutsche Börse beruht.

Geschäft wird schrittweise ausgedehnt

Vorstandsvorsitzender Werner G. Seifert, unter dem sich seit 1993 die Frankfurter Börse von einem mittelgroßen Unternehmen zu einer hochrentablen internationalen Größe entwickelt hat, spricht in letzter Zeit viel von "Insourcing" und "horizontaler Integration". Die Deutsche Börse verfolgt inzwischen einen eher schrittweisen Ansatz zur Ausdehnung ihres Geschäfts durch eine Anzahl unterschiedlicher Projekte.

Einer dieser Ansätze war und ist es, den Marktanteil des Börsenplatzes Frankfurt zu steigern, indem konkurrierenden Börsen über das elektronische Handelssystem Xetra Umsatz abgenommen wird.

Bereits heute gibt es eine Reihe von Kooperationsvereinbarungen mit Partnern in Europa und in den USA. An der Dubliner und der Wiener Börse wird der Handel mit Inlandspapieren über Xetra abgewickelt.

200 US-Blue-Chips im Xetra-Handel

Anfang September startete die neueste Initiative - die Aufnahme von 200 US-amerikanischen Blue Chips in den Xetra-Handel, um institutionelle Anleger aus ganz Europa auch in diesem Bereich für sich zu gewinnen.

Auch ihre Stärke bei den Derivaten und beim Clearing wird die Deutsche Börse für sich nutzen wollen. Die Anleger sähen es sicher gern, wenn Seifert die Anteile ihrer Partner bei Eurex und der Abwicklungs- und Abrechnungsorganisation Clearstream übernähme.

Aber auch wenn die Deutsche Börse ihre iX-Ambitionen ad acta gelegt hat, beobachtet sie die Mitbewerber in ihrem stark veränderten Umfeld genau. Schließlich sind auch die LSE und Euronext, die letztes Jahr aus der Fusion der Börsen in Paris, Amsterdam und Brüssel hervorgegangen ist, in diesem Jahr selbst an die Börse gegangen. Der neue Status der drei großen Börsen erlaubt eine höhere Kapitalaufnahme, und wahrscheinlich wird es doch bald wieder einen neuen Anlauf zu Allianzen oder Übernahmen geben.

Erste Übernahme bahnt sich in London an

Zweifellos betrachtet man in Frankfurt die Entwicklungen genau. "Im Innersten, da bin ich mir sicher, würden sie wohl doch am liebsten mit jemandem wie der LSE zusammengehen, aber die politischen Probleme, die das Projekt damals zu Fall brachten, sind nicht ausgeräumt. Mit einer baldigen Großfusion ist nicht zu rechnen", sagt Harutunian. Auch Seifert selbst hat zuletzt immer wieder betont, dass die Prioritäten seines Hauses nicht mehr bei großen Fusionen liegen. Kleinere Börsen können nach seiner Ansicht "ähnliche Transaktionsvolumina wie London beisteuern".

Die erste Übernahme bahnt sich derzeit in Großbritannien an. Die LSE will die Terminbörse Liffe übernehmen. Auch Euronext, die aus dem Börsengang im Juli über etwa 800 Mio. Euro verfügt, ist ein möglicher Bewerber. Die Deutsche Börse wird sich aus einem Bieterkampf um die Liffe jedoch nach Ansicht von Beobachtern heraushalten, weil ihre Beteiligung an Eurex auf kartellrechtliche Bedenken stoßen dürfte.

Qeulle:Financial Times Deutschland












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